Höhentauglichkeit ist nicht zu testen

Höhenkrankheiten können unangenehm, ja tödlich sein. Leider lässt sich mit Tests auch nicht abklären, ob jemand anfällig dafür ist. Mit vernünftigem Verhalten verhindert man

aber Schlimmeres.

Wer auf höhere Berge steigt, hat die akute Bergkrankheit wahrscheinlich schon erlebt – am eigenen Leib oder an jenem von Kolleginnen oder Kollegen: Kopfweh von leicht bis stark, Schlafstörungen, Gangunsicherheit, Übelkeit, Erbrechen. Bei leichten Symptomen ist es den meisten nicht bewusst, dass sie an akuter Bergkrankheit leiden. Deshalb ist es auch schwierig, Aussagen darüber zu machen, wie häufig sie vorkommt. Studien kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Je nach untersuchter Population, Region, Aufstiegsgeschwindigkeit und Meter über Meer schwankt die Zahl der Betroffenen zwischen 9 und 68 Prozent. In den Alpen sind die Zahlen recht hoch, weil die Berge leicht zugänglich sind: Nicht akklimatisierte Touristen können innerhalb von Stunden mehrere Tausend Meter aufsteigen. In Nepal oder in Südamerika sind 10 bis 50 Prozent der Trekkingtouristen betroffen. Die schweren Formen der Höhenkrankheit – das Lungen- und das Hirnödem – sind dagegen viel seltener.

 

Wenn der Kopf zerspringen will

Oft sind die Symptome der akuten Bergkrankheit erträglich und verschwinden rasch wieder. Gefährlich wird es erst, wenn der Kopf vor Schmerz zerspringen will, wenn der Gleichgewichtssinn gestört ist und wenn die Betroffenen immer verwirrter werden. Dann hat man es wahrscheinlich mit einem Höhenhirnödem zu tun. Das Anschwellen des Gehirns ist die schwerste Ausprägung der akuten Bergkrankheit. Patienten mit einem Hirnödem müssen sofort absteigen oder mit Sauerstoff und Medikamenten behandelt werden. Sonst werden sie bewusstlos und sterben. In 40 Prozent der Fälle ist das Höhenhirnödem tödlich.

Die andere sehr gefährliche Höhenkrankheit ist das Höhenlungenödem. Aus den Kapillaren in den Lungen wird Blutflüssigkeit in die Lungenbläschen gepresst, worauf dort weniger oder gar kein Sauerstoff mehr aufgenommen werden kann. Das Höhenlungenödem ist in den Alpen selten. Bei Trekkingtouristen in Nepal wird eine Häufigkeit von ein bis zwei Prozent angenommen. Bei Expeditionsbergsteigern ist sie höher; hier endet die Krankheit überdurchschnittlich oft mit dem Tod.

 

Schwierige Interpretation

Bei solchen Aussichten möchte man gerne im Voraus wissen, wie einem die Berge bekommen. Doch das ist nicht möglich, wie Gebirgsmediziner Urs Hefti von der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin sagt: «Es existiert kein praktikabler Test, der die individuelle Höhentauglichkeit sicher voraussagen kann.» Das gilt auch für die sogenannten Hypoxie-Stimulationstests, bei denen Lunge und Körper einem verminderten Sauerstoffangebot ausgesetzt werden, eine Belastung, die jener in der Höhe entspricht. Sie führt im ganzen Organismus zu Sauerstoffmangel (Hypoxie). Unter diesen Bedingungen steigt im Lungenkreislauf der Druck. Dieser Druckanstieg wird im Test gemessen. Das Problem ist aber, dass man zurzeit nicht weiss, wie das Resultat zu interpretieren ist: «Aktuell sind keine Normwerte bekannt, welche klar auf eine Anfälligkeit für die Höhenkrankheit hinweisen», sagt Hefti. Die Ärzte müssen sich auf ihre persönliche Erfahrung stützen. Urs Hefti vermutet, dass so zu vielen Bergsteigern abgeraten wird, in die Höhe zu gehen, also auch solchen, die wahrscheinlich nicht krank würden.Ebenfalls untauglich sei ein normaler Blutwerttest: «In einem solchen Test können keine für den Bergsteiger relevanten Krankheiten erkannt werden, wenn er sonst gesund und leistungsfähig ist», sagt Hefti.

