Gedränge auf dem Everest

Frühjahr 2001 am Himalaya 1

Gedränge auf dem Everest

Wieder « Rekorde » am Everest: der jüngste Kletterer ( Temba Tshiri Sherpa, 16 ), der älteste ( Sherman Bull, 64 ), der erste Blinde ( Erik Weihenmayer, 32 ) und vor allem so viele Bergsteiger auf dem Gipfel wie nie zuvor innerhalb einer Saison. Darunter auch die Schweizer Evelyne Binsack und Robert Bösch, als Fotograf den ALPEN-Lesern bestens bekannt. Zwei weitere Schweizer schafften eine Erstbegehung am Pumori.

Elegante Neutour am Pumori Den zwei Schweizern Ueli Bühler und Ueli Steck gelang eine elegante Neutour am Pumori ( 7161 m ), einem der formschönen Berge des Everest-Gebiets. Im Alpinstil begingen sie eine neue Route durch die Westwand zum Südgrat und weiter über diesen zum Gipfel. Der Abstieg erfolgte auf der Normalroute über den Ostgrat zum Ostsattel und weiter über Südostflanke und -grat. Bühler und Steck brachen von ihrer Basis um 2.15 Uhr in einer Nacht mit viel Mondlicht auf, gelangten um 6 Uhr morgens auf den Gipfel und waren abends um 2O.30 Uhr wieder in ihrem Basislager auf 5200 m. Ihre neue Route führte über meist 55 bis 60 Grad steiles Eis in der Westwand, das mit bis zu 80 Grad steilen Passagen und einigen kombinierten Seillängen in Eis, Fels und Schnee durchsetzt war.

Die Erstbegehung von Bühler und Steck war einer der wenigen neuen Anstiege, die im Frühjahr an den hohen Bergen Nepals und im angrenzenden Tibet begangen wurden. Am Manaslu ( 8163 m ) gelang einer erfahrenen Gruppe von ukrainischen Bergsteigern eine Erstbegehung durch die Südostwand und über den Südostpfeiler. Einen weiteren in die Alpingeschichte eingehenden Erfolg feierte ein Team von Russen, das erstmals den Mittelgipfel ( 8413 m ) des Lhotse über eine bislang nie angegangene Route erkletterte: Die Russen erreichten

1 Dieser Beitrag basiert auf einem ausführlichen Bericht von Elizabeth Hawley, Kathmandu.

Wechte bestand. Die Bergsteiger benützten künstlichen Sauerstoff.

Neun « neue » Gipfel Der Lhotse-Mittelgipfel war vom nepalesischen Tourismusministerium offiziell erst eine Woche vor dem Gipfelerfolg der Russen « geöffnet » worden. Gleichzeitig setzte das Ministerium acht weitere Gipfel auf die für Bergsteiger offene Liste. Die meisten « neuen » Gipfel sind nicht bekannt oder – für Himalaya-Verhält-nisse – nicht besonders hoch. Gerüchte um die Öffnung des Machhapuchhare – der Gipfel des « Fischschwanz»-Berges in

den Gipfel, indem sie vom Südsattel zwischen Everest und Lhotse zum unberührten Nordgrat des Lhotse und weiter in dessen Nordwand zu einem letzten Camp auf 8250 m aufstiegen. Von dort aus gelangten neun Kletterer des 12-köpfigen Teams über den ebenfalls noch nie begangenen Westgrat zwischen dem 23. und dem 25. Mai zum Lhotse-Mittel-gipfel. Die Strecke zwischen ihrem letzten Camp und dem Gipfel stellte sie vor grosse Schwierigkeiten, insbesondere die letzte, senkrechte Felsstufe unmittelbar vor dem Gipfel, der aus einer riesigen

Der Manaslu: Im Frühjahr 2001 gelang ukrainischen Kletterern eine neue Route an diesem eleganten Achttausender.

Fo to s:

Ch rist ine Kopp DIE ALPEN 9/2001

der Nähe von Pokhara ist aus Respekt vor seiner religiösen Bedeutung noch nie betreten worden – stimmen nicht. Als falsch erwies sich auch das Gerücht, die chinesischen Behörden hätten eine Bewilligung für die Besteigung des heiligen Berges Kailash erteilt. Wohl wollte ein spanischer Bergsteiger einen « Permit » für diesen Gipfel beantragen, der für Millionen von Menschen das religiöse und spirituelle Zentrum der Erde darstellt, aber nach einem wahren Protest-aufschrei aus tibetischen wie alpinistischen Kreisen sah er glücklicherweise wieder davon ab.

