Halbautomaten im Test

Dank höheren Sicherheitsreserven scheinen Grigri und Co. das Ende der Tuber eingeläutet zu haben, zumindest in den Kletterhallen. Experten des DAV haben die gängigsten Modelle getestet.

Fast die Hälfte der Unfälle in den Kletterhallen des Deutschen Alpenvereins (DAV) in den Jahren 2012 und 2013 endeten mit einem Bodensturz. In einem von drei Stürzen auf den Boden erlitt der Sicherer Verbrennungen an den Händen. «Ein Hinweis darauf, dass vermutlich ein Bedienungsfehler des Sicherungsgeräts vorliegt», analysieren die DAV-Experten in ihrem Bericht. Die Erfahrung des Sicherers spielte dabei keine Rolle. Das zeigt: Niemand ist gegen einen Bedienungsfehler beim Sichern gefeit.

Ein Sicherheitspuffer im Gerät kann den entscheidenden Unterschied ausmachen. Einen solchen Puffer bieten halbautomatische Sicherungsgeräte wie Grigri mit ihrer Blockier­unter­stüt­zung. Der Club Arc ­Alpin (CAA), zu dem auch der SAC gehört, empfiehlt seit 2015 in Kletter­hallen und -gärten den Einsatz von Halb­auto­maten. Daraufhin hat die Abteilung Sicherheitsforschung des DAV sieben dieser Geräte systematisch miteinander verglichen. Die Resultate der Tests haben Sophia Steinmüller, Flo­rian Hellberg und Christoph Hummel im Magazin bergundsteigen (Nr. 92/Herbst 2015) erstmals veröffentlicht.

Bremshandposition entscheidend

Die Halbautomaten haben einen guten Ruf wegen des zusätzlichen Sicherheitspuffers, den sie gegenüber der dynamischen Sicherung mit einem HMS oder einem einfachen Tuber haben. Allerdings unterscheiden sich die Geräte in einem Punkt ganz wesentlich: Allen getesteten Geräten ist zwar die Blockierunterstützung gemeinsam, aber nur bei zwei Geräten spielt die Position der Bremshand keine Rolle, beim Grigri 2 und beim Matik. Beide werden in den SAC-Lehrbüchern als «Halbautomaten» bezeichnet. Bei ihnen löst der Sturz einen Blockiermechanismus im Inneren des Geräts aus, der unabhängig von der Reaktion des Sichernden ist. Bei den übrigen fünf Geräten, die in den SAC-Lehrbüchern als «unterstützte Tuber» bezeichnet werden, stammt die Bremsunterstützung vom Einklemmen des Seils zwischen Karabiner und Gerät. Weil sie über keinen inneren Blockiermechanismus verfügen, hängt ihre Wirksamkeit von der Position der Bremshand ab.

Sicherheitsreserve ja, aber …

Bei den Tests des DAV konnten einige Geräte des Typs «unterstützte Tuber» einen harten Sturz nicht aufhalten, wenn der Sicherer das Bremsseil losliess. Der harte Sturz wurde mit einem 80 Kilogramm schweren Gewicht simuliert, das man oberhalb der Zwischensicherung mit wenig Seilreibung fallen liess.

Die Blockierunterstützung dieser Geräte funktionierte besser im Fall eines weichen Sturzes, bei dem unterhalb der Zwischensicherung ein simulierter 55 Kilogramm schwerer Kletterer mit viel Seilreibung fiel. Allerdings blieb der Sicherheitspuffer ziemlich tief.

Geräte, die von der Bremshandposition unbeeinflusst sind, benötigen einen Ruck, um zu blockieren. Daher erweisen sie sich bei ­einem harten Sturz als sehr zuverlässig. Diese Zuverlässigkeit kann bei einem weichen Sturz abnehmen, weshalb auch hier das Bremshandprinzip eingehalten werden muss.

Vorsicht beim Seilausgeben

Die Autoren des Tests zeichnen ein weiteres kritisches Szenario, das Auswirkungen auf die Sicherheitsmarge der Halbautomaten hat: den Sturz eines Kletternden, wenn der Sicherer mit ­einem bremshandunabhängigen Gerät Seil ausgibt. Solange sie wie Tuber gehandhabt werden, erweisen sich Grigri und Matik hier als «wenig problematisch». Aber weil sie auf einen brüsken Durchlauf des Seils reagieren, kann schnelles Seilausgeben ihren Blockiermechanismus aktivieren. Um dies zu verhindern, ist die Beherrschung einer je nach Gerät speziellen Technik erforderlich (siehe Abb. 2 und 3). Verwendet man andere Techniken, besteht auch das Risiko, dass das Ge­rät offen bleibt und nicht blockiert.

Schwachpunkt Mensch

Die Resultate des Tests stellen die Überlegenheit der Halbautomaten in Sachen Sicherheit nicht infrage. Sie zeigen jedoch auf, dass ihre Bedienung in der Regel komplexer ist als diejenige der einfachen Tuber. Und wie es die Experten ausdrücken: «Je komplexer die Bedienung eines Geräts, desto wahrscheinlicher werden Fehlbedienungen.» Deshalb gehen die Hersteller den «Kompromiss zwischen guter Bedienbarkeit und hoher Sicherheitsreserve» ein. Es ist dem Benutzer überlassen, das Gerät auszuwählen, das seinen Fähigkeiten am besten entspricht. Und dann muss er dessen Bedienung verinnerlichen. Denn wie schon ihr Name sagt, Halbautomaten sind eben nicht ganz automatisch. Ihre Wirksamkeit ist ohne Beteiligung des Sicherers nicht garantiert; der Mensch ist und bleibt das schwächste Glied in der Sicherungskette.

Zur Vertiefung …

S. Steinmüller, F. Hellberg, Ch. Hummel, «Halbautomaten: Stärken, Schwächen, Unterschiede», in bergundsteigen, Herbst 2015, oder unter www.bergundsteigen.at

M. Schwiersch, S. Winter, «Halbautomaten: Damit Fehler nur Fehler bleiben», in bergundsteigen, Herbst 2015, oder unter www.bergundsteigen.at

K. Winkler, H.-P. Brehm, J. Haltmeier, Bergsport Sommer, SAC Verlag, Bern 2015

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