Höhenkrankheit: Fitness schützt vor Risiko nicht. Erfolg für Schweizer Forscher und sein Team

Wer Übergewicht mitschleppt und unter mangelnder Fitness leidet, wird in Höhen über 3000 Meter nicht eher bergkrank als gut trainierte Bergsteiger. Trotz seiner neuen Forschungsergebnisse warnt der Schweizer Höhenmediziner Prof. Peter Bärtsch vor einem Umkehr-schluss: Allgemein gesundheitsschä-digende Faktoren beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit am Berg so oder so massiv.

« Alter, Geschlecht und Fitness beeinflussen bei normal bergtüchtigen Personen die Anfälligkeit auf die Höhenkrankheit nicht wesentlich. Auch allgemein ge-sundheitsschädigende Faktoren wie Übergewicht, Rauchen und regelmässiger Alkoholkonsum steigern die Gefahr, an der Höhenkrankheit zu erkranken, nicht », sagt Prof. Peter Bärtsch. Was er mit seinen jüngsten Forschungsergebnissen wissenschaftlich beweist, haben kluge Bergsteiger und alte Hasen aus eigener Erfahrung schon früher erkannt: Wer zur Höhenkrankheit neigt, sollte langsam aufsteigen und sich vorgängig in mittleren Höhen an die Höhenluft gewöhnen.

Nur drei Faktoren massgebend Dem Chefarzt der Sportmedizinabtei-lung der Universität Heidelberg ( D ) ist es im Rahmen einer aufwändigen Studie 1

gelungen, die für die Bergkrankheit effek-

1 Die Studie wurde in der amerikanischen Fachzeitschrift « Medicine & Science in Sport and Exercise », Band 34, S. 1886–1891, publiziert.

tiv massgebenden Faktoren einzugrenzen. Dazu hat sein Forscherteam 827 Bergsteiger jeweils einen Tag nach ihrem Aufstieg in die Margherita-Hütte im Monte-Rosa-Massiv, 4559 m, über den aktuellen Gesundheitszustand, Aufstiegszeit, Voraussetzungen und Training befragt. Beim Gros der aktiven Bergsteiger sind vor allem drei Faktoren für die Bergkrankheit massgebend. Da ist einmal die Aufstiegsgeschwindigkeit: Je schneller der Aufstieg vonstatten ging, desto eher entwickelte sich eine Höhenkrankheit. 60% jener Bergsteiger, die schnell in die Margherita-Hütte aufgestiegen waren, vorher keine Touren gemacht hatten und für Höhenkrankheit anfällig sind, wurden höhenkrank. Grossen Einfluss hat die vorgängige Akklimatisation: Bergsteiger, die sich in den vorangegangenen zwei Monaten fünf oder mehr Tage im Gebirge oberhalb von 3000 Metern aufgehalten hatten, wiesen eine deutlich geringere Erkrankungshäufigkeit auf. Als dritter Faktor gilt die persönliche Anfälligkeit: Die Gefahr,

Vorgängige Akklimatisation in Höhen von über 3000 m senken das Risiko einer Höhen-erkrankung signifikant. Im Bild Capanna Margherita Die Capanna Margherita, 4559 m, vom Cole Gnifetti aus Foto: Tommy Dätwyler Foto: Tommy Dätwyler

höhenkrank zu werden, ist erwiesenermassen grösser, wenn schon früher einmal eine Erkrankung festgestellt wurde. Ob man aber zur Höhenkrankheit neigt, lässt sich vor dem ersten Aufstieg nicht voraussagen.

Prophylaxe senkt Erkrankungsrisiko Die neuesten Forschungsresultate zeigen, dass krankheitsanfällige Bergsteiger das Risiko einer Erkrankung um das Zehnfache senken können. Bester Schutz ist ein langsamer Aufstieg, wobei in Höhen über 3000 Meter die Schlafhöhe pro Tag nicht mehr als 500 Meter erhöht werden sollte. Dabei gilt nach wie vor die Regel « Hoch aufsteigen – aber in tieferen Lagen schlafen ».

Erstaunen ausgelöst hat der grosse Einfluss einer vorgängigen Akklimatisation in Höhen über 3000 Meter. Sogar Wochen zurückliegende Höhenaufenthalte über 3000 Meter zeigten offensichtlich Wirkung und senkten das Erkrankungsrisiko signifikant. Die Forschungsresultate lassen den Schluss zu, dass der Akklimatisation bei der Prophylaxe beinahe gleiches Gewicht beigemessen werden kann wie der Aufstiegsgeschwindigkeit. Mit einem langsamen Aufstieg sowie einem genügend langen Höhenaufenthalt über 3000 Meter lässt sich das Erkrankungsrisiko nach Bärtsch auch bei anfälligen Bergsteigern auf rund 7% reduzieren. Mit einer weiteren Studie will das Team des Universitätsklinikums Heidelberg nun herausfinden, wie lange die prophylaktische Wirkung eines Höhenaufenthaltes effektiv anhält und wie der Zeitfaktor die Wirkung einer Voranpas-sung relativiert. Damit könnten Vorbereitung und Verhalten am Berg weiter verbessert und auch die Zahl der Krank-heitsfälle gesenkt werden. a

Tommy Dätwyler, Kölliken

Tödliche Hirnschwellungen sind selten

Höhenkrankheit Meist dauert es einige Stunden, bis in grosser Höhe die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit auftreten, sind doch Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlaflosigkeit unspezifische Warnzeichen. Im schlimmsten, glücklicherweise aber seltenen Fall sammelt sich dabei Wasser im Gehirn. Um einen tödlichen Ausgang zu verhindern, der ohne Gegenmassnahmen rund 50% der Betroffenen droht, sind ein rascher Abstieg und/oder eine medikamentöse Behandlung geboten.

Langsames Aufsteigen und ein genügend langer Aufenthalt in Höhen von über 3000 m ist die beste Prophylaxe gegen die Höhenkrankheit. Blick von der Capanna Margherita mit Lisjoch ( u. ) und Liskamm Ostgipfel, 4577 m Capanna Margherita: Befragt wurden 827 Bergsteiger jeweils einen Tag nach ihrem Aufstieg zur höchstgelegenen Hütte in den Alpen Foto: Tommy Dätwyler Fo to :L ud w ig W eh DIE ALPEN 3/2003

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