«Fritzland» auf der Engstlenalp. Klettern im Herzen der Alpen

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« Fritzland » auf der Engstlenalp.

Klettern

im Herzen der Alpen

Wer vom Gadmertal von der Susten- passstrasse aus ins Gental abbiegt, gelangt zuhinterst auf die ausge- dehnte Terrasse der Engstlenalp mit dem Engstlensee, 1850 m. Sie ist hervorragend geeignet für sportliche Aktivitäten wie Wandern, Fischen, Schneeschuhlaufen, Skitouren und seit kurzem auch Klettern. In den Jah- ren 2001 und 2002 eröffneten hier Claude und Yves Remy einen neuen Sektor, « Fritzland », mit zurzeit ca. 70 Routen. 1 Das vor Auswüchsen verschonte Gental wartet mit einer reichen und vielfältigen Natur auf. Der 3239 m hohe Titlis, von einem Gletscher und einer Seilbahn ge- krönt, ist der höchste Punkt der Region.

Von ihm aus erstreckt sich die Kette mit den Wendenstöcken in westlicher Rich- tung bis zum Tällistock, während sich in der Ferne die Berner Alpen mit den En- gelhörnern und dem abrupt abbrechen- den Scheideggwetterhorn abzeichnen.

Der Jochpass am oberen Ende des Tals ist ein Übergang, der früher die Verbin- dung zwischen Klöstern im Norden – wie jenem von Engelberg – und dem Sü- den herstellte. Die auf dieser Achse gele- gene Engstlenalp war eine von Mönchen betriebene Herberge 2, deren Bekannt- heit im Lauf der Jahrhunderte ständig zunahm.

Die « Perle der Alpen » Mitte des 19. Jahrhunderts eroberten die Engländer die Alpen. Auch die Engstlen- alp entging ihrer Neugier nicht, unter anderen hielten sich Tyndall und Whymper dort auf. In dieser Zeit wurde das Hospiz zur « Hotel-Pension Titlis » umgewandelt. Zwischen 1850 und 1870 brachen täglich manchmal zehn bis zwanzig Bergführer von der Engstlenalp auf, um mit ihren Kunden den Titlis zu besteigen. Angesichts der zunehmenden Gästezahl erbaute 1890 der Grossvater von Fritz Immer, dem heutigen Besitzer, ein Hotel. Als innovativer Unternehmer stellte er die Ähnlichkeit des Engstlen- sees mit kalten kanadischen Seen fest, importierte Forellen aus diesem Land und gab damit der Fischerei in diesem Seelein einen Impuls. Er installierte zu- dem ein Telefon, das die Engstlenalp mit Meiringen verband. Leute aus der gan- zen Welt kamen zum Besuch auf die 1 Die Schwierigkeit der Routen reicht von 4b bis 7a. Die Mehrzahl liegt zwischen 6a und 6 c ( und erfordert die Beherrschung dieser Schwierigkeit. Die Red. ). 2 Das teilweise umgebaute Holzhaus in der Nähe des Hotels datiert von 1527.

+ Fetish 6b Inter dit 6b + W isigoths 6b+ Biapi 6a + Climb no w 6aBifidus 6a + Ymer 6b + S pirit 7a Aér odur 6 c Nock 6b + Salü Dü R 6 c + Sevy 5 c W endly 6b Bidule 6a + Flop 6b Menhirs 6a + Schnurri 6a Tator 6b Tétoi 6b + S piel mit mir 6b Simone 6b + Bugaboo 6b Fritzland 6b Goujon 6b 5b 5b+ 5 c 6 c+ 6b 6b 6 c 6b+ 7a+ 6b 6b 6 c 6a 5 c 2pa ( 6b ) Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo ( BA035623 ) Ausschnitt aus Landeskarte 1: 50 00, Blatt 255 Sustenpass Sektor « Fritzland » Routenübersicht « Fritzland » Bibi 6a + Cif ou F ob 6b Escr oc 02 4 c Mapuka 5 c Maman 5b Minus 5a Fir e in the sky 6 c Pégazus 6 c Face au lac 6b Octav e 6b Nim nam noum 6b Shakir a 6b 1291 6b GHM L 6 b + T ichodr eam 6a + Tr afic 5 c + Klondy 6a Psy cho 6a Cœur kiba 5 c Pèr e F ritz 6a + Klettern macht fr ei 6a1 pa ( 6b ) Les ours ripoux 7b Z oom 6a + Super No va 6a + R ando 5 c + Bingo 6a Tchao Gino 6a + Leckerli 6 c Häsch dini o vo hüt 6 c Sun, Sex and... V erlag 6a Odition 6b 7a+ 7a 5 c 6 c 6 c 6b 6a 6a+ Black Magic Die Südostwand von « Fritzland » mit dem Sektor « Black Magic » oben rechts Aufstieg zu « Fritzland ». In der Bildmitte der Engstlensee und die Engstlenalp, im Hintergrund die Berner Alpen Fotos: Claude R emy Espion 6b Le r etour du décapité 6a D I E A L P E N 9 / 2 0 0 3 Engstlenalp, die auch « Perle der Alpen » genannt wurde – ein « must » bei einem Aufenthalt im Land von Heidi.

