Harte Schale, weicher Kern Skitourenschuhe im Test

Was taugen die aktuell erhältlichen Skitourenschuhe? In einem aufwendigen Labor- und Feldtest hat die unabhängige Testplattform Outdoor Content Hub zusammen mit der Technischen Universität München acht Schuhmodelle miteinander verglichen. «Die Alpen» zeigen, welche Modelle im Aufstieg und in der Abfahrt überzeugen.

Skitourenschuhe – in keinem anderen Skisegment hat es in den vergangenen Jahren mehr Innovationen gegeben. Die Produkte sind leichter und vielseitiger geworden. Vor diesem Hintergrund hat der Outdoor Content Hub in enger Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Sportgeräte und Sportmaterialien an der Technischen Universität München (TUM) einen umfangreichen Labor- und Praxistest entwickelt. Getestet wurden acht im Handel relevante Modelle. Die Auswahl deckt drei Kategorien und damit die wichtigsten Einsatzbereiche von Touren- und Freeridingschuhen ab (siehe Kasten). Die Übergänge zwischen den Kategorien sind teilweise fliessend: Modelle wie der Dynafit Hoji Pro Tour oder der Salomon S/Lab MTN eignen sich für das Freeriding genauso wie für klassische Skitouren; und der Scarpa F1 sowie der Fischer Travers CC schlagen die Brücke zwischen Skitourenrennen und klassischen Skitouren. Ziel des Tests ist es, nicht einzelne Modelle gegeneinander auszuspielen, sondern jedes Schuhmodell möglichst exakt zu charakterisieren, damit Tourengeher ihr Modell wohlüberlegt und treffsicher auswählen können.

Persönliche Angelegenheit: Fussform

Wichtigster Aspekt ist wie bei jedem Schuh die Passform. Faustregel: Je besser die Grundform von Schaft, Schale und Innenschuh zur Fussform passt, desto besser wird der Schuh im Schnee funktionieren. Dass Passform und Tragekomfort für viele Skifahrer immer noch ein leidiges Thema sind, hat auch mit einer ganz simplen Tatsache zu tun: Der menschliche Fuss ist von Natur aus nicht für das Skifahren geschaffen. Er ist sehr flexibel und damit perfekt für dynamische Bewegungen wie das Laufen oder Gehen auf weichem Untergrund. Beim Skifahren aber muss der Fuss eher statisch arbeiten, kann sich kaum bewegen und ist hohem Druck ausgesetzt. Das hat spürbare Folgen: Verspannungen oder Druck- und Scheuerstellen.

Darauf kommt es an: Passform

Ein Check der Innensohlen der getesteten Schuhe hat ergeben: Die serienmässig verbauten Sohlen sind meist recht dünn und instabil. Ein grundlegendes Manko, aus dem viele Passformprobleme resultieren. Es empfiehlt sich deshalb in den meisten Fällen, die Seriensohle gegen eine stabile, individuell angepasste Innensohle zu tauschen. Essenziell für die Passform ist ein fester Sitz der Ferse im Schuh. Andernfalls drohen Blasen oder Scheuer- und Druckstellen. Und es fällt schwerer, den Ski exakt zu steuern. Die Zehenbox sollte hingegen so viel Platz bieten, dass man die Zehen noch leicht bewegen kann. Das ermöglicht eine gefühlvolle Skisteuerung und eine gute Durchblutung. So bleiben die Zehen länger warm. Die Position des Verbindungsgelenks von Schaft und Schale hat ebenfalls einen wesentlichen Einfluss auf Passform und Performance. Sie sollte mit dem Sprunggelenk übereinstimmen.

