«Front der Männer der Heimat, des Vaterlandes» Politische Positionen des SAC zwischen den beiden Weltkriegen

Nach dem Ersten Weltkrieg waren verschiedene SAC-Sektionen im antisozialistischen Kampf aktiv. In der Zeit des Dritten Reichs befleissigte sich das Central-Comité wieder politischer Neutralität. Es gab jedoch prominente SAC-Exponenten, die zur Anpassung ans nationalsozialistische Deutschland rieten.

An der Feier zum 75-jährigen Bestehen des SAC schloss Bundesrat Etter seinen «zündenden Gruss» der Landesregierung mit den Worten: «Möge der SAC sein und bleiben eine Festung geistiger, bewaffneter und unsterblicher Wehrbereitschaft.» Ehrenmitglied Max Oechslin doppelte 25 Jahre später in seinen Betrachtungen zum 100-jährigen Bestehen des SAC nach: «Und das ist der SAC: eine Front der Männer der Heimat, des Vaterlandes!»1

Der patriotische Charakter vieler bürgerlicher Vereine des 19. Jahrhunderts, so auch der Alpenvereine, wandelte sich im Zeitalter des Ersten Weltkrieges. Die politische Stimmung in Europa wurde nationalistisch aufgeladen. Internationale Begegnungen von Alpenvereinen waren nicht mehr möglich. Im Gebirgskrieg gegen Italien kämpften Mitglieder des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins (DÖAV) aktiv mit, und in den Publikationen der bürgerlichen Alpenvereine Österreichs wurde gegen die «Welschen» gehetzt.2

Auch in der Schweiz tauchte die Forderung nach Freiwilligenkorps aus SAC-Mitgliedern auf.3 Ein höherer Offizier aus Vevey, der den Schutz der Südgrenze im Hochgebirge für ungenügend hielt, unterstützte die Idee der «troupes auxiliaires de montagne» und sprach sich zudem für die Nutzung der SAC-Hütten als Munitions- und Materiallager aus.4

Kampf an der «inneren Front»

Bei Kriegsende machte der SAC erneut mobil, diesmal an der «inneren Front». Die soziale und politische Situation war im benachbarten Ausland, aber auch in der Schweiz äusserst angespannt. So ergriff das Central-Comité (CC) Genf die Initiative zur Sammlung der nationalen Kräfte, die von der Rhonestadt aus die ganze Schweiz erfassen sollte. Auf den 7. November 1918, den Jahrestag der russischen Oktoberrevolution, rief die Genfer SAC-Leitung über 70 vaterländisch gesinnte Vereine zusammen. Die Versammlung drückte ihren Willen aus «de s’opposer avec la dernière énergie à l’agitation bolchévique.» In einem Kreisschreiben forderte das CC die Sektionen auf, ebenso entschieden zu handeln. Den kantonalen und den Bundesbehörden müsse der Wille des Volkes kundgetan und wenn nötig sollten Bürgerwehren gegründet werden.5

«Antibolschewistische» Kampagne

Am 12. November 1918 begann der Landesgeneralstreik. Die Streikleitung unter Robert Grimm hatte einen unbefristeten Ausstand bis zur Erfüllung ihrer Forderungen angekündigt, musste aber nach drei Tagen kapitulieren. Am ersten Streiktag wurde die Genfer «Union Civique Suisse» (UCS) mit einer Bürgerwehr und einer Streikbrecher-Organisation gegründet. Erster UCS-Präsident war SAC-Cent-ralpräsident Alexandre Bernoud. UCS-Vizepräsident wurde Théodore Aubert, der im SAC-Comité die treibende Kraft der nationalen Bewegung gewesen sein soll.

Die SAC-Sektionen Moléson und Pré-vôtoise organisierten am 13. (Freiburg) und 17. November (Malleray) zwei gut besuchte Protestversammlungen. Der aktive Gründungspräsident der Sektion Prévôtoise, Fabrikdirektor Robert Raaflaub, hatte im Berner Jura eine eigentliche «antibolschewistische» Kampagne auf die Beine gestellt.6 Das positive Echo der SAC-Initiative in der ganzen Romandie und insbesondere an der Sprachgrenze hängt mit der politischen Stimmungslage zusammen: In die Freude über den Sieg der Entente-Mächte mischte sich die Befürchtung, eine bolschewistische Revolution in Deutschland könnte auf die Schweiz überschwappen.

In der deutschen Schweiz führte die SAC-Initiative zur Gründung der Aargauischen Vaterländischen Vereinigung (AVV), die zunächst vor allem Bürgerwehren organisierte und auf den 24. November 1918 zur «aargauische Volksgemeinde» nach Vindonissa aufrief. Die über 12’000 Mann starke Versammlung, an welcher der SAC-Centralpräsident Bernoud das Schlussreferat hielt, war die grösste Protestkundgebung gegen den Landesstreik. Sie symbolisiert wohl am besten die «Levée en Masse», wie sie die SAC-Initiative anstrebte.

Am rechten Rand

Am 5. April 1919 fand in Olten die konstituierende Versammlung der schweizerischen Bürgerwehren statt. Den Vorsitz hielt Alexandre Bernoud. Präsident der Vereinigung, die den Namen Schweizerischer Vaterländischer Verband (SVV) bekam, wurde der Aarauer Arzt Eugen Bircher. Théodore Aubert, der wie «Bürgerwehrgeneral» Bircher ein Gratwanderer am rechten Rand des politischen Spektrums blieb7, wurde «Secrétaire romand» des SVV. Aubert setzte sich 1920 im SVV für die Schaffung einer internationalen Nachrichtenzentrale verschiedenster «Abwehrorganisationen» in der neutralen Schweiz ein und gründete 1924 die «Entente Internationale anticommuniste» (EIA).

