Greyerz aus der Vogelschau. Geschichte, Land und Leute

GREYERZ AUS DER V

DIE ALPEN 1/2003

Greyerz – von oben

Das Voralpengebiet von Greyerz erschliesst sich dem Wanderer aus der Nähe – dem Flieger aus der Distanz. Fotograf Ulrich Ackermann machte Experimente mit einer Panorama-Kamera und erzielte damit einen einmaligen Effekt. 1 Die Bergwelt von Greyerz erschliesst sich aus einer völlig neuen Perspektive: von der Talsohle bis zu den Gipfeln, alles auf einen Blick. Diese Aufnahmen fesseln durch die ungewöhnliche Perspektive sowie durch ihre Schärfe bis ins kleinste Detail – eine Bergwelt, wie wir sie lieben und erleben, ohne die Einschränkungen durch vorgegebene Formate.

Greyerz oder La Gruyère

Viele Touristen wissen, dass Gastlosen, Moléson und Charmey zum Kanton Freiburg gehören, einige wissen auch, dass sie im Bezirk Greyerz oder französisch La Gruyère liegen. Doch wer ausserhalb des Kantons Frei-1 Ulrich Ackermann erhielt für seine Bergfotografie eine Goldmedaille in der Sparte Bergbilder im internationalen Wettbewerb « Hasselblad Super Circuit » 2002.

Auf dem Flug vom Pays d' Enhaut entlang der Westflanke der Vanil-Noir-Kette. Blick gegen Norden mit ( r. ) Vanil de l' Ecri, 2375 m, und dahinter Vanil Noir, 2389 m Das Schloss Greyerz. Auf Grund seiner die ganze Ebene von Bulle und die hier seit alter Zeit bestehenden Verkehrswege beherrschenden Lage hat dieser befestigte Ort die Geschichte eines grossen Gebiets entscheidend bestimmt.

VOGELSCHAU

DIE ALPEN 1/2003 Nebelmeer über der Haute Gruyère. Le Moléson, 2002 m, und links anschliessend der Teysachaux, 1909 m, zeichnen sich scharf gegen die von der untergehenden Sonne ausgeleuchteten hohen Wolkenschichten ab. Blick auf die Felsbastion der Corne Aubert, 2038 m, und den in seinem rechten Teil besonnten Schneehang der Haute Combe, 2039 m. Im Hintergrund die Berner Alpen mit dem Wildstrubel in der Bildmitte DIE ALPEN 1/2003 Fo to s: Ul ric h Ac ke rm ann Vom südlichsten Teil der Gastlosenkette gegen die Berner Alpen. Links im besonnten Schneehang die Alphütte von Grosse Combe, im Mittelgrund das Gebiet von Saanen-möser-Schönried, im Hintergrund Wildstrubel, Rinderhorn und Balmhorn/Al-tels. Im Vordergrund bildet diese Aufnahme praktisch die rechte Fortsetzung der Foto links.

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Ul ric h Ac ke rm ann Von Greyerz kommend geht der Blick gegen Südosten auf die ganze Gastlosenkette, deren teils bewaldeter, teils eigentliche Alpen bildender Sockel noch von der Sonne beschienen wird. Rechts im Übergang von Licht zu Schatten die V-förmige Kerbe der Perte à Bovet, links anschliessend Corne Aubert, 2038 m, Les Pucelles, 2109 m, und die beiden Felsnasen der Dent de Savigny, 2252 m, und der Dent de Ruth, 2236 m. Im linken Mittelgrund der breit hingelagerte Dachfirst der Hochmatt, 2152 m und 2146 m. Am rechten Bildhorizont die Berner Alpen mit dem Dreigestirn Jungfrau, Mönch und Eiger DIE ALPEN 1/2003

burg weiss schon Bescheid über Gruyère, den zum grössten Teil französischsprachigen Bezirk des Kantons Freiburg? Bekannt ist allenfalls noch der Käse, der aus dem Gebiet stammt und seinen Namen trägt. Das Städtchen Greyerz mit seinem Schloss ist Anziehungspunkt für Touristen, die auf ihrem Weg quer durch Europa hier einen kurzen Halt einschalten. Doch vom Rest des Bezirkes, seiner Geografie oder gar seiner Geschichte spricht kaum jemand. « Und von dem, was herumerzählt wird, ist vieles falsch », seufzt Raoul Blanchard, Konservator des Museums, das im Schloss Greyerz untergebracht ist. Denn fehlende Quellen und mangelnde Aufarbeitung wurden schon mal mit Fantasie gefüllt, im naiven Glauben, dass Tagestouristen Geschichtsklitterungen nicht bemerken würden.

