Grenzgänger überm Walensee. Bergfahrt 2008

Grenzgänger überm Walensee

Gedichte, Getöse und Geschichten vom Gipfel erlebten die Besucher an Emil Zopfis « Bergfahrt 2008 », die diesen April in Amden stattfand.

« Ein aktiver Bergsteiger, ein reiner Tatmensch, wird kaum jenes überragende alpine Dichterwerk schaffen, nach dem wir Bergsteiger dürsten. » Diese Meinung vertrat der Bergsteiger und Dichter Hans Morgenthaler, Mitglied des Akademischen Alpenclubs Zürich, im Beitrag « Moderne alpine Literatur », den die « Alpina », die Mitteilungen des SAC, im März 1923 veröffentlichte. Mit Morgenthaler, auch Hamo genannt, eröffnete Emil Zopfi seine dritte « Bergfahrt ». Die von ihm begründete und moderierte « Begegnung für alpine Literatur » findet alle zwei Jahre statt und wird vom SAC massgeblich unterstützt. Diesmal stand sie unter dem Motto « über Grenzen ». Obwohl an diesem mild-blauen Früh-lingssamstag der Mürtschenstock tief verschneit über dem Walensee thronte und nach Aktivitäten im Freien rief, waren nicht wenige Tatmenschen im vollen Gemeindesaal in Amden zu Stuben-hockern geworden. Ihr Durst aber nach Werken, die von Taten berichten, wurde ziemlich gestillt.

Schwarzenbach als Bergbuchautorin

Ines Papert ist eine Grenzgängerin in mehrerer Hinsicht: Ostdeutsche, die nun in Westdeutschland lebt, Mutter, Profi-bergsteigerin und mehrfache Weltmeisterin im Eisklettern. Ihre Biografie hat die in St. Gallen lebende Münchnerin Karin Steinbach verfasst. In Amden sprachen beide über ihr gemeinsames Buch. 1 Es will nicht jenes überragende alpine Dichterwerk sein, das Hamo forderte. Doch « Im Eis » wird gelesen, « vor allem von jungen Frauen und älteren Männern », wie Papert anmerkte. In diesem Jahr wäre die Schweizer Schriftstellerin und Fotografin Annemarie Schwarzenbach 100 Jahre alt geworden; sie starb 1942 an den Folgen eines Velounfalls im Engadin, vielleicht auch an den Folgen ihres abenteuerlichen Lebens. Dass sie auch ein Bergbuch geschrieben hat, nimmt ihre stetig wachsende Fangemeinde immer noch leicht 1 Ines Papert und Karin Steinbach: Im Eis. Wie ich auf steilen Routen meinen Weg fand, Malik Verlag, München 2006. 2 Annemarie Schwarzenbach: Lorenz Saladin. Ein Leben für die Berge. Herausgegeben und mit einem Essay versehen von Robert Steiner und Emil Zopfi, Lenos Verlag, Basel 2007. 3 www.franziskabaumann.ch verwundert zur Kenntnis: die Biografie über Lorenz Saladin, der 1936 am Khan Tengri, dem am nördlichsten gelegenen Siebentausender im Tianshan-Gebirge, an einer Blutvergiftung starb. Emil Zopfi und der deutsche Extrembergsteiger sowie Germanist Robert Steiner haben Schwarzenbachs Lorenz Saladin neu herausgegeben und mit einem aufschlussreichen Essay versehen ( vgl. ALPEN 11/2007 ). Über die beiden Grenzgänger, die sich im Leben nie begegnet sind, erzählten Zopfi und Steiner in Wort und Bild. 2

Berge zum Klingen gebracht

Die Sängerin und Klangkünstlerin Franziska Baumann erkundet die Gletscher mit dem Richtmikrofon und bringt so den Berg direkt zum Tönen. Braunge-lockt und im eisblauen Hosenanzug steht sie auf der Bühne und dirigiert mit Sensorhandschuh und Laptop ein alpines Konzert, in dem sich Steinrollen, Donnerechos und ächzendes Gletschereis mit einem Sirenengesang vermischen, der von Ferne an den Betruf der Älpler erinnert. Eine akustische Grenzerfahrung der ganz besonderen Art. 3 Über die Grenzen der sprachlichen Verständigung gingen die italienischen Berggedichte des in Italien lebenden Tessiner Essayisten und Lyrikers Fabio Pusterla. « Sette frammenti dalla terra di nessuno », sieben Fragmente aus dem Niemandsland, haben den Bergsturz von Gondo zum Ausgangspunkt – und sind noch nicht übersetzt worden. Trotzdem spürten die Zuhörer den Geist des Gebirges, als der Autor die Gedichte vortrug. Ähnliche Erfahrung machten sie auch mit den Texten des rätoromanischen Schriftstellers und zeitweiligen Alphirten Leo Tuor: Wie er aus seinem bekanntesten Buch Giacumbert Nau las, Die Biografin und ihr « Opfer »: Karin Steinbach und die Spitzenbergsteige-rin Ines Papert Fotos: Mar co Volken Der Vater der « Bergfahrt », Emil Zopfi, begrüsst seine Gäste in Amden.

