Faszination Everest ungebrochen. Frühling 2004 an den Bergen Nepals und Tibets

Faszination Everest ungebrochen

Zum 50-Jahr-Jubiläum der Erstbesteigung im Frühjahr 2003 erreichte eine Rekordzahl von Bergsteigerinnen und Bergsteigern den Gipfel des Everest. Überraschenderweise war ihre Zahl ein Jahr später noch höher. Die Faszination des Everest ist ungebrochen, und die gute Infrastruktur der kommerziellen Expeditionen verhilft vielen Personen zum Erfolg.

Zwar waren im Frühling 2004 etwas weniger Teams als im Jahr davor am Everest unterwegs, dafür erreichten mehr Bergsteiger seinen Gipfel: Insgesamt waren es 319 gegenüber 260 im Vorjahr, die das Dach der Welt bestiegen. Rekordtag war der 16. Mai, an dem 61 Menschen auf dem höchsten Punkt der Welt standen. Leider gab es in diesem Jahr auch verschiedene Unfälle am Everest, bei denen sieben Menschen ums Leben kamen, davon verunglückten fünf beim Abstieg vom Gipfel.

Russen eröffnen neue Linien Ebenfalls am Everest gelang einem starken russischen Team eine neue Linie durch die grandiose Nordwand. Seine Mitglieder arbeiteten sich einen Monat lang durch steinschlaggefährdete Passagen, senkrechte Couloirs, Rinnen und Felspassagen hoch, bevor sie zum Gipfel aufsteigen konnten. Für den Abstieg wichen sie auf die Standardroute der Nordseite aus.

Auch am Jannu, 7710 m, einem Siebentausender in Ostnepal in der Nähe des Kangchendzönga, eröffnete eine russische Mannschaft eine neue Route durch dessen extrem steile, « wall of sha-dows » – Wand der Schatten – genannte Nordwand. Davor hatten sich neun Expeditionen, darunter auch solche aus der Schweiz, an dieser Wand die Zähne ausgebissen. Die Russen, geleitet von Alexander Odinstov, arbeiteten wochenlang in Schichten in der Wand und kamen manchmal nur wenige Höhenmeter pro Tag voran. Am 26. Mai erreichten die ersten zwei Kletterer den Gipfel, gefolgt von drei weiteren zwei Tage später. Bereits 1989 hatte der Slowene Tomo Cesen angegeben, die Wand durchstiegen zu haben – sein Erfolg ist aber umstritten im Gegensatz zu jenem der Russen, die auch durch die gewaltige Wand abstiegen. Sherpas am Everest Ebenfalls zu Diskussionen Anlass gab die Leistung von Pemba Dorje Sherpa. Er gab an, in der Nacht des 2O./21. Mai in 8 Stunden und 8 Minuten vom Basislager auf der Route über den Südsattel auf den Everest aufgestiegen zu sein. Pemba hatte bereits 2003 in der Rekordzeit von 12 Stunden und 45 Minuten den Gipfel bestiegen, war aber durch seinen Konkurrenten Lhakpa Gelu Sherpa mit 10 Stunden und 56 Minuten kurz darauf geschlagen worden. Zwischen den beiden entbrannte in der Folge eine Kontroverse, auf die Pemba nun mit seinem erneu-

Der Lhotse, rechts im Bild seine markante Südwand, und der Everest, hinten links mit seiner Gipfelspitze. Einmal mehr legte der höchste Berg der Welt in diesem Frühling noch an Beliebtheit zu. Im Everestgebiet werden Yaks bei alpinistischen Unternehmungen, sei es auf der nepalesischen, sei es auf der tibetischen Seite, als genügsame und äusserst robuste Tragtiere eingesetzt.

Der aus Furcht vor Anschlägen mit Stacheldraht eingezäunte Flughafen von Lukla, dem Eingangstor zum Khumbu Fo to s: Ch rist ine Kopp DIE ALPEN 9/2004

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ten Aufstieg antworten wollte. Da er aber dabei nicht gesehen wurde und seine Aussagen über leuchtende Stirnlampen, die er vom Gipfel aus gesehen haben will, angezweifelt wurde, ist sein neuer Rekord umstritten.

Unumstritten ist dagegen der Gipfelerfolg eines anderen Einheimischen: Appa Sherpa aus dem Dörfchen Thame im Khumbu hat den Gipfel im Alter von 42 Jahren zum vierzehnten Mal bestiegen – eine unglaubliche Leistung 1. Wie der bescheidene Appa immer wieder festhält, steigt er nicht auf den Everest, um irgendeinen Rekord zu brechen, sondern allein, um « gutes Geld für meine Familie zu verdienen mit der einzigen Arbeit, die ich zu verrichten weiss ». Eine ganz andere Einstellung als jene der meisten Everest-Besteiger, die als Touristen an den Berg kommen und dazu sehr viel Geld aufwenden! a

Christine Kopp, Unterseen 2 1 Vgl. ALPEN 5/2002 2 Der Beitrag basiert auf einem ausführlichen Bericht von Elizabeth Hawley, Kathmandu.

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