« Fritzland » Sommer 2001. Die Brüder Claude und Yves Remy treffen auf der Engstlenalp ein und steigen durch das Schaftal zu den Felswänden 3 auf, wo sie besseres Gestein ausmachen als zuerst vermutet.

Sie rüsten Routen mit M10-Sicherungs- punkten aus und bedauern, dass die Möglichkeiten, Mehrseillängen-Routen einzurichten, von der Zahl und der Länge her begrenzt sind. Die Felsqualität ist aber unvergleichlich, und ihre Enttäu- schung geht schnell vorüber. Kompen- siert werden die Mehrseillängen-Routen durch die herrlichen Einseillängen-Rou- ten, die sie eine nach der andern in den hervorragenden, rauen Fels des unteren Wandteils legen können. Die Routen verlaufen über erstaunlich gestufte Schichten oder manchmal über unge- wöhnlich grosse Feuersteineinschlüsse.

So entdecken sie im Herzen der Wand ei- ne grosse Mauer, die von diesen « Skulp- turen » durchzogen ist: Es handelt sich um eine Art brauner und schwarzer « Le- gosteine » verschiedener Grössen, die wie auf den steilen und kompakten Fels « ge- klebt » sind und gute Griffe am richtigen Ort bieten.

In diesem Sektor ist « Fritzland » ent- standen, eine Route von zwei herrlichen Seillängen 4, die der ganzen Wand ihren Namen geben wird. Der linke Wandteil lässt sie zögern, und sie verschieben des- sen Erkundung bei jedem Besuch: Der Fels wirkt brüchig und wird von Über- hängen beherrscht. Schliesslich aber, als sie die erste Seillänge gesäubert haben, entdecken sie zahlreiche Horizontalrisse, die es erlauben, in aller Ruhe und viel leichter als vorgestellt, den Dächern aus- zuweichen. Das Ergebnis ist « Olympe », eine Route von fünf kurzen, gut abgesi- cherten Seillängen, die Kletterei im klas- sischen Stil bieten. Im oberen rechten Teil der Wand befinden sich weitere empfehlenswerte Routen: Die abwechs- lungsreiche « Tichodream » verlangt an- spruchsvolle Fusstechnik auf kleinen Einschlüssen in einer steilen Platte. Links 3 Der Wandfuss liegt zwischen 2200 Metern, « Olympe », und 2400 Metern, « Black Magic ». 4 1. SL 6b ( anhaltend, steile Mauer ); 2. SL, 6 c, weist die Schlüsselstelle auf; sie erlaubt zwei Varianten. 5 Boutellier Roman: Urner Alpen West, SACVerlag 1980; Fullin Toni, Banholzer Andy: Urner Alpen 3, SAC-Verlag 1999; Auf der Maur Willy: Zentralschweizerische Voralpen, SAC-Verlag 1996; Auf der Maur Willy: Alpine Skitouren Zentralschweiz-Tes-sin, SAC-Verlag 1999; Anker Daniel: Titlis, AS Verlag 2001; Archiv der Familie Immer.

Yves Remy in « Nock », 6b, « Fritzland ». Dieses Kletter- gebiet umfasst über 70 Routen. Yves Remy in « GHML », 6b+, « Fritzland ». Im Hintergrund der Gipfel des Titlis D I E A L P E N 9 / 2 0 0 3 davon bietet sich eine fantastische, ge- stufte Mauer an, während die Route « Klettern macht frei » rechts davon von breiten Dächern dominiert wird, die an grossen Griffen überwunden werden können. Am letzten Sporn von « Fritz- land », der den « Schtägen»-Weg be- grenzt, ist eine Linie schöner als die an- dere.

Auf Engstlenalp sömmern viele Tiere.

Im Hochsommer sind es neben 200 Rin- dern über 200 Kühe, die zum Teil bis auf 2300 Meter aufsteigen. Aus ihrer Milch wird ein lokaler, typisch harter Bergkäse hergestellt. Zu entdecken gibt es auch zahlreiche frei lebende Tiere. Ganze Ru- del von Gämsen und Steinböcken ziehen auf den Bändern von « Fritzland » – ins- besondere auf der Seite von « Olympe » – herum, Adler, Mauerläufer und Schnee- sperlinge fliegen darüber. Und entlang der Routen verbreitet der wilde Thymian seinen angenehmen Duft.

