Grosser Aufwand fürs stille Örtchen Abwasserstrategie auf gutem Weg

Vor drei Jahren hat der Zentralvorstand des SAC eine Strategie zur besseren Reinigung der Abwässer in den Hütten verabschiedet. Die Umsetzung ist im Gang, aber es bleibt noch einiges zu tun. Eine Zwischenbilanz.

Vor dem Umbau stand es um die Abwasserentsorgung in der Claridenhütte nicht zum Besten. Fäkalien und Schmutzwasser liefen in ein Dreikammersystem, wo sich die Feststoffe absetzten und nur teilweise durch anaerobe Gärung abgebaut wurden. «Im Herbst zog der Hüttenwart den Schieber, und das Ganze lief über einen Felsen hinunter», sagt Hermann Inglin, Althüttenchef der Sektion Bachtel. Er hat den Umbau im Jahr 2013 begleitet. Es habe zwar nie Komplikationen gegeben, aber als man die Totalsanierung der Hütte beschlossen habe, sei klar gewesen, dass auch in Sachen Abwasser etwas gehen müsse.

Die neue Anlage ist im Parterre des neuen Anbaus untergebracht, direkt unter den wasserlosen Toiletten (siehe Abb. rechts). Die Ausscheidungen fallen auf ein Förderband, das die Gäste nach erledigtem Geschäft mit einem Fusspedal antreiben. Der Urin läuft in die sanierte Dreikammerklärgrube und von dort wie bisher in die Natur. Gleiches gilt für das Abwasser aus Küche, Nasszelle und Waschmaschine, wobei das Fett vorher abgeschieden wird.

Die Feststoffe plumpsen vom Förderband auf den Boden, wo sie von Würmern nach und nach zu Kompost verarbeitet werden. Nach einigen Jahren sollen vor der Hütte Blumen darauf spriessen.

Bei 23 Hütten kritische Situation

Die Claridenhütte war mit ihrer zweifelhaften Abwasserbehandlung kein Einzelfall. Mitglieder der Hütten- und der Umweltkommission des SAC haben die Situation im Jahr 2012 untersucht. Ihr Fazit: grosser Handlungsbedarf bei 23 Hütten, mittlerer Handlungsbedarf bei 18 Hütten. Sie schlugen vor, die prekärsten Fälle bis 2020 zu sanieren, bis 2025 die restlichen. Der SAC-Zentralvorstand stimmte dieser Strategie zu. Mit Beiträgen aus einem speziellen Abwasserfonds unterstützt er Sektionen, die handeln. Mit dem Fonds finanziert er 20% der abwasserspezifischen Baukosten (maximal 20 000 Franken pro Hütte), wenn fristgerecht umgebaut wird.

Inzwischen sind neun Hütten saniert, zwölf weitere sollen bis Ende 2018 so weit sein. Für die Übrigen, darunter acht mit grossem Handlungsbedarf, gibt es nur zum Teil klare Pläne. «Wir haben die Sektionen bisher nicht gemahnt», sagt Ulrich Delang, Ressortleiter Hütten des SAC. Er beurteilt das bisher Erreichte als insgesamt positiv: «Es ist uns klar, dass die Sektionen auch noch andere Aufgaben haben.» Delang ruft aber in Erinnerung, dass der Geldsegen aus dem Abwasserfonds nach Ablauf der Fristen versiegen wird.

Gemäss einer Schätzung wird die Erneuerung der Ab­was­ser­anla­gen für die 41 Hütten insgesamt rund 8,5 Millionen Franken kosten, im Durchschnitt gut 200 000 Franken pro Hütte.

Teuer sind vor allem die Toiletten- und Abwasseranlagen fürs grosse Geschäft. Sie verschlingen drei Viertel des Geldes. Der Rest wird in Pissoirs und Installationen für das sogenannte Grauwasser, Abwasser aus Küche, Waschanlagen und Duschen, investiert.

