Geschichte, Kultur und Klettern in Kroatien. Die Qual der Wahl

Geschichte, Kultur und Klettern in Kroatien

Klettern in Kroatien wird bei uns oft einem Aufenthalt im Nationalpark Paklenica gleichgesetzt. Weit gefehlt: In diesem schönen Land gibt es rund fünfzig weitere Klettergebiete. Und man kann je nach Lage das Klettern mit Baden, mit anderen Sportarten oder dem Besuch von kulturell interessanten Orten verbinden.

Der Mond steht schon hoch, als wir auf dem Stogaj aussteigen. Hinter uns eine der bizarrsten Klettereien, die wir je gesehen haben: 60 steile Meter an Griffen, die buchstäblich aus versteinerten Fisch-chen und Muscheln bestehen. Einzigartig – darüber sind wir uns einig, als wir uns auf dem eigenartigen Turm zum Abseilen bereitmachen. Wir sind allein. In der Ferne das Blöken von ein paar Schafen, die hier, auf der Insel Pag, zahlreicher sind als die Menschen. Unter uns das Meer, das sich glitzernd im Mondlicht ausbreitet. Ein unvergesslicher Eindruck mehr, den wir von unserem Aufenthalt in Kroatien mitnehmen.

Gefragt: Zeit zum Bleiben

Ein Aufenthalt, der gerne länger sein dürfte. Es gibt Ferien, deren Dauer gerade richtig bemessen ist. Und andere, die man verlängern möchte. Wer erstmals an die kroatische Küste reist, wird sich bald nach mehr Zeit zum Bleiben sehnen. Kaum ein anderes Mittelmeergebiet ist so vielfältig wie die knapp 1800 Kilometer Küste des kroatischen Festlands, zu der die rund 4000 Kilometer Küste seiner über tausend Inseln kommen. Es sind Landschaften voller Charakter, geformt von Wasser und Wind und geprägt von verschiedensten Herrschern und Völkern – Römern, Kroaten, Türken, Franzosen, Venezianern, Österreichern und Italienern. Ihre Geschichte – die Geschichte eines Landes, das nach den grauenvollen Wirren der Neunzigerjahre des letzten Jahrhunderts zur Ruhe zu-rückgefunden hat und seine Gäste mit Charme empfängt – ist nachzulesen in den lebendigen Dörfern und Städten, deren Besuch bestens mit Kletter- und Badeferien verbunden werden kann. So zum Beispiel in Rovinj.

Emsiges Treiben an der Küste

Rovinj. Nach der Fahrt durch das Innere der Halbinsel Istrien taucht plötzlich der hohe Glockenturm der Euphemia- Basilika von Rovinj über dem Meer auf. Noch ein paar Kurven, und wir steigen am Tor zu seiner pittoresken Altstadt aus. Zu Fuss geht es über ausgetretene Platten empor zur Wallfahrtskirche. Strahlend weiss leuchtet ihre Fassade im Abendlicht, strahlend weiss sind auch die dicken Opferkerzen in ihrem Innern. An den Wäscheleinen der engen Gassen des Fischerstädtchens hängen spätabends noch Leintücher, in den zahlreichen Kneipen herrscht fröhliche Sommer-stimmung. Wir treffen ein paar der Kletterer wieder, die wir am Nachmittag am Meer gesehen haben, als wir uns im Sektor Grappa ( sic !) ein paar der kurzen Routen als Angewöhnung an den kroatischen Kalk genehmigten.

Am nächsten Tag, in Porecˇ, ein ähnliches Bild: eine kompakte Altstadt, lieblicher als das festungsähnliche Rovinj, eine Kirche – die byzantinische Euphrasius- Die festungsähnliche Altstadt des bekannten Badeortes Rovinj. In ihrer unmittelbaren Nähe gibt es einen beliebten Klettergarten mit über 80 Routen.

Ferienstimmung im Sektor Grappa des Klettergebiets von Rovinj Kroatien praktisch Informationen: Kroatische Zentrale für Tourismus, Badenerstr. 332, 8004 Zürich, Tel. 043 321 82 11, Fax 043 321 82 13, E-Mail kroatien-tourismus@swissonline. ch, www.kroatien.hr Unterkünfte: An der kroatischen Küste gibt es alles, von grossen Hotelanlagen über gemütliche Pensionen und umgebaute Villen bis zum komfortablen Mittelklassehotel. Günstig und empfehlenswert sind Privatzimmer. Für Istrien ein Hotel-Tipp: Hotel Kasˇtel, 52424 Motovun, Tel. 00385 52 681 607, www.hotel-kastel-motovun.hr, schön und ruhig gelegen zuoberst in idyllischem Dorf; von hier aus sind verschiedene Klettergebiete an der Küste und im Innern Istriens erreichbar. Führer: Reiseführer: Kroatische Adriaküste ( Istrien – Kvarner – Dalmatien ), Dietrich Höllhuber, DuMont Verlag 2003, Fr. 21.90. Kroatien entdecken. Unterwegs zwischen Istrien, Slawonien und Dalmatien. Trescher Verlag, 5. aktualisierte Auflage 2005. Fr. 26.90. Wanderführer: Istrien & Dalmatien, Fr. 21.30, und Kroatien – Wandern mit Kindern, Fr. 16.50, beide von Michael Pröttel, Bruckmann Verlag. Kletterführer: Croatia bzw. Paklenica, mehrsprachig, Fr. 38.– bzw. Fr. 35.–, beide Boris C˘ujic´, Astroida Verlag, erhältlich bei Piz Buch & Berg, Tel. 01 240 49 49, www.pizbube.ch.

