Extremskifahrer Pierre Tardivel. Erfolge im Montblanc-Massiv und den Aravis

Erfolge im Montblanc-Massiv und den Aravis

Das Extremskifahren, das vor 30 Jahren nur ein paar wenigen Spezialisten vorbehalten war, gewinnt rasch an Anhängern. Pierre Tardivel erachtet es als notwendig, einige Vorsichtsmassnahmen und Grundregeln in Erinnerung zu rufen, wenn man diese Disziplin unter den bestmöglichen Bedingungen betreiben will. Der Autor lässt uns an drei Erstbefahrungen in den französischen Alpen teilnehmen, die ihm in Begleitung von Bertrand Delapierre, Tim Dobbins und Paul Mc Leod gelungen sind.

Beim Extremskifahren steht häufig die Hangneigung im Mittelpunkt des Interesses. Daraus ergibt sich eine fast mani-sche Fixierung auf Zahlen, die manchmal ins Lächerliche kippt. « Anhaltend 60°, mit Stellen von 65° und mehr », heisst es dann. Nach 20 Jahren Ski fahren in den steilsten Hängen ist mir eines klar geworden: Wer schöne Erstbefahrungen machen will, darf nicht die Hangneigung zum alleinigen Kriterium machen, sondern muss andere Gesichtspunkte mit einbeziehen. Er muss fähig sein, Routen zu finden, an die bisher niemand gedacht hat. Er muss aufmerksam und permanent den Berg beobachten, um sofort aufbrechen zu können, wenn die Verhältnisse optimal sind. Er muss sehr flexibel über seine Zeit verfügen können für Training und Auskundschaften sowie Realisation der Abfahrten, denn es gibt Routen, die nur an zwei oder drei Tagen im Jahr befahrbar sind. Wichtig ist, dass er seine Grenzen kennt und ruhig Blut bewahren kann, erfahren ist und über gutes Material verfügt.

Die Hangneigung Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, kommt es nicht mehr darauf an, ob der Hang nun 45 oder 50° steil ist. Ich habe übrigens seit einigen Jahrensystema-tisch die Couloirs mit einem Neigungsmesser ausgemessen und bin zum Schluss gekommen, dass die steilsten Hänge in den Alpen im Allgemeinen nicht steiler sind als anhaltend 50°, vielleicht ausnahmsweise einmal für wenige Meter 55° erreichen, aber diese Marke nie überschreiten. Die von den Pionieren übermittelten Zahlen wurden vermutlich überschätzt, sodass man nicht wagte, gewisse Abfahrten anzugehen. Die heutigen Extremskifahrer haben offensichtlich diese Komplexe nicht und wählen Hänge, von denen sie nicht wissen, ob sie bereits befahren worden sind oder nicht. Die Skifahrer und Snowboarder sind nicht mehr notwendigerweise Alpinisten, sondern so genannte « Freerider », die von der Schönheit eines Couloirs angezogen sind, von einer Linie, von der

Der noch junge Pierre Tradivel Fo to s: Ar chi v Pie rr e Ta rd w el DIE ALPEN 3/2002

Breite eines Hangs, in den sie ihre grossen Schwünge legen können.

Fehlende Informationen und ihre Folgen Da die Disziplin Extremskifahren wenig kommerzielles Potenzial besitzt mit entsprechend geringem Medieninteresse, entwickelte sie sich relativ langsam. Seit einiger Zeit ist sie aber zu einer Trendsportart geworden mit der Folge einer beunruhigenden Anzahl von Unfällen. Immer noch fehlt es zum Teil an der Information – mit schwer wiegenden Auswirkungen: Unkenntnis der Risiken, die im Spiel sind, fehlendes Wissen über das geeignete Material, die alpinistischen Techniken, Rettungsmassnahmen und die Eigenschaften von Schnee. Dazu kommen mitunter Verhaltensweisen, die im Hochgebirge nichts zu suchen haben.

Den richtigen Moment abwarten können Vielleicht ist « Les Jardins de Kathy » die schönste Abfahrt in der Kette der Aravis 1, sicher ist sie aber die schwierigste: extrem steil und nur bei ausserordentlich günstigen Schneeverhältnissen machbar, wenn nämlich eine Reihe von Felspartien bedeckt sind. Zudem ist am Morgen der Schnee zu hart, und am Mittag drohen Lawinen, sodass das Zeitfenster für eine mögliche Abfahrt äusserst kurz ist. Ganz allgemein ist zu empfehlen, den dritten schönen Tag nach dem letzten Schneefall abzuwarten, um eine gewisse Garantie zu haben, dass sich der Schnee verfestigt hat. Trotzdem werden manchmal Steilabfahrten bereits am ersten schönen Tag unternommen, obwohl Schneerutsche an allen Ecken beobachtet werden können. Die Unfälle der Vergangenheit sind halt leider schnell verdrängt.

Zwingend: über die Route aufsteigen Den drei im Gebiet des Montblancs gemachten Abfahrten ist eines gemeinsam: Sie sind alle bis 50° steil. Es wird also eine Weile dauern, bis sie zu Klassikern werden! Alle drei Routen haben wir zudem im Aufstieg erkundet, was absolut zwingend ist für die Sicherheit einer Abfahrt – 1 Die Chaîne des Aravis zieht sich von Cluses – im Arvetal zwischen Genf und Chamonix gelegen – aus südwärts.

