Gipfelgruss vom Hund

Wir sassen auf dem Gipfel, als ein anderes Paar über den Blockgrat heraufkletterte, sich in der Nähe hinsetzte und Proviant auspackte. Wir fragten uns, ob uns etwa die Höhenluft unsichtbar gemacht habe. Denn für die beiden waren wir offensichtlich nicht vorhanden, kein Blick, «kei Schnurre abenand», wie man in Mundart sagt. Nur ihr Hund begrüsste uns mit Wedeln und sehnsüchtigem Blick auf unsere Käsebrote.

Grüssen am Berg ist, wie überall, Ausdruck von Persönlichkeit, Kultur und Zeitgeist. Ein «Berg Heil!» am Gipfel weckt zwiespältige Erinnerungen. Naturfreunde grüssen gelegentlich mit dem ähnlich klingenden, aber politisch weniger belasteten «Berg frei!». Mein Vater gab gern die Anekdote zum Besten, wie ihn zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf einer Glarner Alp ein Fremder nach dem Weg fragte und sich dann mit einem zackigen «Heil Hitler!» verabschiedete. Ähnliches erzählt Max Frisch in seinem Buch Mein Name sei Gantenbein. Sein Romanheld, als Soldat im Aktivdienst, begegnet auf dem Gipfel des Piz Kesch einem Touristen: «Er sagte: Grüssi! was er für schweizerisch hielt; offenbar ein Deutscher.» Ein Spion, vermutet Gantenbein und stellt sich vor, wie er ihn in den Abgrund stossen könnte.

Mein Bündner Freund Peter ärgerte sich auf einer Gratüberschreitung im Mont-Blanc-Gebiet, dass keine der Seilschaften, denen sie begegneten, auch nur mit einem Nicken grüsste. Einmal platzte ihm der Kragen. «Chasch nüd Guete Tag segä!», fuhr er einen Kletterer an. Es war kein Franzose, sondern ein Zürcher.

Also nichts gegen Zürcher. Wenn sich die urbane Kletterszene trifft, nimmt das Umarmen und Küssen kein Ende. Der Gipfelkuss, einst das Höchste der Gefühle, ist zum herzlichen Normalfall geworden.

Im Zug der Globalisierung hat sich weltweit das unverbindliche, überall verständliche und politisch unverdächtige «Hallo» als Gruss in allen Lebens- und Höhenlagen eingebürgert. Man gibt nicht viel preis von sich und hat doch den Anstand einigermassen gewahrt. Klar, allen kann man es nie recht machen. «So meldet man sich am Telefon und nicht in den Bergen», schreibt ein genervter Tiroler Bergführer in einem Blog. Eigentlich ist es ja egal, wie man grüsst, Hauptsache, dass man grüsst. Ob Tagwoll, Salve, Salut, Salām, Grüss Gott oder Grüezi, alles ist freundlicher, als den Gipfelgruss dem Hund zu überlassen.

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