Das Wetter war Anfang Frühlingssaison oft schlecht, vor allem in den ersten drei Maiwochen, als 50% mehr Regen und Schnee fielen als normal. Erfolg ver-buchten meist nur die Teams, die genügend Geduld aufbringen konnten – insbesondere am Everest, der in dieser Saison erst am 19. Mai erstmals bestiegen wurde. Doch dann gab es einen wahren Sturm auf den Gipfel: 182 Bergsteiger und Bergsteigerinnen standen in diesem Frühling auf dem höchsten Punkt der Welt!

Händeschütteln ohne Ende Zu den 182 Everest-Besteigern ( 99 von der Südseite, 83 von Norden ) gehörten 47 Männer, die den Gipfel nicht zum ersten Mal erreichten. Am Berg unterwegs waren 49 Teams ( 21 von Nepal, 27 von Tibet aus, ein einziges am selten begangenen Ostgratalso Hunderte von Menschen auf beiden Seiten des Berges, besonders wenn man noch Yaktreiber, Küchenmannschaft, Hochträger, besuchende Trekker und Freunde usw. dazu-rechnet! Das Total aller Gipfelstürmer beläuft sich jetzt auf 1119, die insgesamt genau 1500 Everest-Besteigungen vollbracht haben. 176 aller 182 Besteigungen dieses Frühlings wurden innerhalb von vier Tagen zwischen dem 22. und dem 25. Mai ausgeführt. Am 23. Mai standen auch Evelyne Binsack und Robert Bösch auf dem Gipfel. Einer der Erfolgreichen, der Amerikaner Michael Otis, zählte nicht weniger als 107 Leute, die ihm beim Abstieg von einem Camp auf 7300 m zum vorgeschobenen Basislager auf 6400 m zur Gratulation die

Gebetsfahnen säumen die Pässe und Übergänge und manchmal auch die Gipfel im Himalaya; Manaslu-Gebiet, Larkye La.

Der Pumori, einer der formschönen Gipfel im Everest-Gebiet, an dem zwei Schweizer eine neue Route durch seine Westwand eröffneten Eine Gruppe von Trägern aus dem Städtchen Gorkha; auch Frauen tragen Gepäck und Ausrüstung ausländischer Bergsteiger und Trekker.

DIE ALPEN 9/2001

Hand schüttelten. Besonders ausgeprägt war das Gedränge am 23.. " " .Mai, als 47 Alpinisten über die Normalroute auf der Nepal-Seite zum Gipfel aufstiegen. Grosse Trauer verursachte der Tod des bekanntesten Sherpas der letzten Jahre: Babu Chiri kam am 29. April auf tragische Weise im Alter von 35 Jahren ums Leben. Der hoch geschätzte Sherpa – er wurde allenthalben als « Gentleman » bezeichnet – war durch die schnellste Besteigung des Everest im Mai 2000 in einer Zeit von 16 Stunden und 56 Minuten bekannt geworden. Im Jahr davor hatte er mit einer Übernachtung auf dem Gipfel des Everest für Aufsehen gesorgt – 21,. " " .5 Stunden ohne Sauerstoff-flasche in einem kleinen Biwak, wobei er es sich nicht nehmen liess, im gleichen Monat noch ein zweites Mal vom Basislager zum Gipfel zu steigen. Bereits 1995 war er die erste Person gewesen, die zweimal innerhalb eines Monats zum Gipfel ging, den er insgesamt zehnmal erreicht hatte – gleich oft wie Ang Rita Sherpa, einmal weniger als Apa Sherpa.

Babu Chiris tödlicher Sturz Am 29. April verliess Babu Chiri um 4 Uhr morgens Camp 2 auf der nepalesischen Seite des Berges in der Absicht, ein paar Fotos zu knipsen. Als er ein paar Stunden später nicht zurück war, brach sein Bruder Dawa auf, um ihn zu suchen. Um Mitternacht fand er gemeinsam mit dem Leader einer amerikanischen Expedition und einem weiteren Sherpa seine Fussspuren, die direkt zu einer vom Neuschnee verdeckten Spalte führten. Der Amerikaner wurde von den zwei Sherpas in die Spalte abgelassen, wo er auf den toten Körper von Babu Chiri stiess, der in der Folge geborgen und nach Kathmandu geflogen wurde. Babu Chiris Tod löste in ganz Nepal tiefe Trauer aus. Sogar King Birendra liess der Familie von Babu Chiri ein Kondolenz-schreiben zukommen, ohne zu ahnen, dass er und seine Familie gut einen Monat später umgebracht würden. Dieses Massaker im Königspalast von Anfang Juni stürzte das Land in eine Krise, deren Ausmass schwer absehbar ist. 2 a

Christine Kopp, Unterseen 2 Vgl. Beitrag S. 13

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