Basilika –, die wie jene in Split, Dubrovnik, Trogir und die Kathedrale von Sibenik zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, und daneben emsiges Treiben in den Gelaterien und Geschäften, in denen von kitschigen Souvenirs über Kunsthandwerk bis zu Badelatschen alles erhältlich ist. Solche Badeschuhe sind wohl das Erste, das man sich an der kroatischen Küste kauft, denn Sandstrände sucht man meistens vergeblich, dafür begeistern felsige Buchten mit klarem Wasser. In der Nähe von Porecˇ liegt das Klettergebiet Limski Kanal mit rauen, gut abgesicherten Routen – und Blick auf die Muschelzuchtanlagen in diesem seltsamen Meeresarm, der weit ins Land reicht.

Stille im Landesinnern

Nicht einmal dreissig Kilometer von den bekannten Badeorten rund um Porecˇ entfernt ist das Meer bereits weit weg. Fährt man ins Landesinnere von Istrien, taucht man in eine andere Welt ein. Verschlafene, halb verlassene Dörfer wechseln ab mit Weinbergen, Wäldern und Wiesen. Statt Brassen und Muscheln isst man hier Spanferkel und Trüffel, das grelle Kreischen der Möwen wird vom leisen Gurren der Tauben abgelöst. Zuoberst in Motovun, einem idyllischen Steindorf, kehren wir unter Rosskasta-nien ein, trinken ein Glas dunkelroten, herben Teran, essen « zehn Dekagramm » Schafskäse und geniessen die wieder gewonnene Ruhe. Bei einem Ausflug in ein nahes Tal vergessen wir den Trubel der Küste vollends. Hinter dem Dörfchen Cépic´ scheint der Tag stillzustehen. Zu hören sind hier, in einem kleinen, netten Klettergebiet, nur das Zirpen der Grillen, der Windhauch in den Weiden und das Zwitschern der Vögel, bis knatternd ein Bauer mit einem alten Traktor und voll beladenem Heuwagen vorbeifährt und uns zuwinkt. Wir freuen uns über den freundlichen Gruss, kommen wir uns doch hier mit unserer exotischen Kletterausrüstung reichlich unpassend vor. Die Einheimischen, denen wir begegnen, empfangen uns durchwegs offen – das einzige Thema, über das kaum gesprochen wird, ist der letzte Krieg. Seine Wunden sind sichtbar. Nicht hier in Istrien, aber weiter südlich an der Küste und vor allem im Landesinnern an der Grenze zu Bosnien, wo wir auf verwüs - tete, leere Dörfer treffen, die eine grenzenlose Traurigkeit ausstrahlen.

Klettergebiet Limski Kanal Blick auf den Limski-Kanal nahe der Stadt Porec˘. Dieser seltsame Meeresarm reicht weit ins Land und enthält viele Muschelzucht-anlagen. An seinem Ufer befindet sich eines der grössten Klettergebiete Kroatiens. Das Klettergebiet von Marjan ist auch bei den Einheimischen beliebt. Hier kann man einmal mehr Klettern mit Baden verbinden. Zudem lädt die nahe gelegene berühmte Altstadt von Split mit ihren engen Gassen und vielen Kneipen zum Bummeln ein.

Was bringt der Aufschwung?

Als wir zurück an die Küste und weiter nach Süden fahren, hinaus aus Istrien, an Rijeka vorbei zur Insel Krk und später weiter nach Zadar, Split und Dubrovnik staunen wir immer wieder über die Schönheit dieser grossartigen Küste und Fotos: Christine Kopp ihrer Klettergebiete. 1 Zum Beispiel Marjan: An den Felsen dieser Landzunge vor Split wurde schon vor fünfzig Jahren geklettert und 1986 einer der ersten Wettkämpfe ausgetragen. Die historischen Routen sind saniert, ihr sportlicher Charakter wurde erhalten. Oder Omiš: neue Routen zwischen dem Meer und dem Canyon eines verträumten Flüsschens. Und ein Felspotenzial für viele Jahre. Aber gleichzeitig stellen sich Fragen: Wie wird sich die kroatische Küste entwickeln, wenn sich der spürbare touristische Aufschwung voll auswirkt? Wie wird dies die einzigartige Natur verkraften? Wer jetzt Kroatien und insbesondere seine Küste bereist, hat die Qual der Wahl. Und den Vorteil der Vielfalt. Das gilt auch für uns Kletterer. a Christine Kopp, Bern und G albiate/I 1 Für unseren Geschmack wird der Nationalpark Paklenica mit seinen vielen kurzen Routen von zu vielen Kletterern besucht.

Fotos: Christine Kopp Anic´a Kuk, die grösste Felswand Kroatiens, die sich im Nationalpark Paklenica befindet. Für viele der Inbegriff von Klettern in Kroatien. Allerdings werden nur wenige Routen häufig begangen und sind zu « Klassikern » geworden. Die meisten Paklenica-Besucher klettern vorwiegend an den kürzeren, sehr gut abgesicherten Sportkletterrouten nahe des Wanderwegs. Herbstbetrieb in Paklenica. Der Nationalpark im Velebit ist bei uns als grösstes Klettergebiet Kroatiens bekannt und entsprechend gut besucht.

In Paklenica ist man beim Klettern kaum unter sich, wie dies in andern kroatischen, im Ausland weniger bekannten Klettergebieten der Fall ist.

Dominic Meyer in der Route « Ona ljubi » im Sektor Stup. Gefragt sind subtile Züge.

Tiefblick aus der Route « Diago-nalka » am Debeli kuk. Beim Klettern an den rauen Fels der Schluchtwände Fotos: Uw e Schädelin

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