Greyerz – seit der Eisenzeit bewohnt

Der Felsen musste für mittelalterliche Fürsten geradezu eine Herausforderung sein, so wie er trutzig und wehrhaft aus der Ebene von Bulle aufragt. Das Schloss Greyerz und in seinem Schatten der Ort mit der mittelalterlichen Stadtmauer wirken aus der Ferne imposant, drohend und gleichzeitig einladend. Die Ebene von Bulle ist von Greyerz aus weit zu überblicken. Allfällig sich nähernde Feinde konnten frühzeitig entdeckt werden. Im Rücken boten die Voralpen die nötige Sicherheit. Und ausserdem war es eine verkehrstechnisch hervorragende Lage: Greyerz liegt am Weg vom Norden in den Südwesten Europas, ohne dass hohe Berge überwunden werden müssen.

« Sicher war Greyerz schon in prähistorischer Zeit bewohnt », sagt Raoul Blanchard. « Aber bis heute wurde nie systematisch nach entsprechenden Überresten gesucht. Was man gefunden hat, war mehr zufällig. Sicher ist, dass schon in der Eisenzeit eine wichtige Handelsstrasse von England, genauer von den Zinnminen in Cornwall, ans Mittelmeer hier bei Greyerz vorbeiführte », erläutert Blanchard. Für diesen Weg wurden vor allem Flüsse genutzt. Die Saane war bis in den Raum von Freiburg schiffbar. Dort wurde umgeladen und bis zu Genfersee und Rhone der Landweg benutzt, der an Greyerz vorbeiführte. Auch während der Römerzeit gab es eine Siedlung, die sich aber auf Grund der bis anhin spärlichen Funde nicht genau bestimmen lässt.

Eine Dunstschicht vermischt mit den Resten eines Nebelmeers lassen das Tal der Haute Gruyère nur erahnen. Gegen Süden beherrschen die Savoyer Alpen den Horizont. Rechts im Mittelgrund die sich gegen die helle Wolkenschicht scharf abhebende Pyramide der Dent de Lys, 2014 m. Ganz im Hintergrund der linken Bildhälfte die massige Berggestalt des Montblanc und gerade rechts die Dents du Midi/ Haute Cime, 3257 m.

Die Pucelles mit ihren drei Gipfeln: ( v. r. ) Jumelle, 2088 m, Pointe à l' Echelle, 2090 m, und Vanil de la Gobette, 2109 m. Anlässlich der Erstbesteigungen der Pucelles-Gipfel wurde hier Klettergeschichte geschrieben. Dahinter geht der Blick ins Vallée des Fenils oder Grisch-bachtal.

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Das Geschlecht derer von Greyerz

Über den Ursprung des Grafengeschlechts von Greyerz gibt es kaum historisch verlässliche Informationen. Dafür wilde Legenden wie etwa jene vom Barbarenführer, der im 5. Jahrhundert das Geschlecht begründet haben soll – « eine schöne Geschichte, die man auch im Rittersaal findet, aber sicher falsch. Diese Legendenbildung war speziell im 19. Jahrhundert beliebt, als man gerne den Ursprung des Geschlechtes in die spätrömische Zeit gelegt hätte », führt Blanchard dazu aus. Ob das Geschlecht derer von Greyerz wirklich auf einen « gruyer », also einen Forst- und Jagdinspektor, zurückgeht, ist bis heute nicht geklärt. Nach der Volkssage hat sich dieser « gruyer » emporgearbeitet, bis er schliesslich in den niedrigen Adel gelangte. Die erste schriftliche Erwähnung des Geschlechts findet sich in einer Stiftungsurkunde für das Priorat Rougemont im 11. Jahrhundert. Bis heute geht man davon aus, dass es 19 Grafen des Geschlechtes Gruyère gab. Das Wappen mit dem Kranich taucht erstmals um 1221 in einem Siegel der Familie auf. « Auch dazu gibt es Legenden », weiss Raoul Blanchard zu berichten. « So soll ein Kranich, französisch ‹la grue›, gekreist und damit dem Stadtgründer gezeigt haben, wo die Festung zu bauen sei. »