 

Lieber zum Arzt

Statt Tests empfiehlt er den Besuch bei einem Arzt mit Kenntnissen in der Höhenmedizin: «In der Diskussion mit dem Arzt lernt der Bergsteiger, die Höhenkrankheiten besser zu verstehen. Er wird für Symptome und Gefahren sensibilisiert.» Der Arzt könne dem Patienten ausserdem erklären, welche Massnahmen zu ergreifen sind, wenn sich Krankheitssymptome zeigen. Eine Grundregel heisst dann: Nicht auf eine grössere Schlafhöhe aufsteigen. Stattdessen sollten ein oder zwei Tage Rast eingeschaltet werden. Leichte Symptome verschwinden normalerweise, und der Aufstieg kann danach weitergehen.

Der Arzt gibt auch Tipps für die richtige Zusammensetzung der Apotheke. Gegen akute Bergkrankheit, Höhenhirnödem und Höhenlungenödem gibt es wirksame Medikamente. «Aber Achtung: Nicht dazu gehören Gingko, Aspirin, Matetee und andere Hausmittelchen», warnt Hefti. «Sie haben erwiesenermassen weder prophylaktische noch therapeutische Wirkung.» Wenn der Bergaspirant bereits Krankheiten hat, kann der Arzt allenfalls weitere Abklärungen treffen oder veranlassen. Dies insbesondere bei Herz-Kreislauf-Krankheiten, Lungenerkrankungen (z.B. Asthma), Stoffwechselerkrankungen (z.B. Diabetes), Blutgerinnungsstörungen oder bei Problemen des Bewegungsapparates (z.B. Gelenkprothesen). Auch wenn jemand Medikamente nehmen muss, sollte eine Abklärung beim höhenversierten Arzt gemacht werden. Zahnprobleme müssen mit dem Zahnarzt besprochen werden. Schliesslich kann der Arzt auch den Impfstatus kontrollieren und über die Therapiemöglichkeiten im Gesundheitswesen des jeweiligen Landes aufklären.

 

Akklimatisieren und trainieren

Um Höhenkrankheiten vorzubeugen, kann eine Vorakklimatisation in der Höhe sinnvoll sein. Will jemand sehr hoch hinaus, sollte er vorher mehrere Tage auf über 3000 Metern verbringen. Ideal ist die Akklimatisation im gleichen Gebiet, in dem das Trekking oder eine Besteigung stattfindet. Sonst besteht die Gefahr, dass der Akklimatisationseffekt während der Anreise zumindest teilweise wieder verpufft.

Das prophylaktische Verweilen in grosser Höhe hat allerdings auch Nachteile. Zum Beispiel, weil sich das Immunsystem verändert: Der Körper wird anfälliger für Infekte. Ein zweiter Nachteil: Die Leistungsfähigkeit sinkt pro 1000 Meter um bis zu 10 Prozent. Deshalb können Bergsteiger während der Akklimatisation weniger gut trainieren als im Flachland. Gute Ausdauer ist jedoch eine Voraussetzung für den Gipfelerfolg. Auf die Höhentauglichkeit hat sie allerdings keinen direkten Einfluss.

 

Medikamente zur Prophylaxe

Was ist zu tun, wenn jemand keine Zeit hat, sich zu akklimatisieren, und rasch aufsteigen muss, beispielsweise für eine Rettung? «Es gibt Medikamente, die die Höhentauglichkeit verbessern», sagt Urs Hefti. Sie sind auch für jene eine Option, die wissen, dass sie höhenempfindlich sind und doch nicht auf den Bergsport verzichten mögen. Welches das richtige Medikament für sie ist, besprechen die Betroffenen am besten mit einem Gebirgsmediziner, der sie dann auch gründlich über die Nebenwirkungen informieren kann.

Akklimatisieren, aber richtig

• Über der Schwellenhöhe (2500 m) grosse körperliche Anstrengungen vermeiden

• Alle zusätzlichen 1000 Meter einen Ruhetag einlegen

• Am Ruhetag Anstrengungen vermeiden, nur bei völliger Beschwerdefreiheit um einige 100 Meter auf- und absteigen

• Schlafhöhen maximal 500 Meter pro Tag erhöhen

• Muss die Schlafhöhe um mehr als 500 Meter erhöht werden, einen zusätzlichen Ruhetag einlegen

• Zeichen schlechter Akklimatisation (Appetitlosigkeit, Kopfschmerzen etc.) ernst nehmen, Ruhetag einlegen

→ Mehr Infos: www.sggm.ch oder www.swiss-exped.ch

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