Findling vom Tödi bei Netstal (GL)

Fundsachen am Fusse eines Felsbrockens

Wuchtig, klotzig und dennoch harmlos und unspektakulär wirkt der Felsbrocken auf Schlatt im Glarnerland: der « Findling vom Tödi », frei stehend, eingebettet in einer Mulde im Grashang, östlich von Netstal. Nach der letzten Eiszeit hat ihn der Linthgletscher hier abgeladen, seit 1908 steht er unter Naturschutz. Am geologisch dem Karbon-Konglomerat zugeordneten Felsbrocken wird häufig gebouldert, aber nicht nur: Fund-sachen am Fusse eines Findlings.

Der Tempel Neulich muss der Findling als Tempel gedient haben. Zahlreiche gefaltete Zettel, bedruckt mit religiösen Texten, liegen – von faustgrossen Steinen beschwert – im Trockenen. Allein und geschützt, der Zivilisation fern und doch nah, lässt sich hier gut studieren, meditieren und philosophieren. Was zurückbleibt, ist die Spur eines Suchenden, der wohl mit unzähligen Fragen kam, ein paar Antworten erhielt und mit neuen Fragen wieder ging.

Die Klagemauer Heute sitzt auf der Bank unter dem Stein eine greise Frau, den Kopf im Nacken, die Augen geschlossen. Sie schläft tief, ihr Atem ist flach. Nach geraumer Zeit erwacht sie und drückt dem Kletternden gegenüber ihre Bewunderung aus. Anschliessend erzählt sie ihm ihre ganze Geschichte. Sie klagt über ihr unterdrücktes Leben, voll von schlechten Bedingungen, schimpft über ihren Bruder, den ewigen Tyrannen. Zuletzt rezitiert sie Gedichte, die sie in ihrer Schulzeit auswendig lernen musste. Heute geben sie ihr Würde und Trost in der Trostlosigkeit ihres Daseins.

Der Schützengraben Am anderen Tag ist im Schutz des Schlatt-steins der Trupp einer Minenwerfer-Kompanie in Stellung gegangen. Ihr Geschütz zeigt talauswärts gegen den Himmel. Die Mannschaft hat es sich auf Zeltblachen bequem gemacht. Warten auf weitere Befehle, heisst ihr Befehl. Rau-chend das Klettertreiben beobachten verkürzt die Wartezeit. Das Bouldern ist ihre Sache nicht. Die schwere Ausrüstung hält sie auf dem sicheren Boden des zu verteidigenden Vaterlandes.

Die Schatztruhe Unlängst schwebte gleich einem UFO der tellerförmige Detektor eines Metall-suchgerätes über das frisch gemähte Gras. Ein Schatzsucher ist unterwegs. Er sucht Gewehrkugeln aus der Zeit der

Fern der Zivilisation und doch nah lässt sich am Schlattstein studieren, meditieren, philosophieren – und bouldern.

Der « Findling vom Tödi », der wuchtig, klotzig und dennoch harmlos wirkende Felsbrocken auf Schlatt im Glarnerland, steht seit 1908 unter Naturschutz.

Fo to s: Feli x O rt lie b DIE ALPEN 9/2001

Vorderlader. Geschichtsbücher haben ihm den Ort der kriegerischen Auseinandersetzung verraten. Aus der Deckung des Schlattsteins sind vielleicht die ersten Kugeln abgefeuert worden und haben, so sie den Feind verfehlten, ins nahe Erdreich eingeschlagen. Systematisch schreitet der Forschende das Gelände ab, teilt das Feld in Sektoren ein und markiert diese mit Pflöcken. Gibt das Suchgerät zum Graben Anlass, hebt er mit einer Blechschaufel die Grasnarbe an und fährt zur Feinsuche mit der Sonde in das Loch. Da! Was aussieht wie ein dreckiger Kieselstein, entpuppt sich als eine finger-beergrosse, handgegossene Gewehrkugel. Ein Schatzsucher im Glück.

Das Übungsobjekt Am Samstag hält ein Rega-Pilot seine Maschine über dem Schlattstein in der Schwebe. Drei Retter kauern am Gipfel des Felsbrockens neben dem auf eine Bahre gepackten « Patienten ». Die heikle, wehrlose Fracht ist gegen den Absturz mit einer Übergabestruppe am Fels gesichert. Die Rettungsleine unter dem Hubschrauber wird vom Flughelfer per Funk auf die richtige Höhe eingewiesen. Er ergreift den pendelnden Haken am unteren Ende der Leine und klinkt sich mitsamt der Bahre ein. Der Hubschrauber steigt. Das Trapez spannt sich. Die ganze Einheit hebt ab und fliegt weg. Ende der Übung.

Der Boulderfels Wiederum ist Steinzeit, es lockt das Kletterleben. Jeder erwachende Frühling lädt ein zu einer neuen, alten Bekanntschaft. Mit der ersten Berührung und dem prüfenden Abtasten der weiss gepuderten Nischen beginnt die erwartungsfrohe Beziehung. Bereits Bekanntes erinnert an den letzten Sommer. Gedanken spielen dem Felsen entlang. Die Vorstellung greift und tritt in die Unebenheiten, die Halt versprechen. Mit dem Hineinzwän-gen der Füsse in die zu engen Kletterschuhe erwacht nun auch endgültig das begierige Bewegungsgefühl. Das präzise Führen von Körper und Kraft im Spiel mit der Schwerkraft macht die Auseinandersetzung mit der Steilheit reizvoll. Es ist, als wollte man höher steigen, um tiefer zu fühlen: die Erotik des Kletterns. Der harte Fels unter den Fingern drückt. Die Unterarme brennen. In der lähmenden Ermüdung häufen sich Unsicherheiten. Bebend vibrieren die Fersen. Bald schon mit den Kräften am Ende, versagen weitere Versuche immer hilfloser und lächerlicher am Fusse der Klagemauer. Unerwartet kommt es zur Fehleinschätzung; die rechte Hand rutscht aus, greift ins Leere, der Körper dreht sich unvermeidlich weg. Es folgt der unkontrollierte Sturz.

Ich liege da, richte mich langsam, den Körper abtastend, auf. Da ist keine Taubheit, kein Schmerz. Glück gehabt! Frei durchatmen! Alles ist, wie es war. Der « Findling vom Tödi » liegt immer noch ruhig und gelassen einfach nur da. a

Felix Ortlieb, Schwanden Geschichten, Lebensgeschich-ten werden am Fuss des Findlings vom Tödi wach. Geschichtsbücher wissen davon zu berichten, dass vom Schlattstein aus die Heimat verteidigt wurde; gefunden wurden schon handgegossene Gewehrkugeln.

Bouldern – das präzise Führen von Körper und Kraft im Spiel mit der Schwerkraft macht die Auseinandersetzung mit der Steilheit reizvoll.

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