Gemeinsam ins Unbekannte Das SAC-Expeditionsteam bereitet sich vor

Fünf junge Männer verfolgen in den nächsten zwei Jahren ein Ziel: die gemeinsame Durchsteigung einer grossen Wand. Wohin die Abenteuerreise gehen soll, ist noch unklar. Sicher ist: Das neue SAC-Expeditionsteam zieht es nicht zu den Massen.

Sie kommen aus der ganzen Schweiz: aus dem Wallis, aus St. Gallen, aus Bern und aus Appenzell. Und auch die Romandie ist vertreten. Ihr Alltag besteht aus Studieren, Zimmern, Käsen oder Laborarbeiten. Einer hat Angst vor Spinnen. Ein anderer scheut das Meer. Und ein Dritter mag keine Hunde. So unterschiedlich die fünf jungen Männer im Alter von 20 bis 22 sein mögen, so gross ist ihre gemeinsame Leidenschaft: die Berge.

Nicht zuletzt deshalb haben sich Sebastian Briw, Lukas Hinterberger, Nicolas Joel Hojac, Sébastien Monney und Roman von Schulthess für das SAC-Expeditions-team beworben. Und sich in einem mehrstufigen Auswahlverfahren gegen 24 Mitbewerber durchgesetzt. «Wir prüften sowohl technische Fähigkeiten als auch Soft Skills wie Teamfähigkeit und Durchhaltewille», sagt Kursleiter Bruno Hasler. Will heis­sen: Während zweier Tage wurden die Kandidaten Anfang Jahr in der Kletterhalle, im Eis und auch in einem Kondi­tionstest auf Herz und Nieren geprüft. Die klaren Anforderungen: Sportklettern 6c onsight, WI 5 im Eis und umfangreiche Erfahrungen bei Hochtouren. Anders als noch beim ersten Expeditionsteam, das aus neun Teilnehmenden bestanden hatte, pickte der SAC diesmal nur fünf Personen heraus. «Wir haben aus den ersten Erfahrungen gelernt. Eine kleine Gruppe vereinfacht die Dynamik und die Suche nach dem Expeditionsziel», erklärt Hasler.

Kein überfülltes Basislager

Denn genau darum geht es. Am Ende der dreijährigen Ausbildung werden die fünf jungen Männer 2016 gemeinsam ihre Grenzen an einem der grossen Berge der Welt ausloten. Sie werden die Expedition selbst planen, organisieren, aber auch die nötigen finanziellen Mittel dafür auftreiben. Auf welchen Kontinent die Abenteuerreise gehen soll – das ist den Jungs überlassen. Sicher ist: Es wird nicht der Mount Everest sein. «Das Team will nicht in ein überlaufenes Basislager. Es sucht die Einsamkeit», sagt Leiter Denis Burdet.

Der erfahrene Extrembergsteiger aus Neuenburg hat diesen Sommer die erste intensive Ausbildungswoche mit dem Team im Aostatal verbracht. Auf dem Programm standen grosse Brocken: Man feilte an der Risskletterei, perfektionierte das Setzen von Friends und Keilen und studierte die Installa­tionen von Strickleitern und Portaledges, mit denen in der Wand biwakiert werden kann. Wissen also, das nötig ist, um Bigwalls zu klettern. «Es war eine prall gefüllte Woche. Einige Dinge konnten wir aus Zeitgründen, aber auch wegen des Wetters nur theoretisch anschauen. Das müssen die Jungs für sich üben», sagt Burdet.

«So viel wie möglich raus»

Darauf kann der Guide allerdings zählen. Schon am Tag nach der Rückkehr aus Italien waren die meisten wieder in den Bergen unterwegs. Erpicht darauf, das Gelernte auszuprobieren. «Mit so vielen neuen Inputs zieht es einem noch mehr in die Berge – obwohl das fast nicht mehr möglich ist», sagt der Walliser Sebastian Briw lachend. Er verbringe schon jetzt den grössten Teil seiner Freizeit in der Natur. Wenig verwunderlich, dass er sich noch zum Bergführer ausbilden lassen will. Den andern geht es ähnlich. Lukas Hinterberger und Roman von Schulthess legen einen gemeinsamen Bergsommer ein. «Wir wollen so viel wie möglich raus», so von Schulthess. Jeder der fünf trainiert mindestens 20 bis 30 Stunden die Woche.

Dennoch wäre Burdet über mehr als die momentan 20 Ausbildungstage nicht unglücklich. In Deutschland geht die Ausbildung 60 Tage. «So könnte man wetterbedingte Ausfälle besser überbrücken und einzelne Übungen vertiefen», sagt der 43-Jährige. Denn die Ausbildung hat es in sich: Neben dem Bigwallklettern werden die Teilnehmer auch im Steileisklettern, im Campieren auf dem Gletscher oder im Mixed-Klettern (Kletterrouten kombiniert aus Fels und Eis) geschult. Daneben müssen sie auch theoretische Grundlagen wie Marketing, erste Hilfe und Organisation beherrschen.

Das Fernsehen ist mit dabei

In diesem Jahr beackern sie noch ein zusätzliches Feld: das Filmen. Dies aus gutem Grund. Das Schweizer Fernsehen SRF begleitet das Expeditionsteam und wird während dreier Jahre jährlich drei Sendungen ausstrahlen. Deshalb lernen die Jungs auch den Umgang vor und hinter der Kamera. Ungewohnt für die Draufgänger. «Manchmal müssen wir einzelne Sequenzen mehrmals wiederholen, bis sie im Kasten sind. Das braucht Geduld und kann am Fels auch lästig sein», sagt Sébastien Monney. Handkehrum gebe es auch viel Situationskomik. Nicolas Joel Hojac hat gar so etwas wie das Filmfieber gepackt: «Ich hätte nie gedacht, dass die Videoschulung so spannend sein wird.» Dieses Wissen könne er auch später sehr gut gebrauchen.

Burdet ist mit seinem Team zufrieden: «Sie bewegen sich locker und entspannt vor der Kamera.» Und auch sonst sei die Stimmung sehr motiviert und lustig. Der Teamgeist scheint also zu stimmen. Nicht unwesentlich – schliesslich geht es den fünf während der Ausbildung auch darum, neue Kletterkollegen für die Zukunft kennenzulernen. Und da ist es ganz egal, ob diese im Wallis oder im Appenzell wohnen.

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