Aussicht gegen Nord-Nordost auf einen Teil des Freiburger Voralpengebiets. Im Vordergrund ( v.l. ) Le Van, 1966 m, der Einschnitt mit dem Chalet de Tsermon, 1793 m, und dem dahinter schon im Dunkeln liegenden Vallée de Motélon. Dann die bildbeherrschende besonnte stumpfe Pyramide des Tsermon, 2140 m, dahinter die aus dieser Perspektive als Doppelgipfel wirkenden Dent de Brenleire, 2353 m, und Dent de Folliéran, 2340 m Blick talauswärts gegen Westen in das unter einer Nebeldecke liegende Jauntal. Rechts begrenzt von den beiden markanten Gipfeln Schopfenspitz, 2104 m, und – links davon – Vanil d' Arpille, 2085 m. Im Hintergrund die beiden Spitzen der Dent de Broc, 1829 m, und der Dent du Chamois, 1830 m, links daneben der massige Bergstock Le Moléson, 2002 m DIE ALPEN 1/2003

Das Schloss

Das Schloss wurde von den Grafen von Greyerz vom 12. Jahrhundert bis 1555 bewohnt. Damals musste Graf Michael I. seine Güter an seine Gläubiger, die Städte Bern und Freiburg, abtreten. Bis 1798 war das Schloss Sitz der freiburgischen Vögte, der « Préfets », die einen Teil des Greyerzerlandes verwalteten. Sie wurden durch die Oberamtmänner abgelöst. 1848 ging das Schloss in Privatbesitz über. Während Jahrzehnten wurde es von der Familie Bovy bewohnt, die das Schloss restaurierte und dort ihre Künstlerfreunde empfing, dann von der Familie Balland und ihren Nachkommen. Vor dem Zweiten Weltkrieg erwarb der Kanton Freiburg das Schloss, und seit 1990 sorgt eine staatliche Stiftung für Unterhalt und Betrieb. Der Bergfried und das Erdgeschoss des Wohntraktes stammen aus dem 13. Jahrhundert. Für die Behauptung, dass Teile des Schlosses 1492 oder 1493 abgebrannt seien, gibt es gemäss Raoul Blanchard keinerlei Beweise. « Vermutlich wollte man damals einfach mehr Komfort und baute das Schloss deshalb um. »

Reisläufer, Käse und Tourismus

Wie in manchen eidgenössischen Landen lebte Greyerz jahrhundertelang vom Export seiner Menschen. Bis ins 15. Jahrhundert war die Reisläuferei die Haupteinnah-mequelle der Grafschaft Greyerz, zu der damals auch die heute bernischen Gebiete Boltigen, Zweisimmen und der ganze Oberlauf der Saane bis Gsteig zählten. Die Greyerzer kämpften zu dieser Zeit als willkommene Helfer an der Seite Berns in Murten gegen die Burgunder.

Im 15. Jahrhundert wurde das Gebiet von Jaun und Charmey als Teil eines Kartäuserklosters dem Land Greyerz zugeschlagen. Das war der Beginn der Alpwirtschaft und damit auch der Herstellung von Käse, bis heute Exportartikel Nummer eins des Greyerzerlandes. Dank verschiedenen Entwicklungen entstand der Greyerzer Käse, wie er sich dem Liebhaber heute präsentiert. Interessierte Besucher erfahren im « Maison du Gruyère »

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Ul ric h Ac ke rm ann Blick in die von der Abendsonne beschienene Westflanke des Cap au Moine, 1941 m, mit dem Verbindungssträss-chen Col de Jaman– Col de Soladier. Im Hintergrund ( Mitte ) der hell leuchtende Vanil Noir, mit 2388,. " " .9 m der höchste Berg des Kantons Freiburg Anton und Franziska Rauber aus Im Fang, die einen für das Greyerzerland typischen Bauernbetrieb mit 20 Kühen und etwa 26 Stück Jungvieh führen. Dieser Art von Bauernbetrieben stehen schwierige Zeiten bevor.

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in einer Musterkäserei und in einer Ausstellung alles Wissenswerte darüber. Im Fremdenverkehrszentrum Moléson steht eine restaurierte Alpkäserei aus dem 17. Jahrhundert, in der die traditionelle Herstellung von Alpkäse gezeigt wird.