Nach zwei Saisons und über 90 neu eröffneten und eingerichteten Seillängen ist im Herzen der Alpen 5 ein neues Klet- terparadies des sechsten Grades entstan- den. Und mit seiner Black-Magic-Wand ganz in der Nähe enthält dieser Ort noch viele Überraschungen.

Allgemeine Informationen Zugang zur Engstlenalp: Von Innertkir- chen im Berner Oberland auf der Susten- passstrasse bis zur Abzweigung nach links ins Gental ( taxpflichtige Strasse, zu bezahlen im Restaurant Wagenkehr, Koord. 669/181 ) bis zur Engstlenalp.

Von Frühling bis Herbst täglich Postau- tofahrten von Meiringen zur Engstlenalp Zugang zu « Fritzland »: Von der Engstlenalp aus Wanderweg zum Joch- pass/Engelberg durch das Schaftal – nicht jenen Weg zum Jochpass nehmen, der dem See entlangführt. Vom Parkplatz aus Strasse dem See entlang kurze Zeit Richtung Jochpass, dann links durch die Wiesen, hinauf zu einer Wasserfassung und zum Weg durch das Schaftal. Weiter oben erste Abzweigung links liegen las- sen, nach 20 Min. Steinmann und rote Markierung, von wo aus man die ganze Wand sieht. Weiter den roten Punkten und den Steinmännern folgen und über das Geröllfeld in der linken Falllinie der von grossen Dächern durchzogenen Wand aufsteigen. So erreicht man den Einstieg der Route « Olympe », die sich in diesem Sektor am weitesten links befin- det. 45 Min. von der Engstlenalp Karte/Material: LK 1:25 000 Blatt 1210 Innertkirchen und 1190 Melchtal; ein 60-Meter-Seil, 12 Expressschlingen Absicherung der Standplätze: Zwei M10-Bohrhaken, Karabiner zum Absei- len oder Top-Rope-Klettern Unterkunft: Fritz Immer, Hotel-Res- taurant Engstlenalp, 3862 Engstlenalp- Innertkirchen, Tel. 033 975 11 61, Fax 033 975 13 61, www.engstlenalp.ch, E-Mail hotel(at)engstlenalp.ch Naturschutzgebiet: Ein Teil der linken Talseite und der Nordflanken der Berge bilden das Kantonale Naturschutzgebiet « Wenden ». Campieren im ganzen Tal verboten.

Verschiedenes: Ende Juni wird « Fritz- land » von der Sonne von 6 Uhr morgens bis 17.30 Uhr beschienen. Auf der Engst- lenalp wurden zahlreiche Szenen für Filme gedreht; der berühmteste ist sicher « Golden Eye », der « James Bond » des Jahres 1985 von Albert Broccoli. Darin sieht man den spektakulären Sturz vom Tälli-Gipfel mit Motorrad, verfolgt vom Flugzeug entlang der Schwindel erregen- den Südwand. a C l a u d e R e m y, Ve r s - l' E g l i s e ( ü ) aus. In Wandmitte findet man eine mächtige Mauer, die von diesen « Skulpturen » durchzogen wird. Sie bieten gute Griffe am richtigen Ort!

Die Felswände der Engstlenalp zeichnen sich durch ihre er- staunlich gestuften Schichten und manchmal ungewöhnlich grossen Feuersteineinschlüsse Fotos: Claude R emy Naturschutz Die Autoren des vorliegenden Artikels, Natur- und Bergliebhaber, respektieren Pflanzen und Tiere. Bevor sie ihr Gebiet einrichteten, nahmen sie Rücksprache mit den zuständigen Naturschutzver- antwortlichen. Die Kletterei beeinträch- tigt die lokale Pflanzenwelt nicht und bietet auch keine Gefahr für die nisten- den Vögel in den Felsen. Der Nordhang des Tales ist ein kantonales Natur- schutzgebiet, während der Hang gegen Engelberg hinter dem Grat des Schaf- berges ein nationales Schutzgebiet ist.

Damit die Natur keinen Schaden erlei- det, ist rücksichtsvolles Verhalten ge- fordert. Mit den folgenden Regeln, die unbedingt zu befolgen sind, wird die Umgebung dieses ausserordentlichen Klettergebiets respektiert:

– Für den Zustieg und den Abstieg nur die eingerichteten oder markierten Wege benutzen!

– Weder Feuer noch Camping! Es hat viele Unterkunfts- und Verpflegungs- möglichkeiten vor Ort.

– Alle Abfälle – auch Zigarettenstum- melmitnehmen! Das Klettergebiet und seine Umgebung sind keine Frei- lufttoilette!

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