Die schweizerische Bürgerwehr-Bewegung erlebte im Sommer 1919 mit Einsätzen bei den beiden Generalstreiks in Basel und Zürich einen dramatischen Höhepunkt. Der SAC, der zusammen mit der Neuen Helvetischen Gesellschaft (NHG) die Patenrolle bei der Entstehung des SVV übernommen hatte, beendete in diesem Jahr seinen Auftritt auf der politischen Bühne. Einzelne Clubmitglieder und Sektionen blieben aber (unter anderem im Umfeld des SVV) politisch aktiv.

Antisozialistische Grundströmung

Das Nachkriegseuropa war tief in ein bürgerlich-national(istisch)es und ein sozialistisches Lager gespalten, was sich auch im Vereinsleben niederschlug. Im Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DÖAV) machte sich deutlich revisionistisches, antisemitisches und antisozialistisches Gedankengut bemerkbar.8 Der Club Alpino Italiano (CAI) wurde nach dem Marsch auf Rom 1922 rasch vom Faschismus vereinnahmt. Gemeinsamer Nenner von DÖAV, CAI und SAC war der Antisozialismus.

Im SAC äusserte sich dies unter anderem in der Befürchtung, durch «national unzuverlässige» Mitglieder unterwandert zu werden. Im Auge behalten wurden vor allem Sektionen mit einem grösseren Mitgliederanteil von Eisenbahnern, die sich zum Teil aktiv am Landesstreik beteiligt hatten. Mit Misstrauen begegnete man im SAC auch der Naturfreunde-Bewegung. Deren Hauptzweck sei, so der spätere SAC-Centralpräsident Rudolf Campell im Jahre 1934, der «internationale Klassenkampf»; dieser sei mit der statutarisch festgehaltenen nationalen Einstellung des SAC unvereinbar.9 Einzelne Sektionen forderten das Central-Comité auf, auch in zwei direkt politischen Fragen Farbe zu bekennen: so bei der eidgenössischen Abstimmung über die sozialdemokratische Volksinitiative über eine einmalige Vermögensabgabe vom 3. Dezember 1922 und bei der Kampagne zur Verhinderung der Wahl von Robert Grimm zum Nationalratspräsidenten im Jahr 1926. In beiden Fällen beschloss das Central-Comité mit knapper Mehrheit, sich herauszuhalten und den Entscheid den Sektionen zu überlassen.

Skepsis gegenüber dem tollkühnen Alpinismus

Im Zeitalter des Nationalsozialismus wurden die Alpenvereine im deutschsprachigen Ausland gleichgeschaltet und die sozialdemokratischen Naturfreunde verboten. Um tollkühnen Alpinisten, die sich etwa die Nordwände von Matterhorn und Eiger als Exerzierberge vornahmen, wurde ein Heldenkult veranstaltet. Vorträge von Bergsteigern über alpinistische Höchstleistungen füllten in Deutschland und Österreich Säle. Der SAC konnte damit nichts anfangen. Die Schweizer Alpinisten seien keine «cohorte des conquérants», heisst es 1920 in der Clubzeitschrift «Alpina». Auch in den Schweizer Medien stiessen die «selbstmörderischen Ak-tionen» auf Unverständnis.

Am 4. Juli 1940, als die Schweiz von den Achsenmächten umzingelt war, wandte sich EIA-Präsident Théodore Aubert in einem langen Zirkular der «Entente Internationale contre la IIIe Internationale» ans CC, an andere vaterländische Vereine und an die Kirchen. Aubert warnte vor der roten Propaganda, vor der Entstehung einer sowjetrussischen Aktionsbasis in der Schweiz und vor einer revolutionären Aktion der Schweizer «Kommunisten» wie 1918. Die SAC-Leitung des Vorortes Olten reagierte kurz und kühl. Im Protokoll des SAC-Central-Comités vom 17. Juli wurde lediglich vermerkt, dass die Einladung «in Hinblick auf die bisher strikt beachtete politische Neutralität des SAC» ad acta gelegt werde.10

Eingabe der 200

Weniger standhaft verhielten sich zwei prominente Clubmitglieder, die im gleichen Jahr die «Eingabe der 200» unterzeichneten, welche eine strenge Pressekontrolle und eine Anpassung ans nationalsozialistische Deutschland verlangten: der Glarner Ständerat Joachim Mercier, Präsident der SAC-Sektion Tödi, und Rudolf Campell, SAC-Centralpräsident 1941–1943. Die Eingabe forderte auch eine Entfernung Robert Grimms aus seinen öffentlichen Ämtern: eine gegen die Linke gerichtete Spitze bzw. eine späte Abrechnung mit dem «Streikgeneral» von 1918, der 1940 zum Regierungspräsidenten des Kantons Bern gewählt worden war.11

Nach dem Krieg bedauerte das CC «zutiefst», dass SAC-Mitglieder die Eingabe unterzeichnet hatten, unterstützte jedoch die Forderung nach einem Ausschluss nicht. Vergeben und vergessen war die Affäre deswegen aber nicht. Als die SAC-Sektion Bernina 1956 den Antrag stellte, Campell zum Ehrenmitglied zu machen, hagelte es Proteste. Das Gesuch schaffte es nicht einmal bis auf die Traktandenliste der Abgeordnetenversammlung.12

Andreas Thürer, Kreuzlingen

Der Historiker Andreas Thürer hat seine Dissertation über den Schweizerischen Vaterländischen Verband verfasst. Er unterrichtet Geschichte und Italienisch an der Pädagogischen Maturitätsschule in Kreuzlingen. Aufgewachsen in den Appenzeller Alpen, fühlt er sich heute in den Bündner und Tessiner Alpen heimisch.

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