Die Berglandwirtschaft mit ihrer Milchwirtschaft schafft die Voraussetzung für die Käseproduktion. Die Bauernfamilie Rauber wohnt im Weiler « Im Fang », der politisch zu Jaun, der einzigen deutschsprachigen Gemeinde im Bezirk Greyerz, gehört. Jaun ist eine « Grenz-Gemeinde »: an der Kantonsgrenze zu Bern, an der Sprachgrenze Deutsch-Französisch und an der Konfes-sionsgrenze.. " " .Der Bauernbetrieb Rauber ist typisch für das Gebiet: « Der Hauptbetrieb, also die grösste Fläche, sowie die Stallungen und die Scheune liegen in Charmey. Wir wohnen aber hier ‹Im Fang›, wo wir auch noch etwas Land besitzen. Im Sommer, sobald die Schulferien beginnen, gehen wir auf die Alp, müssen aber zwischen den Grundstücken und der Alp hin und her pendeln, um all die Arbeit zu erledigen. Im Sommer haben wir 20 Kühe, dazu noch etwa 26 Stück Jungvieh. In unserem ausschliesslich auf Milchwirtschaft ausgerichteten Betrieb verarbeiten wir die Milch nicht mehr selber, sondern be-liefern die Käserei in Charmey, wo Greyerzer Käse hergestellt wird. » Neben dem Käse ist der Tourismus eine

Von der Redaktion im Greyerzerland entdeckt und seither heiss geliebt

Gâteau au vin cuit 300 g Kuchenteig 1 El Zucker 1 Ei 1 Msp Trockenhefe 3 dl kalte Milch 1 Msp Zimt 1 dl Rahm 1 Prise Salz 2 El Mehl 1 dl vin cuit ( Birnendicksaft ) Ein rundes Kuchenblech32 cm ) mit dem Teig auslegen, einste-chen und mit etwas Mehl bestäuben. Die weiteren Zutaten vermischen, den vin cuit zuletzt dazugeben, sodass eine mittelbraune Mischung entsteht. Diese auf den Teig giessen und im vorgeheiz-ten Ofen bei 220° ca. 20 bis 30 Minuten backen.

Hoch über dem Tal der Jäunli geht der Blick Richtung Südosten zu den weichen Bergformen des nördlichen Hundsrügg, 1926 m. Gegen links fällt die Kuppe von Oberenegg Läger allmählich zum Jaunpass ab. Dahinter liegt über dem Oberen Simmental ein Nebelmeer, rechts davon die sanfte Krete des Spare-moos. Vom Nordgipfel des Hundsrügg ziehen sich drei markante Rücken zwischen Licht und Schatten ins Tal von Abländschen ( Jäunli ) hinunter.

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der Haupteinnahmequellen des Landes. 2 Aber auch das Greyerzerland spürt die weltweitenVeränderungen.. " " .Neue Ideen sind deshalb notwendig. a

2 Informationen zum Greyerzerland finden sich im Internet u.a. unter www.gruyere.ch, www.moleson.ch, www.noth.c.h/h0303_d.h.tml, www.jaun.ch, www.bugaboo.ch/vertical-f.htm oder bei den Verkehrsbüros Office du Tourisme de Bulle et Environs, av. de la Gare 4, 1630 Bulle, Tel. 026 912 80 22, und Charmey Tourisme SA, les Charrières 1, 1637 Charmey ( Gruyère ), Tel. 026 927 55 80

Führer für Bergwanderungen, Kletter- und Skitouren

Bergwanderer ( aus dem SAC-Verlag ): Metzker Philippe: Randonnées en montagne Jura–Fribourg–Vaud 2001. Kletterer: Brandt Maurice: Guide de Préalpes fribourgeoises. Du Léman au Thunersee. SAC-Verlag 1991. von Känel Jürg: Plaisir West. Filidor Verlag 2001. Clément Luc-Henri, Gobet Peter, Philipona Claude: Escalades/Klettereien Gastlosen.ch. Edigast 2002, ISBN 2-9700096-1-7 Skitourenfahrer ( aus dem SAC-Verlag ): Anker Daniel, Schnegg Ralph: Skitouren Berner AlpenWest –Waadtländer und Freiburger Alpen, Le Moléson bis Balmhorn, 2000. Labande François: Ski de Randonée Ouest Suisse. Edition Olizane, Genève 2000.

Über dem Jaunpassgebiet gegen Ost-Nordost. Das Simmental liegt unter einer geschlossenen Nebeldecke, die sich nahtlos in die Senken von Thuner-und Brienzersee weiterzieht und ( l. ) ins Aaretal und Mittelland überleitet. Links die lang gezogene Stockhornkette mit den in der Bildmitte gut sichtbaren drei Felszacken ( v. l. ) Trimlehorn, Holzerhorn und Mittagflue, rechts die Niesenkette und im Hintergrund die Berner Alpen mit der besonnten Eiger-Westflanke ( r. ) als Blickfang.

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Wissenschaft und Bergwelt

Scienza e mondo alpino Science et montagne

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