glaubte man, über die Greina zu stiefeln. 4

Bergfahrt geht nicht zugrunde

Den Schlusspunkt der alpinliterarischen Veranstaltung setzten wie immer die Bündner Schauspieler und Berggänger Gian Rupf und René Schnoz. Dieses Mal würdigten sie in einem Schatten-Sprech-spiel den vor 80 Jahren verstorbenen Hans Morgenthaler mit seinen Texten, insbesondere aus Hamos Erstling Ihr Berge, worin sowohl das Drama am Tödi ( Morgenthaler erlitt schwere Erfrierungen an den Händen ) wie die Bietschhorn-Touren mit Grittli, seiner letzten Gefährtin, ausführlich beschrieben sind. 5 Lesen ist das eine. Aber wenn die Schauspieler den « ziemlich kompliziert konstruierten Menschen » ( Hamo über sich selbst ) auf die Bühne bringen, wird man auf eine Bergfahrt mitgenommen, die den Vergleich mit wirklichen Bergfahrten nicht zu scheuen braucht. Da kann der Mürtschenstock noch so leuchten. Hans Morgenthaler betitelte einen weiteren Text zur Tödi-Tragödie, der 1925 im ersten Jahrgang der heutigen ALPEN erschien, mit « Meinetwegen zugrunde gehn ». So heisst auch die Produktion von Gian Rupf und René Schnoz. Doch davon ist Emil Zopfis Bergfahrt nicht betroffen. Die nächste wird im Frühling 2010 wieder in Amden stattfinden. a Daniel Anker, Bern 4 Leo Tuor: Giacumbert Nau. Hirt auf der Greina, Octopus Verlag, Chur 1994 ( Giacumbert Nau, récit et notes sur sa vie, Editions L' Age d' homme, Lausanne 1997 ). 5 Hans Morgenthaler: Ihr Berge. Stimmungsbilder aus einem Bergsteiger-Tagebuch, Orell Füssli Verlag, Zürich 1916. Neuauflage und mit einem Nachwort von Edgar Schuler, Verlag AACZ, Zürich 1996.

Der Vater der « Bergfahrt », Emil Zopfi, begrüsst seine Gäste in Amden.

Voller Saal in Amden an der Bergfahrt 2008, trotz dem prächtigen Wetter draussen Texte von Hans Morgenthaler setzten Gian Rupf und René Schnoz in einem Schattenspiel um.

T E X T / F O T O SIris Kürschner, Grenzach/D

ür Feinschmecker ist das Piemont längst ein Begriff, man denkt an Trüffel und vollmundigen Wein, an hausgemachte Pasta und diese unermessliche Fülle kreativer Antipasti, an mittelalterliche Dörfer und Hügelwellen, gekrönt von Burgen und herrschaftlichen Wein-gütern.

Doch in der zweitgrössten Region Italiens schlummern Schätze, die erst allmählich vom Tourismus entdeckt werden und deren Erkundung fast schon einer Pionier-reise gleicht, beispielsweise die wilden Alpentäler am Fuss des Monviso. Über den Berg selbst wurde freilich schon viel publiziert, schliesslich ist er ein Platzhirsch. Seine stolze Pyramide ist an klaren Tagen weithin sichtbar. Als isoliert stehender Gigant, nur 30 Kilometer von der Poebene und nur 90 Kilometer vom Meer entfernt, überragt

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er alle umliegenden Bergeeine Erklärung, warum er Monviso, übersetzt der « sichtbare Berg », heisst und warum man ihn lange Zeit gar für den höchsten der Alpen gehalten hat. Mit 3841 Metern ist er immerhin der höchste der Cottischen Alpen.

Wie Krakenarme streckt er seine Grate aus und formt mit den Tälern Val Po, Val Varaita und Val Maira einen Landschaftsakt im Alpenbogen, der sich wie ein Amphitheater um die Provinzhauptstadt Cuneo schmiegt. Seine herabfl iessenden Wasser nähren die Quelle des Po, der sich vom kleinen Gebirgsbach zum längsten Fluss Italiens mausert und schliesslich in die Adria mündet.

Oft im Dunst verborgen

Der Monviso ist ein Blickfang ohnegleichen. Nur gibt es leider extrem viele Tage, an denen sich dieser Berg sozusagen im Nichts aufl öst. Der Dunst, den die Hitze der Po ebene verursacht und der an den Alpenbogen drückt, bestimmt das Wetterbild eines gewöhnlichen Sommers.

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