Gefährdete Hüttenzustiege Zentralverband und Sektionen nicht immer ­einig

Klimaerwärmung und Gletscherschwund gefährden immer mehr Hüttenzustiege. Es werden Wege verlegt, Leitern montiert und Brücken gespannt, damit Berggänger zu ihrer Unterkunft gelangen können. Die Hütten fürchten um ihre Umsätze, der SAC-Zentralverband wünscht sich Zurückhaltung beim Bauen.

«Es war ein erster Paukenschlag!» Jürg Meyer, von 1996 bis 2007 Bereichsleiter Umwelt des SAC-Zentralverbandes, erinnert sich gut an den Bau der ersten Triftbrücke im Jahr 2004. «Es gab kaum Diskussionen, wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt.» Trotz grosser Skepsis habe man damals keine Opposition gemacht. «Es gab keine vernünftige Alternative, wenn man die Triftütte nicht aufgeben wollte.» Die Hängebrücke ersetzte ein Wegstück, das mit dem Gletscher davongeflossen war.

Weil der Föhn zu sehr daran rüttelte, wurde nur fünf Jahre später eine neue, höher gelegene Brücke gebaut. Sie überspannt bis zu 100 Meter Abgrund und ist 170 Meter lang. Die Medien sparten nicht mit Superlativen, und die eindrücklichen Dimensionen der «Rekordbrücke» zogen Touristen zuhauf an. «Das beflügelte den Trend zu neuer Infrastruktur, die Projektideen schossen ins Kraut», sagt Jürg Meyer. Der SAC reagierte und passte seine Grundsätze an. Im aktuellen Leitbild steht, der Club sei grundsätzlich zurückhaltend «bei der Erstellung oder beim Ausbau von alpintechnischen Einrichtungen. Er setzt seinen Schwerpunkt auf Unterhalt und Sanierung.» In den Richtlinien «SAC und Umwelt» wird festgehalten, technische Eingriffe bei Wanderwegen seien «auf ein Minimum zu beschränken».

Wo der Gletscher schwindet, gleiten Hänge

Was das konkret bedeutet, bekam kürzlich die Sektion Bern zu spüren. Es ging wieder um den Zustieg zur Trifthütte. Der Weg auf der Seitenmoräne ist instabil, weil der Gletscher die steilen Hänge nicht mehr abstützt. Nach starkem Regen sacken ganze Partien ab, zwischendurch ist der Weg fast nicht passierbar. «Das bedeutet für uns viel Fronarbeit», erklärt Hüttenchef Daniel Hüppi. Durchschnittlich sechs bis acht Tage Arbeit stecken er und seine Helfer jährlich in den Unterhalt des blau-weiss signalisierten Wegs. Die Fronarbeit ist eines, die Unterhaltskosten das andere: 5000 bis 10 000 Franken pro Jahre investiere man in den Weg, sagt Jürg ­Haeberli, der Hüttenverwalter des SAC Bern. «Das ist zu viel.»

Als die Gemeinde Innertkirchen ein Projekt für einen Stollen ausarbeiten liess, stiess das bei der Sektion deshalb auf offene Ohren. Der Plan sah vor, den Weg etwas höher zu führen und im südlicheren Teil in einen 440 Meter langen Stollen zu verlegen. Das rund zwei Millionen teure Bauwerk wäre zu einem schönen Teil von der Kraftwerke Oberhasli AG (KWO) bezahlt worden. Nachdem der Zentralvorstand (ZV) des SAC zusammen mit der Sektion Bern in einer Studie verschiedene, zurückhaltendere Varianten hatte prüfen lassen, lehnte er den Tunnel ab und drohte sogar mit einer Einsprache, würde das Projekt weiterverfolgt. Das löste bei der Sektion keine Freude aus. «Wir haben viel Geld in die Trifthütte investiert», sagt Haeberli. Deshalb sei ein vernünftiger Umsatz wichtig. Man habe den Entscheid des ZV aber akzeptiert, weil man dessen Haltung grundsätzlich teile. «In unberührten Gebieten ist Mässigung angezeigt.» Die Situation müsse jedoch neu beurteilt werden, wenn die KWO das zurzeit sistierte Staumauerprojekt auf der Höhe der Triftbrücke realisieren werde. Zum einen weil dann ein Teil des heutigen Wegs unter Wasser steht, zum anderen weil die Landschaft dann kaum mehr als «unberührt» durchgehe.

