Hengge Helga. Nur der Himmel ist höher. Mein Weg auf den Mount Everest

Droemer Verlag, München 2000. Fr. 38.–

Seit der deutschen Übersetzung von Jon Krakauers Bericht über die Tragödie am Everest von 1996 haben wir – nachge-zähltbrav zehn Bücher zum Thema Everest gelesen. Verlage, die vor 1996 keinen Rappen für Bergsteigen ausgegeben hätten, sind – dem Höchsten aller Berge sei Dankauf den Geschmack gekommen. Nur bringen sie leider nicht immer heraus, was anspruchsvolle Liebhaber der Berge gerne lesen möchten, denn um wirklich Lesenswertes aus diesem Bereich zu fördern, scheint ihnen das Geld zu schade zu sein.

Die Lektüre des Erlebnisberichtes von Helga Hengge über ihren Weg ( mit Flaschensauerstoff ) zum Everest-Gipfel ist eines jener Bücher, die einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Hätte sie an jenem 27. Mai 1999 nicht den Everest – sondern einen andern sehr hohen Berg – bestiegen, wäre ihr Werk wohl kaum erschienen. Aber der Everest ist ein Zugpferd – vor allem wenn man anbringen kann, dass Helga Hengge als erste Deutsche dort oben gewesen sei. Genau das erweckt aber Unmut, denn was ist mit Hannelore Schmatz, die 1979 auf den Gipfel gelangte? Zählt sie nicht, da sie beim Abstieg starb? Man kann annehmen, dass dies nicht von der Autorin, sondern vom Verlag als verkaufsför-derndes Argument eigenmächtig eingebracht wurde.

Viele Leser werden die junge Mode-stylistin nach der Lektüre als völlig über-spanntes, überdrehtes und naives Ding empfinden, das besser in seiner Mode-und Jet-Set-Welt in New York geblieben wäre.. " " .Andere werden ihre Offenheit, ihre Emotionalität, den Humor und die Fantasie bewundern, mit denen sie den Besuch am hohen Berg schildert, inklusive die absurden Seiten des Höhenbergsteigens – und seiner abgebrühten Männer, darunter auch zweier bekannter Schweizer Himalaya-Spezialisten, die nicht gerade gut wegkommen. In dieser Hinsicht ist Hengges Buch richtig erfrischend. Zudem stehen endlich einmal auch die Sherpas im rechten Licht, rückt sie sie doch in den Mittelpunkt ihres Buches und ihres Dankes. Der am Berg omnipräsenten Heldentümelei begegnet sie mit berechtigter Ironie und Abscheu. Ausserdem zeigt sie die Bedeutung des « Nebensächlichen » – die Begegnung mit Tibet, seiner Geschichte und seinen Legenden, die kleinen Episoden unterwegs. Dies versöhnt mit jenen Ungenauigkeiten, an die man sich auch nach der Lektüre des weiss nicht wievielten schnell produzierten Bergbuches nicht gewöhnen will. Auch wenn das Buch keinen nachhaltigen Eindruck hinterlässt, ist es dank seiner Ehrlichkeit weitaus besser als alle « Rekordbücher » oder « psycholo-gisierende Schreibe » – und stammten sie selbst aus Frauenfedern.

Christine Kopp, Unterseen

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