«Han i guet gmacht» Kletterferien für Menschen mit geistiger Behinderung

Der Weg in die Berge ist für Menschen mit geistiger Behinderung steinig. Doch sind die Ängste und Schwierigkeiten einmal überwunden, so dominiert die Freude. Impressionen einer Ferienwoche von Insieme im Saanental.

Bereits zum 28. Mal fand letzten Sommer die Wander- und Gebirgswoche für Menschen mit geistiger Behinderung von Insieme Zürcher Oberland ( siehe Kasten ) statt. Zwar wanderten und kletterten die Teilnehmer erstmals in der Umgebung von Gstaad im Berner Oberland, doch auch dieses Mal blieb vieles beim Alten. Die Mehrheit der 31 Teilnehmer und 16 Betreuer sind Stammgäste in dieser Ferienwoche. « Die geistig Behinderten sollen die Woche erleben können, wie sie der durchschnittliche Schweizer Jahr für Jahr erlebt », sagt die Lagerleiterin Katharina Brühlmann. Wandern, gut essen, sich entspannen, lachen. Brühlmann glaubt, dass die Geselligkeit, der Zusammenhalt zwischen den Behinderten und den Betreuern, neben den Bergtouren ein wichtiger Bestandteil des Erfolgsrezepts ist.

Nach der ersten Wanderung von Wispile über den Chrinnenpass an den Lauenensee erzählt Hansueli am Abend mit einem breiten Grinsen im Gesicht, wie er seine Füsse ins frische Wasser baumeln liess. Einige Tage später findet er beim « Strahlen » hinter der Bergstation der Videmanette-Bahn ein Stück Beton und ein Fragment eines roten Ziegel-steins. Seine Freude ist riesig. Und Othmar beschreibt nach beinahe jedem Atemzug in seinem breiten Berner Dialekt die Frische der Luft.

Weit kommt man mit den meisten Teilnehmern nicht, hoch hinaus höchstens mit der Bergbahn. Die durch den Grad der Behinderung gegebenen Niveauunterschiede sind gross. Einzelne klettern während der ganzen Woche vielleicht zwei Mal im Nachstieg bis zum dritten Bohrhaken einer einfachen Route. Andere versuchen sich an einer 5 c im Vorstieg. « In einer der Wochen in Pontresina erreichte die Spitzengruppe gar den Piz Palü », nennt der Leiter Ralf Weber einen der bergsteigerischen Höhepunkte aus seiner Arbeit mit den Behinderten. Doch er fügt an: « Der Grat zwischen Herausforderung und Überforderung ist extrem schmal. » Trotzdem legt er grossen Wert auf die Ausbildung der Teilnehmer. Sie sollen den Klettergurt selbst anziehen, die Knoten lernen, sich gegenseitig sich ern. Bei einigen halten die Leiter im Klettergarten sicherheitshalber das Bremsseil, andere sichern unter Aufsicht selbstständig. Derweil brennt die Sonne auf die Kalkplatten an der Wandflue hoch über dem Saanental. Schlapp hängen die Top-Rope-Seile in der Wand. Fredi hilft einer Kollegin, sich einzubinden. Mit seinen dicklichen Fingern fädelt er das Seil durch den Klettergurt. Grummelnd steckt er einen Knoten. Fredis Helm sitzt etwas schief auf dem schwarzen Kopftuch. Er ruft einen Leiter. Der Knoten stimmt nicht.

Die Teilnehmer lernen langsam, doch Fortschritte finden statt. Für Weber stellt die Ausbildung den Schlüssel zur Integration dar. Sein Ziel ist es, dass die Behinderten vermehrt auch von Angeboten profitieren können, die nicht speziell auf sie zugeschnitten sind. In diesem Sinne führt die JO des SAC Bachtel beispielsweise jedes Jahr eine Klettertour durch, zu der auch die Insieme-Kletterer eingeladen werden. Doch trotz wachsendem Wissen und Können bleibt die Betreuung intensiv. Häufig muss an der Seite mitgeklettert werden. Die Betreuer helfen den Behinderten, die Füsse auf die Tritte zu setzen, und unterstützen die Kletterer beim Herunterkommen. Einer solch nahen Unterstützung bedarf auch eine Teilnehmerin, die unter starker Epilepsie leidet. Sie hat regelmässig Anfälle – auch beim Klettern. Nebenan gelingt es Joana nicht, das Seil aus der Expressschlinge auszuhängen. Der untere Karabiner hat sich gedreht.

Die Ausrüstung stimmt. Rolf Sidler am Seil, Thomas Weber mit cooler Sonnenbrille.

Insieme Die Elternselbsthilfeorganisation Insieme wurde 1960 gegründet und zählt heute rund 9000 aktive Einzelmitglieder – Eltern, Angehörige und Fachleute – sowie rund 30 000 Freunde und Sympathisan-ten, die in 60 regionalen Unterorganisa-tionen zusammengeschlossen sind. Insieme ist eine Drehscheibe für Dienstleistungen und Informationen für die rund 50 000 in der Schweiz lebenden Menschen mit geistiger Behinderung und finanziert sich zu einem Teil aus Spendengeldern. Weitere Infos unter www.insieme.ch

Die Idee, die Teilnehmer die Natur anders als nur wandernd erleben zu lassen, hatte der damals junge Leiter Ralf Weber vor etwas weniger als 15 Jahren. « Ich wollte meine Begeisterung fürs Bergsteigen und Klettern teilen. Die Erfahrungen, die ich als Leiter mit den geistig Behinderten in den Bergen sammeln durfte, motivierten mich, den Führerkurs zu machen », sagt Weber heute. Als junger Bergführer gründete Weber vor zwölf Jahren neben der schon lange bestehenden Wandergruppe eine Gebirgsgruppe. Doch wieso soll man mit Leuten klettern, die Schwierigkeiten haben beim Treppensteigen? Bergsteigen mit Personen, die sich kaum verständlich ausdrücken können? Dazu kommt die Angst. Doch die gegenseitige Unterstützung ist gross. « Du kannst das !», rufen sich die Behinderten zu. Wer die Angst überwindet, gewinnt Selbstvertrauen. Ralf Weber nennt zwei weitere positive Aspekte des Kletterns: « Die Behinderten können eine neue Dimension, die Höhe, erleben. Zudem schult das Klettern den Gleichgewichtssinn und die Koordination. » Und der Höhepunkt jedes Tages sei stets die Freude, das Lachen in den Gesichtern.

Mitte der Woche steht eine Gletschertour auf dem Programm. Die stärksten Teilnehmer steigen von der Bergstation auf den Gipfel der Diablerets. Zwei Seilschaften stapfen durch den Schnee. Hansueli spult, trifft die Tritte oft nicht. Er fällt immer wieder hin, rappelt sich wieder auf und macht den nächsten Schritt. Auf dem Gipfel strahlen alle – nur die Sonne versteckt sich hinter den Wolken. « Han i guet gmacht », stellt Hansueli zufrieden fest. Nach den ersten Tagen der Woche blühen auch die Ruhigsten unter den Teilnehmenden auf. Die Persönlichkeiten treten in der ungewohnten Umgebung klar in Erscheinung – bis die Busfahrt zurück die Emotionen dämpft. Fredi spielt mit einer Betreuerin sein Panzerquartett. Im Hintergrund: Ländler. Und Andreas? Er schwatzt. Operieren müsse man, sagt er, im Spital.

Feedback