Schwindende Gletscher, mürbe Moränen

Die Trifthütte ist kein Einzelfall: Viele Zustiege sind durch die Klimaerwärmung schwieriger und gefährlicher geworden. «Aktuell sind zehn Hütten betroffen, rund 20 werden in den nächsten Jahren dazukommen», sagt Hansrudolf Keusen. Der Geologe ist Mitglied der Hüttenkommission des SAC und hat die Situation vieler Hütten selber untersucht. «Das grösste Problem ist der Gletscherschwund», sagt er. Unter der Triftbrücke, wo statt Eis nun Wasser fliesst, ist das besonders augenfällig. Ebenfalls betroffen ist die Konkordiahütte: Sie lag einst auf Gletscherniveau, heute stehen die Tourengänger vor einer 250 Meter hohen Felswand. Zur Hütte gelangen sie nur über eine Eisentreppe, die jedes Jahr länger wird. Aber auch andernorts erschweren schwindende Gletscher den Hüttenzustieg: Die Lauteraar-, die Forno- oder die Monte-Rosa-Hütte sind nur einige Beispiele. Der Zustieg zur Monte-Rosa-Hütte wurde bereits mehrfach neu angelegt, Leitern und Brücken wurden neu installiert. «Die Unterhaltskosten für diese Provisorien sind sehr hoch», sagt Hansrudolf Keusen, «das ist unbefriedigend.» Auch mürbe Moränen machen den Wegunterhalt vielerorts immer aufwendiger, zum Teil sogar unmöglich. Und als wäre das noch nicht genug, nimmt in den letzten Jahren auch die Zahl von Murgängen, Fels- und Bergstürzen zu, weil die Permafrostgrenze steigt.

Ideale Lösung: Routen verlegen

Den Weg zu verlegen, kann eine Möglichkeit sein, Abhilfe zu schaffen, ohne dabei die Landschaft stark zu beeinträchtigen. Beim Aufstieg zur Forno-Hütte durchs Val Forno wurde diese Lösung gewählt, um das rutschige Geschiebe des Gletschers zu umgehen. Auch die neue Route zur Lauteraarhütte ist so geführt, dass sie heute sicherer und einfacher ist.

Was wenn das nicht reicht? Den Grundsatz formuliert Hüttenkommissionsmitglied Keusen: «Kunstbauten nur dann, wenn es keine vertretbaren Alternativen gibt.» Dabei spielen auch Risikoüberlegungen eine wichtige Rolle. Wenn Wegpassagen allzu gefährlich würden, widersetze man sich baulichen Eingriffen nicht, sagt Benno Steiner, Fachmitarbeiter Umwelt der SAC-Geschäftsstelle. Ein Beispiel ist der Weg zur Mountet-Hütte. Er führt durch das Couloir Tsina de Vio, in dem regelmässig Steine zu Tal stürzen. Eine baufällige Galerie schützt die Wanderer, doch lange wird sie nicht mehr halten. Die Sektion Diablerets Lausanne will deshalb eine schmale Hängebrücke bauen, um den einzigen Sommerzustieg zur Hütte sicherzustellen. Der Bereich Umwelt der Geschäftsstelle und die Hüttenkommission sprachen sich einhellig für das Projekt aus.

Ultima Ratio: Hütte aufgeben

Mit Widerstand müssten dagegen Vorhaben rechnen, die den Charakter einer «Erlebnisinstallation» hätten, sagt Benno Steiner. So war der ZV im Jahr 2007 gegen die geplante Salbitbrücke im Göscheneralptal. Allerdings vergeblich, sie wurde später trotzdem gebaut. Das Bauwerk ist Teil des Verbindungsweges zwischen der Salbit- und der Voralphütte. Die beiden Unterkünfte wären auch ohne Brücke erreichbar gewesen. Es ging also nicht um Sein oder nicht Sein, sondern um mehr oder weniger Umsatz. Aber selbst wenn es um das Überleben einer Hütte ginge, sei das kein Grund, zu allem ja zu sagen, finden Benno Steiner und Hansrudolf Keusen. «Wenn ein Weg zu gefährlich wird und sich das nur mit massiven Eingriffen ändern liesse, muss man als Ultima Ratio auch in Betracht ziehen, eine bewartete Hütte aufzugeben oder in ein Biwak umzuwandeln», sagt Steiner.

Neuere Kunstbauten auf Hüttenzustiegen

Trift: Hängebrücke, 2004/2009

Gauli: Ersatz Steg, 2008

Konkordia: Verlängerung Leitern, 2011

Bertol: Ersatz Leitern, 2011

Monte-Rosa: Leitern Übergang Moräne und Gletscher, 2012

Dix: neue Leitern Übergang Pas de Chèvres, 2013

Mountet: Hängebrücke, geplant

Britannia: Hängebrücke bei Felskinn, Baubeginn offen

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