Wurmkompostierung - ein Novum

In der Claridenhütte hat man sich mit der Wurmkompostierung für eine innovative Lösung entschieden. «Ein Novum für die Schweiz», sagt Hermann Inglin nicht ohne Stolz. Bei der Planung habe die Sektion eng mit dem Ressort Hütten und der Hüttenkommission des SAC zusammengearbeitet und von deren Know-how profitieren können. Die Herstellerfirma Ecosphère habe zudem in den französischen Alpen schon gute Erfahrungen mit der Wurmkompostierung gemacht. Die Kosten für die Anlage kamen auf rund 85000 Franken zu stehen. «Zudem hat sie uns etwa 16 Quadratmeter Platz für den Fäkalraum gekostet, den man auch für etwas anderes hätte brauchen können», fügt Inglin an. Weil das System ohne Flüge auskomme, sei es im Unterhalt aber recht günstig. «Ja, die Würmli leben», sagt Hüttenwartin Angi Ruggiero. Sie ist beeindruckt, wie die fleissigen Tierchen die Ausscheidungen von jährlich rund 2000 Gästen verarbeiten. «Die Haufen fallen extrem zusammen.» Was sich seit 2013 angesammelt hat, passt immer noch gut in den Auffangraum. Rund einmal pro Monat schlüpft Angi Ruggiero in die Gummi­stiefel und geht hinein. Ihr schlägt kein Wohlgeruch entgegen, aber es riecht auch nicht nach Fäkalien. Weil der Urin abgeschieden werde, fehle zudem der stechende Ammo­niak­gestank. Wie beim Kompostieren mischt die Hüttenwartin die neuen Exkremente unter die Haufen mit älterem Material, wässert sie und deckt sie wieder zu. Den ältesten Hügel haben die nimmersatten Würmer schon fast in Humus verwandelt. Diesen Sommer wird Angi Ruggiero ihn vor der Hütte ausbringen.

Von Ausfliegen bis Kompostieren

Zusätzlich zu den Investitionen geht auch der Betrieb ins Geld. Die Betriebskosten variieren je nach Anlagentyp sehr stark. Am kostspieligen Ende des Spektrums liegen Behälter ohne Abfluss, die in eine kommunale ARA ausgeflogen werden, sobald sie voll sind. Etwas billiger wird es, wenn Festes und Flüssiges getrennt wird, weil es so weniger Material abzutransportieren gibt. Wird alles gleich vor Ort kompostiert und in der Nähe der Hütte ausgebracht, sinken die Kosten nochmals. Für die flüssigen Überreste des Hüttenlebens gibt es ebenfalls mehrere Systeme: vom Versickern über verschiedene Bodenfilter bis zur veritablen kleinen Kläranlage.

Welches System sich eignet, hängt vom Standort und von der Grösse der Hütte ab. Hoch oben ist meist kaum Wasser vorhanden. Spültoiletten kommen hier nicht infrage. Kälte und bescheidene Vegetation erschweren in der Höhe auch die biologische Klärung. In tieferen Lagen können Pflanzen, Boden und Mikroorganismen beim Reinigen helfen. Befinden sich Quellen, Bäche, Moore oder andere sensible Gebiete in der Nähe ist grössere Vorsicht geboten. Ausserdem steigen mit der Zahl der Übernachtungen tendenziell die Anforderungen.Welches für eine Hütte die richtige Lösung ist, ist für die zuständige Sektion nicht einfach zu entscheiden. Den Standort gut zu kennen, ist das eine, den Überblick über den aktuellen Stand der Abwassertechnik zu haben, das andere.

«Die Technologie hat sich in den letzten Jahren rasch entwickelt», sagt Bastian Etter. Er ist Mitglied der Hüttenkommission und beschäftigt sich als Mitarbeiter des Wasserforschungsinstituts Eawag auch beruflich mit dem Thema. Für die technischen Fortschritte seien die SAC-Hütten mitverantwortlich, sagt er. Die Erfahrungen, die die Hersteller von Toiletten und Kleinkläranlagen mit den Projekten in den Bergen machten, seien Innovationstreiber: «Es werden neue Lösungen entwickelt und neue Standards gesetzt.»

Sinkende Preise, steigende Anforderungen

Etter denkt dabei explizit nicht an Hightechanlagen, wie sie in der Monte-Rosa-Hütte gebaut wurden. Die Lektion aus diesem Projekt sei, dass sehr komplexe, energieintensive Systeme eher ungeeignet seien. «Wir brauchen technologiearme, robuste Abwasseranlagen, die wenig Energie brauchen und einfach zu betreiben und zu unterhalten sind.» Davon gebe es immer mehr auf dem Markt. Und weil sich die Anbieter inzwischen konkurrenzieren, sinken laut Etter zudem die Preise. Diese Fortschritte bleiben allerdings auch den Kantonen nicht verborgen. Sie sind dafür zuständig, dass das Gewässerschutzgesetz bei Bauten ausserhalb der Bauzonen eingehalten wird. «Zum Teil stellen sie deshalb höhere Anforderungen», weiss Bastian Etter. Ab und zu stelle sich darum die Frage, ob die Auflagen noch verhältnismässig seien. Jedenfalls kommt es gelegentlich zu Differenzen zwischen der Abwasserstrategie des SAC und den kantonalen Vorgaben. So geschehen bei der Cabane d’Arpitettaz im Wallis oder bei einigen Hütten im Kanton Graubünden. Hier verlangte der Kanton eine Sanierung der ARA, obwohl nach Ansicht des SAC kein Handlungsbedarf bestand. Der Zentralvorstand hat deshalb kürzlich beschlossen, auch in solchen Fällen Beiträge aus dem Abwasserfonds zu sprechen.

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