Flex und Steifigkeit

Über kaum einen Aspekt bei Tourenskischuhen wird hitziger diskutiert als über die Steifigkeit, den sogenannten Flex. Dabei geht es um das Verhalten des Schuhs, wenn der Unterschenkel in der Abfahrt gegen den Schuhschaft drückt. Je härter Schale und Schaft sind, desto direkter und schneller werden die Steuerimpulse vom Fuss an den Ski weitergeleitet. Ist der Schuh allerdings zu hart abgestimmt, lässt sich das Sprunggelenk in der Schwungsteuerung nicht beugen. Wichtig für das Fahrverhalten und die Sicherheit ist eine gewisse Progressivität im Flex, also ein mit zunehmendem Flexwinkel wachsender Widerstand. Der Skischuh sollte am Anfang mit wenig Kraftaufwand flexen, um die Beugung des Sprunggelenks und damit die Schwungeinleitung zu erleichtern. Um den Schwung dann exakt steuern zu können, ist eine Verhärtung mit zunehmendem Vorlagewinkel nötig. Diese Progressivitätsanforderung erfüllen alle Testmodelle. Ein ausreichend straffer Flex bedeutet auch eine Schutzfunktion des Sprunggelenks und der damit verbundenen Bänder, Sehnen und Muskeln. Die Skischuhhärte sollte zum Körpergewicht, zur Kraft und zum Fahrstil des Skitourengehers passen. Genauso wichtig ist eine sinnvolle Abstimmung von Skischuh, Bindung und Ski.

Flexindex – keine klare Kaufhilfe

Die von den Skischuhherstellern kommunizierten Flexwerte sind nicht vergleichbar – das zeigen auch die Resultate der Labortests. Zudem verändern sich die Werte mit der Temperatur. Aus diesem Grund wurden die Flextests der acht Tourenschuhe in einer Klimakammer durchgeführt: Mit 23 °C wurde die Raumtemperatur im Fachgeschäft simuliert, mit 5 °C Frühjahrstemperaturen am Berg und mit –10 °C Winterbedingungen. Die am Prüfstand ermittelten Werte haben sich im Praxischeck auf dem Schnee am Pitztaler Gletscher bestätigt. Bei allen Schuhmodellen ist deutlich erkennbar: je kälter, desto härter der Flex. Wie irreführend ein Flexcheck im Laden sein kann, zeigt folgendes Beispiel: Die beiden K2-Mindbender-Modelle für den Freetouring- und Freeridingeinsatz waren bei 23 °C die weichsten Modelle im Test, bei kalten Temperaturen zählten sie dagegen zu den steifsten Testkandidaten.

Bewegungsfreiheit im Aufstieg

Neben dem Flex in der Abfahrt ist auch die Schaftbeweglichkeit im Aufstieg eine wichtige Grösse bei der Bewertung von Touren- und Freetouringschuhen. Während der Schaft in der Abfahrt nach hinten durch einen Verriegelungsmechanismus blockiert ist, um Halt zu geben, ist im Gehmodus eine gute Beweglichkeit des Schafts nach hinten und vorne erforderlich – und das mit möglichst wenig Widerstand. Man spricht hier von Schaftrotation. Gerade bei alpinen Touren, auf denen längere Passagen im Fels oder sogar Kletterpassagen zu bewältigen sind, aber auch beim Gehen mit Steigeisen kommt dieser Bewegungsfreiheit eine entscheidende Rolle zu. Leichtbaumodelle wie der Fischer Travers CC ermöglichen deutlich mehr Schaftrotation als Freetouringmodelle. Allerdings zeigte der Praxistest, dass für Standardanforderungen wie das Gehen bei flachen bis mittelsteilen Aufstiegswinkeln auch die Schaftbeweglichkeit der Freetouring- und Allroundmodelle ausreicht. Wie gut die Schaftrotation funktioniert, hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Schnallen am Schaft geöffnet oder geschlossen sind. Eine Ausnahme bildet der Dynafit Hoji Pro Tour, der aufgrund eines speziellen Verriegelungsmechanismus auch bei komplett geschlossenen Schnallen eine sehr gute Schaftrotation aufweist.

Klimakomfort: zu feucht, zu kalt

Skitouren sind bisweilen eine schweisstreibende Angelegenheit. Auch für die Füsse. Ist der Schuh erst einmal feucht, werden die Füsse schnell kalt, insbesondere bei Pausen oder in grosser Höhe, wenn die Aussentemperatur sinkt. Wie die Passform ist auch das Temperaturempfinden eine recht individuelle Sache. Doch wiederum brachte der Labortest wertvolle Ergebnisse, die die oft hitzigen Diskussionen über kalte Füsse auf eine kühl kalkulierbare und vergleichbare Basis bringen. Kern der Klimakomforttests bildeten Untersuchungen der Isolationsleistung der Tourenschuhe sowie der Feuchtigkeitsaufnahme und Trocknungszeit der Innenschuhe.