Bertrand Delapierre ( Snowboard ) beim Filmen von Paul Mc Leod am Fuss der Aiguille de Bionnassay Pierre Tardivel nach vier Stunden Aufstieg neben der Gipfelwechte der Aiguille de Bionnassay « La Diagonale du Goofy » erhielt ihren Namen wegen der langen Traverse unterhalb der Seracs der Aiguille de Bionnassay ( 4052 m ).

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ganz zu schweigen vom Vergnügen, das man hat, wenn man die Route hochklettert.

Ein weiterer heikler Punkt sind die Sprünge. An den Courtes erlaubten wir uns, über eine überhängende Bergschrunde zu springen – mit Tiefblick von mehreren hundert Metern. Dort, wo wir landeten, hatte der Hang eine Neigung von 45°, und es lag ziemlich viel tiefer Neuschnee. Wir hatten eine recht grosse Sicherheitsmarge, trotzdem waren Fehler nicht erlaubt.

Erstbefahrungen in den Aravis... Im letzten Jahr gelangen uns drei Premieren. Die erste war « Les Jardins de Kathy » am 2. 4. 2001 an der Roualle ( 2589 m, Chaîne des Aravis ), 500 m, durch Bertrand Delapierre ( Snowboard ) und Pierre Tardivel ( Ski ). Dass es das noch gibt, eine Erstbefahrung in den Aravis! Die Route ist nicht einfach zu finden. Man muss die Croise Baulet besteigen, um sie zu sehen. Da der übliche Ausgangspunkt, das Vallon de l' Arondi-ne, völlig aper war, gingen wir von der Route des Alpages aus, die sich auf einer Höhe von 1500 m durch die Bergkette zieht. Wir folgten der Strasse etwa 3 km weit und stiegen dann mit den Fellen steil hinauf zum Fuss des Couloirs. Zuerst muss eine 35 m lange Eisrinne mit 70° solo erklettert werden, was die Sache nicht gerade vereinfacht. Darüber ist der Hang sehr ausgesetzt ( 50° ). Nach zweistündiger Kletterei waren wir auf dem Gipfel. Die Abfahrt verlief schnell. Im unteren Teil verdoppelten wir unsere Aufmerksamkeit, denn das Couloir wird eng, und wir mussten manchmal praktisch auf der Stelle wenden. Zum Abschluss setzten wir solide Haken in wenig dickes Eis und seilten uns über die Eisrinne ab. Bei unserer Ankunft wurden wir von den ersten Schneerutschen, die durch das Couloir fegten, begrüsst. Höchste Zeit also!

... vom Col de la Tour des Courtes... Am 2O. 5. 2001 folgte die Abfahrt vom Col de la Tour des Courtes ( Montblanc-Massiv ), 650 m, durch Bertrand Delapierre ( Snowboard ), Pierre Tardivel und Tim Dobbins ( Ski ). Die Route verläuft direkt gegenüber dem Refuge d' Argentière. Der Aufstieg bot keine Probleme; wir kletterten ohne Seil und wechselten uns beim Spuren ab. Eine der Hauptschwierigkeiten ist die beträchtliche Zahl von Serac-Barrieren. Zwei solche Stellen bremsten uns im Aufstieg und zwangen uns zum Abseilen bei der Abfahrt. 50 Meter unter der Wechte stellten wir fest, dass nur wenig Schnee lag, Vorsicht war also geboten. In der bis zuunterst angenehmen Abfahrt konnten wir richtig flüssig Ski fahren und einige schöne Schwünge bei gutem Tempo sowie eine Reihe von Sprüngen hinlegen.

... und La Diagonale du Goofy Der dritte Streich war am 21. 6. 2001 La Diagonale du Goofy, in der Aig.de-Bionnassay-Nordwand ( Montblanc-Massiv ), 1000 m, durch Bertrand Delapierre ( Snowboard ), Paul Mc Leod und Pierre Tardivel ( Ski ). Auch diese Route ist von der Tête Rousse gut sichtbar und liegt zwischen dem Nid d' Aigle und dem Refuge du Goûter. Oben eine schiefe Ebene von 500 m, sehr ausgesetzt, anhaltend steil. Man fährt direkt unter der berühmten Gipfelwechte der Aig. de Bionnassay.

La Diagonale de Goofy und der Col de la Tour des Courtes konnten meines Wissens in den 30 Jahren des extremen Skilaufs noch nie befahren werden. Mächtige und bedrohliche Seracs machten eine Abfahrt unmöglich. Weil diese heute abgeschmolzen sind, hat sich die Situation grundlegend geändert.

Ich hatte schon lange von diesen drei Abfahrten geträumt und mich manchmal gefragt, ob ich sie je werde machen können. Während den Abfahrten war mir bewusst, dass ich einmalige Momente erlebte. Ich denke, meinen Begleitern hats auch Spass gemacht. Ich freute mich, ihnen zuzusehen und mit ihnen dieses grossartige Abenteuer zu teilen. a

Pierre Tardivel, Metz-Tessy ( F ) ( ü ) Bertrand Delapierre ( Snowboard ) und Paul Mc Leod im oberen Teil der Nordwand der Aiguille de Bionnassay Fo to :A rc hi v Pie rr e Ta rd w el

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