Freier Blick aufs Mittelmeer – lasst die Berge stehen

Sie war da, Laure de Noves, am 26. April 1327 in Avignon, beim morgendlichen Gottesdienst in der Kirche Sainte-Claire. Er kam hinzu, sah sie, ein einziges Mal, erschaute sie, Laura, 17 Jahre, wie sie einherschritt, unsterblich! Francesco Petrarca hatte seine Muse. Fürs Leben! Diese Ewigkeit zu feiern, bestieg er zehn Jahre darauf, am 26. April 1336, oder auch später, so exakt muss es in der Legende nicht sein, als Erster, mit seinem Bruder, den erratischen Riesen der Provence, Mont Ventoux, 1912 Meter.

Da jedes Ding zwei Seiten hat, und Petrarca von da oben freie Sicht aufs Meer, den Golfe du Lion unter sich, schrie er. Weit in der Weite die Alpen, im Dunst erriet er deren Schnee. Nun ja: sehr weiss, sehr fern, und irgendwo irgendwie dahinter, ganz dahinter, lag, eher vermutlich denn gewiss, das heimatliche Arezzo. Aus der Erregung, sinnenoffen, welthaftig, machte Petrarca, per Ästhetik: Seele, jenen übersinnlich erhabenen Zustand. «La montagne a la place dans l’âme», schrieb Antonin Artaud, etwa ein halbes Jahrtausend später, so präzis muss es nicht sein. «Der Berg hat seinen Platz in der Seele.»

 

Transzendenz aus Elementarstem, ragend gen Himmel die Alpen. Afrika, Eurasien, die scheuernden Platten, man glaubt es kaum, man sieht es nicht, aber tektonisch erheben sich unsere Berge noch immer, um Millimeter im Jahr. Doch es rieselt, rinnt, fliesst, donnert,. kracht allerwegen. Geologie aus Leben, Liebe, Sterben – der Bruch ist immer ein Berg!

 

Die Gletscher schmelzen, schwinden, schmelzen, Erosion, Erosion. Vermessen bringt es nicht, wenn man ahnt, in dreissig Jahren ist das weg, Lyon nördlich hat heute das Klima von Avignon vor dreissig Jahren – Schulterzucken, was sagt man da; aufrecht stehen, gehen, ich weiss nicht, heisst es für jene, die jetzt noch jung sein müssen.

 

Unterhalb Montpellier, sonderbar, ich hatte das gerne, noch ehe ich es zum ersten Mal sah: Sète, kleine, authentische mediterrane Stadt, Hafen, Kais, Kanäle, Criée, Märkte, Etangs, Leuchtturm, Strände, kleine Museen, modeste Kunst: macht fast eine Insel, das Ganze. Denn mittendrin steht ein Berg, 180 Meter Mont Saint-Clair. An dessen einer Flanke im monumentalen Cimetière marin das Grab von Paul Valéry. Die Gegenseite trägt den populären Georges Brassens, und Püppchen mit diesem, im ärmlichen Cimetière de Py. Zweimal grosse Poesie! Aber die Stadt, ausgepowert, Jahr für Jahr. Die Fischer wissen nicht mehr wohin mit ihren schwerelosen Netzen; unfreie Sicht auf zu viel Mittelmeer …

 

Mediterraneo, Adriatico, Apulien zum Beispiel warum nicht die normannische, weisse Romanik, allem voraus der Dom von Trani, meergeboren echt, eine Fährte wies mich hinab damals, nach Otranto, aufs offene, das jonische Meer und hinein in jene weisse Höhle einer grossen Belehrung: Himmel und Erde, Kiesel für Kiesel stumm in den Fussboden gelegt die Kosmogonie der hundert Rätsel, hundert Offenbarungen eines komparatistischen Mönches, Bruder Pantaleone. Doch halt, bist schon am Meer, am Strand. Freie Sicht, keine Berge.

 

Strand aber heisst far niente; zurück, mein Lieber, lass die Berge stehn! Zurück, in die Nähe der Gipfel! Allwo, meine ich, betriebsame Einsamkeit herrscht. Solo, getragen, ertragen, ist die allein schon Beginn jener Grossen Meditation, wie unter zünftigen Alpinisten Die Wand heisst. Im Winter l965 hat er bei voller Mannskraft die seine vollendet, jene eines halben Lebens, vollendet mit jener schrecklichen Direttissima durch die Matterhornnordwand. Einmaliges Symbol, vollendet, weil von den Dolomiten zum Mont Blanc, nichts mehr blieb an Letztem und Schwerem, das er nicht hineinbekommen hätte in Herz, Kopf, Leib, sechster Sinn, Zentralorgane seiner äussersten Limiten, das heisst einer Epoche, die Ära Walter Bonatti, Bubentraum von uns vielen: gelöst, die letzten Probleme der Alpen, allein, auf dem Gipfel, erniedrigt der Berg, freie Sicht aufs Meer.

 

Ehe man sichs versah, waren auf leidlich doppelte Höhe gewachsen die Gipfel unserer neuen, der global kommunizierenden Gunst, die Achttausender: Himalaya, Karakorum, Nepal, Tibet. Der schon als Dritter der Geschichte die Vierzehn sämtlich intus hatte, der Demütige, Leise, Leichte, Tänzer, der sie alle überflog. Erhard Loretan, über sein «kurzes, intensives Leben nahe der Gefahr» hätte das Genie der Schwierigkeit sich wahrlich nicht beklagen können. Wie er umkam, an jenem 28. April 2011, seinem 52. Geburtstag, zu absurd, Fehltritt im Abstieg, kam nieder vom Berg. Seine Seele fand ihren Platz in den Bergen. Es dreht sich etwas um in mir!

Pierre Imhasly

ist Verfasser von Prosa und Gedichten. Sein Poem Widerpart oder Fuga mit Orgelpunkt vom Schnee ist 1979 im Suhrkamp Verlag herausgekommen. Sein Lebenswerk ist die Rhone Saga. Er arbeitete u. A. mit dem Schlagzeuger Pierre Favre, ein Text von ihm ist im Sammelband Dichter am Berg von Emil Zopfi im AS-Verlag, Zürich erschienen.

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