Alles im Trockenen? Nicht ganz!

Vor allem wenn die Tourenschuhe mehrere Tage in Folge im Einsatz sind, etwa auf Mehrtagestouren, ist das Trocknungsverhalten ein wichtiger Faktor. Im Test erfolgte die Trocknung bei einer Raumtemperatur von 22 °C. Innenschuhmodelle mit hoher Feuchtigkeitsaufnahme waren selbst nach zwölf Stunden noch nicht vollständig trocken. Entsprechend müssen solche Innenschuhe bei höheren Temperaturen oder mit einer warmen Belüftung (Schuhtrockner) getrocknet werden, um am nächsten Tag wieder einsatzbereit zu sein. Gerade Tourengeher, die regelmässig Probleme mit kalten Füssen bekommen, sollten die Aspekte Isolation und Feuchtigkeitsmanagement auf dem Schirm haben. Bei wiederholt auftretenden kalten Füssen oder bei grosser Kälte bieten sich nachrüstbare Schuhheizungen an. Eine Rolle spielt auch hier der Einsatzbereich: Auf langen Touren mit Pausen oder auf Mehrtagestouren sind eine gute Isolation und ein wirksames Feuchtigkeitsmanagement wichtiger als auf kurzen Touren oder Pistentouren mit nur einem Aufstieg und einer Abfahrt unmittelbar danach – beispielsweise auf einer sportlichen Feierabendtour.

Fazit

Es bleibt festzuhalten: Enorm viele Faktoren haben Einfluss auf die Passform, die Abfahrts- und die Aufstiegsperformance sowie auf den Tragekomfort von Tourenschuhen. Die getesteten Skitouren- und Freeridingschuhe sind ausreichend stabil und schützen gut vor Verletzungen durch zu hohe Kräfte auf das Sprunggelenk, wie sie bei sehr weichen Schuhen auftreten können. Die Flexeigenschaften sind je nach Einsatzbereich recht unterschiedlich und vom Fahrer sowie von der Fussform abhängig, entsprechen aber weitgehend den Anforderungen der jeweiligen Kategorie. In puncto Fussklima haben alle Modelle noch viel Spielraum für Verbesserungen, die aber nicht einfach zu realisieren sein werden. Grund: Alle aktuellen Konstruktionen basieren auf Kunststoffschalen, die eine Barriere für den Abtransport von Feuchtigkeit darstellen. Superleichte Schuhe mit der Abfahrtsperformance eines sportlichen Freeridingschuhs gibt es nicht. Und es wird sie vom heutigen Stand der Technik her gesehen auch in absehbarer Zeit nicht geben. Dafür bieten leichtere Schuhe mehr Bewegungsfreiheit und sparen Kraft im Aufstieg. Die Wahl des Tourenschuhs ist – ebenso wie die Wahl anderer Teile der Tourenausrüstung – nach wie vor ein Kompromiss.

Der Schlüssel zu einem ungetrübten Skitourenerlebnis ist immer noch die Passform des Schuhs. Der beste Tourenschuh ist bei einer sinnvollen Auswahl nach Einsatzbereich und Schuhkategorie immer noch der, der am besten passt. Dabei sollte man stets die Option einer individuellen Anpassung im Auge behalten. Die Möglichkeit, ein Produkt vor dem Kauf auf Schnee zu testen, gibt es für Tourenschuhe weit seltener als für Ski. Ergibt sich eine solche Gelegenheit, sollte man sie nutzen, alleine um ein Gefühl für die Unterschiede und die persönlichen Vorlieben zu bekommen.

{f:if(condition: label, then: label, else: header} Die drei Kategorien

Kategorie 1: Freetouring/Freeriding K2 Mindbender 130, Fischer Ranger Free

Kategorie 2: AllroundskitourDynafit Hoji Pro Tour, Scarpa Maestrale, Salomon S/Lab MTN

Kategorie 3: Speedtouring / Hochtour light Fischer Travers CC, Scarpa F1

Feedback