Hotels an der Grossen Oberlandtour. Wengernalp, Kleine Scheidegg und Rosenlaui

Hotels an der Grossen Oberlandtour

Die ab 1800 erschienenen Reiseführer bildeten die eigentliche Basis für die Breitenentwicklung des Fremdenverkehrs. Wer darin aufgeführt wurde, dem war der Erfolg sicher. Zu den ersten bekannten Rundreisen in den Alpen gehörte die Grosse Oberlandtour über die Kleine und Grosse Scheidegg.

Eine bedeutende Rolle für die Entwicklung des Tourismus im 19. Jahrhundert spielten die Reiseführer, die gegen 1800 in Mode kamen. Sie bildeten nicht nur die Voraussetzung für die Breitenentwicklung des Fremdenverkehrs und das individuelle Reisen, sondern waren auch eine Art Vorstufe der touristischen Werbung. Denn die mit einem solchen Reisehandbuch ausgerüsteten Touristen konzentrierten sich auf die darin enthaltenen Routen und besuchten die beschriebenen « Merkwürdigkeiten ». Kam ein Betrieb oder eine Sehenswürdigkeit im 19. Jahrhundert in den Genuss einer wohlwollenden Aufnahme bei Murrey, Cooks oder im berühmten Baedeker, war auch der finanzielle Erfolg gesichert. Reiseführer beeinflussten also die Entwicklung von grossen Touristenströmen entscheidend und initiierten schon früh eine touristische Übernutzung gewisser Orte – ein Phänomen, das uns mit all seinen Auswüchsen noch heute beschäftigt.

Reiseführer als Publikumsmagneten

Eine bereits in den ersten Reiseführern im späten 18. Jahrhundert beschriebene Rundreise war die so genannte Grosse Oberlandtour: von Interlaken über Lauterbrunnen, die Wengern- Gesamtansicht der Hotelanlage Rosenlaui Fotos: Eidg. Ar chiv für Denkmalpflege, Bern Die Hotelanlage Rosenlaui nach dem Zweiten Weltkrieg war eine bedeutende Postautohaltestelle. Rechts im Bild der so genannte Neubau von 1905 alp auf die Kleine Scheidegg, dann weiter nach Grindelwald, über die Grosse Scheidegg nach Meiringen und schliesslich über den Brienzersee, mit einem Abstecher zu den Giessbachfällen, zurück nach Interlaken. Der Berner Pfarrer Jakob Samuel Wyttenbach war am 19. Juli 1771 mit zwei Freunden einer der ersten nachgewiesenen Wanderer auf dieser Strecke. Und so begeistert, dass er 1777 den ersten Reiseführer für Fremde über das Berner Oberland herausgab, die Kleine Anleitung für diejenigen, welche eine Reise durch einen Teil der merkwürdigsten Alpengegenden des Lauterbrunnentals, Grindelwald und über Meiringen auf Bern zurück machen wollen. Einige Jahre später veröffentlichte Wyttenbach den ersten « richtigen » Reiseführer, die Historische, geographische und physicali-sche Beschreibung des Schweizerlandes in drei Bänden.

Sehenswürdigkeiten der Grossen Oberlandtour

Mit der Wende zum 19. Jahrhundert hatte sich die Grosse Oberlandtour über die Kleine und die Grosse Scheidegg als beliebteste Rundtour im Berner Oberland etabliert. Auf dem zwei- bis dreitägigen Parcours wurden die schönsten Sehenswürdigkeiten besucht: der mächtige Staubbachfall in Lauterbrunnen, die romantischen Alphütten auf der Wengernalp unter dem majestätischen Jungfrau-gebirge, die steile Eiger-Nordwand auf der Kleinen Scheidegg, die zerklüfteten, bis zu den Roggenfeldern in der Talebene reichenden Gletscher in Grindelwald, die mystischen Wasserfälle des Reichenbachs bei Meiringen und schliesslich das spezielle grünblaue Wasser des Brienzersees mit den reizenden Schifferinnen. 1 Viele Berühmtheiten berichteten von den überwältigenden landschaftlichen Eindrücken, so auch der bekannte englische Dichter Lord Byron, der 1816 längere Zeit im Berner Oberland weilte. 2

Kleine Scheidegg und Wengernalp

Um 1800 gab es auf der Kleinen Scheidegg nur Sennhütten. 1835 erhielt Peter Brawand aus Grindelwald die Erlaubnis, auf der Alp Wärgistal, der heutigen Kleinen Scheidegg, das Wirtshaus « zur Gemse » zu eröffnen. 1840 übernahm Christian Seiler-Wyss aus Bönigen das Wirtshaus und erweiterte es zu einem grösseren Betrieb. Acht Jahre später berichtete der Baedeker von einem « kleinen nicht mehr bewohnten Wirthshaus ». 1855 eröffnete Hotelkönig Seiler auf der Passhöhe das Hotel Bellevue, das gemäss Baedeker 18 Zimmer mit 30 Betten aufwies. Nur zehn Jahre später entstand dann unter dessen Sohn Adolf Seiler das heute noch bestehende, 1948 um ein Stockwerk erhöhte neue Hotel Bellevue, das erste Haus vor Ort.

1838 war auf der Wengernalp ein Gasthaus entstanden, in dem man « Milch, Brot und Käse » geniessen konnte. Das « Hôtel de la Jungfrau » schien in den Anfängen mehr Gäste anzuziehen, wurde es doch bereits um 1850 vergrössert und hatte nun etwa 20 Betten.

Vom Etappenort zum Reiseziel

Die im Sommer 1893 eröffnete Wengernalpbahn von Lauterbrunnen über die Kleine Scheidegg nach Grindelwald ist noch heute die längste zusammenhängende Zahnradbahn Europas. Mit dieser Erschliessung etablierte sich der Passübergang zu einem bedeutenden Touristenzentrum. Gleichzeitig veränderten sich die Reisegewohnheiten der Touristen, denn nach der Bahneröffnung wurde die Oberlandtour im Baedeker nicht mehr als zusammenhängende Strecke beschrieben. Die Kleine Scheidegg wandelte sich durch den Bahnbau von einem Durchreiseort zu einem eigentlichen Reiseziel, was die Bergschaft Wengernalp zum Bau des neuen Hotel des Alpes neben dem Bellevue bewegte. Hotelier Seiler nahm diesen Konkurrenzbetrieb vorerst in Pacht, später erwarb er ihn, sodass die zwei Betriebe bald in der gleichen Familie vereinigt waren. Zwischen 1899 und 1912 wurde dann von der Kleinen Scheidegg aus die Zahnradbahn zur höchstgelegenen Eisenbahnstation Europas, dem Jungfraujoch auf 3454 m, gebaut, wodurch dieser Passübergang vollends Aufnahme ins Programm der weltweiten Touristenströme fand. 1914 kam das Hotelimperium durch Heirat von Seilers Tochter an die Familie von Allmen, der auch die berühmten Trümmelbachfälle gehören. In dieser Hand sind die Betriebe auf der Wengernalp und der Kleinen Scheidegg unterdessen in der dritten Generation – und sie werden durch die Eigentümerschaft in der Tradition historischer Berghotels sorgsam erhalten.

1 Unter diesen reizenden Schifferinnen war Elisabeth Grossmann, genannt « la reine des bâte-lières », die reizendste. