Gletscherblick 99: Gletscher, Gletscherforschung und Kunst

Die Gletscher von Rhone und Aare sind seit Jahrhunderten Ziel von Forschern, Künstlern und Al-pentouristen. Im zu Ende gehenden Jahrtausend wagt die Kunstausstellung Gletscherblick 99, den Bogen von den Anfängen der Gletscherforschung bis zum modernen Kunstverständnis zu spannen: Die Kartenaktion basiert mit ihren Sujets bewusst auf den Anfängen der Gletscherforschung, den Kontrapunkt bilden die von der Jury ausgewählten zeitgenössischen Werke in der Ausstellung.

Die Aaregletscher: Wiege der Gletscherforschung Seit sich zu Beginn des 18. Jahrhunderts Naturforscher und Künstler mit den Rätseln der Gletscher beschäftigten, spielten die Gletscher von Aare und Rhone eine hervorragende Rolle.

Den Höhepunkt der Forschung auf den Gletschern der Aare prägten die beiden Gelehrten Franz Josef Hugi und Louis Agassiz. Hugi erkannte das Fliessen der Gletscher anhand der Tatsache, dass sich der seine primitive Forscherunterkunft schützende Granitblock talauswärts bewegte.. " " .Von Hugi für den Forschungsstandort Unteraargletscher begeistert, bauten sich der Neuenburger Professor Louis Agassiz und seine Mitarbeiter 1840 eine neue Unterkunft auf der Mittelmoräne: das « Hôtel des Neuchätelois », das bald zum Wissenschafts-mekka avancierte. Prominente Forscher, Künstler und Touristen aus ganz Europa trafen sich dort, wo 1842 sogar der « erste Ball auf dem Eis » stattfand. Agassiz gilt als der eigentliche Begründer der Eiszeittheorie, der er auch weltweit zum Durchbruch verhalf. 1843 entstand am heutigen Standort der Lauteraarhütte SAC der « Pavillon Dollfuss »,

Gletscherblick 99

SAC / l' art pour l' aar — den der als Forscher und Bergfotograf bekannte Mülhausener Daniel Dollfuss-er machte ab 1849 als erster Bergfotos vom Unteraargletscher -erbauen liess.

Die Gletscherforschung am Unteraargletscher führte auch zu kartographischen Pionierleistungen wie der ersten wissenschaftlichen Gletscherkarte von J. Wild aus dem Jahr 1842 oder dem Kupferstich von Moritz Anton Cappeler.

... und Inspirationsquelle von Kunstschaffenden Parallel zur intensiven Forschung verlief auch die bildliche Darstellung, begleiteten doch Zeichner und Künstler die Forscher als « Dokumen-talisten » und folgten ihnen zur Hugihütte oder ins « Hôtel des Neuchâtelois ». Dies führte zu einer unvergleichlichen Mischung von wissenschaftlicher und künstlerischer Natur-darstellung, von den Skizzen und Kupferstichen im 18. Jh. über akribi-sche Zeichnungen in den Publikationen von Agassiz bis zu den Leinwän-den des begnadeten Caspar Wolf und den Anfängen der Bergfotografie. Auf vielen Bildern ist nicht nur die neu entdeckte Landschaft, sondern auch der Moment ihrer Entdeckung festgehalten. Staffage-Figuren sind nämlich nicht Jäger und Kristallsucher, sondern Gletscherforscher bei ihrer Arbeit oder in ihrer archaischen Unterkunft, die ersten Alpentouri-sten oder selbst der Maler mit seinem Tragräf voller Leinwände.

Der Rhonegletscher Noch vor den Gletschern der Aare erschien der Rhonegletscher in Literatur, Kartographie und Kunst. Bereits im 4. Jh. beschrieb ein römischer Dichter den Ursprung der Rhone als gähnende Höhle und meinte damit möglicherweise das Gletschertor. 1705 erschien der Gletscher auf einer Kartenzeichnung von J. J. Scheuchzer.

Der dramatische Absturz und die gewaltig in die Ebene von Gletsch vorstossende Zunge machten den Rhonegletscher zum beliebten Sujet von Zeichnern und Malern: Schon 1706/07 wurde er zeichnerisch und druckgrafisch dargestellt. Und bis ins 2O. Jh. haben wohl die meisten der berühmten Alpenmaler und Bergfotografen am Rhonegletscher ihr Talent erprobt.

Aber auch entscheidende Forschungsprojekte befassten sich mit dem Rhonegletscher, u.a. eine über 40 Jahre dauernde Vermessungskampagne ( 1874 bis 1913 ), ein Gemein-schaftsprojekt von SAC und SNG ( Schweizerische Naturforschende Gesellschaft ) und ein Forschungsprojekt der ETH Zürich ( von 1979 bis 1984 ).

Die Gletscher von Aare und Rhone sind weltweit wohl die einzigen, die so lange und so intensiv beobachtet wurden. Sie sind wohl auch die einzigen, an denen sich die Entwicklung alpiner Kunst - von den Anfängen bis zur Gegenwart - in solch einzigartiger Dichte verfolgen lässt.

Es ist kein Zufall, dass der SAC die Gletscher als Thema für seine 21. Ausstellung alpiner Kunst wählte, sind sie doch wegen ihres Rückgangs und zunehmender menschlicher Eingriffe Gegenstand aktueller Diskussionen. Für einmal werden deshalb die Gletscher einem breiten Kunstpublikum nicht im geschönten künstlerischen Abbild präsentiert. Vielmehr sollen die Besucherinnen und Besucherden Gletscher und seine Gefährdung und die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema durch diese Ausstellung in der Landschaft erleben.

Ablauf der Ausstellung Die Kunstwerke werden von den Kunstschaffenden nach der Schnee- schmelze ( in diesem Jahr später als üblich ) installiert. Für die Mehrzahl der Objekte wird dies voraussichtlich in den ersten zwei Augustwochen geschehen. Am 13. August 1999 werden dann alle Kunstwerke an ihrem Standort sein. Ein Besuch der Ausstellung ist deshalb vor allem ab der Aktionswoche vom 7. bis 13. August 1999 empfehlenswert.

Am 31. Juli 1999 werden im alten Posthaus in Gletsch ( Nebengebäude zum Hôtel Glacier du Rhône, westlich der Grimselstrasse ) Informations- und Ausstellungsräume mit einer Dokumentation der 15 Kunstobjekte der Kunstschaffenden sowie von Foto-und Videoarbeiten eröffnet. Zudem werden auf einer Karte laufend all jene Objekte eingetragen, die in der Landschaft bereits zu besichtigen sind. Diese Info-Räume werden bis zum 3. Oktober 1999 zugänglich sein; an Wochenenden sind sie beaufsichtigt, während der Woche ist der Schlüssel an der Hotelrezeption zu verlangen. Vom 7. August 1999 an wird in Gletsch, in den SAC-Hütten und in den Berghäusern und Hotels der Grimsel-Furka-Region ein Infoblatt zur Ausstellung aufliegen mit einer Liste und einer Übersichtskarte der Kunstwerke und ihrer genauen Standorte. Das Infoblatt kann ab 2. August 1999 auch bei der Geschäftsstelle des SAC, Postfach, 3000 Bern 23, mit einem frankierten und adressierten C5-Rückantwortkuvert gratis bezogen werden.

Fotografie P.L. Mercanton: « Bloc Hugi, 2. September 1925 » ( Unteraargletscher ) Kartenaktion und Katalog Zur Einführung und zur Unterstützung von Gletscherblick 99 hat das Organisationskomitee der Kunstaktion eine Serie Faltkarten1 mit vier verschiedenen Sujets aus der Pionierzeit der Gletscherforschung geschaffen. Die Ausstellung wird mit einem attraktiven Katalog dokumentiert werden. Dieser wird Fotos der Objekte, Angaben zu den Kunstschaffenden sowie Texte namhafter Wissenschaftler und Alpenschriftsteller enthalten. Vorliegen wird dieser Katalog bei der Verleihung des Prix Meuly2.

Vernissage und Abschluss Am Freitag, 13. August 1999, von 16 bis 20 Uhr, finden im Saal des Hôtel Glacier du Rhône in Gletsch die Vernissage und ein Fest zur Ausstellung statt. Zu diesem fröhlichen Anlass sind alle herzlich eingeladen. Ab Samstag, 3. Oktober 1999, werden die Kunstschaffenden ihre Arbeiten abräumen und der Natur wieder die Regie überlassen.

Adolf Urweider, Hasliberg 1 Die Serie mit den vier verschiedenen Sujets im Format A5 kostet inkl. Kuverts 16 Franken und kann bei der Geschäftsstelle des SAC, Postfach, 3000 Bern 21, Tel. 0312/370 18 18, Fax 031/370 18 00, e-mail:info(at)sac-cas.ch ( Postadresse nicht vergessen ) bestellt werden.

2 Die Jury ermittelt den/die Preisträger unter den teilnehmenden Kunstschaffenden für den alpinen Kunstpreis Meuly.

Die für die Kartenaktion ausgewählten Sujets sind bewusst aus der Anfangszeit der Gletscherforschung ausgewählt, um dadurch den Bogen zum Kunstschaffen und der Gletscherforschung heute spannen zu können; Rhone-gletscher-Vermessung um 1880.

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen e a. «

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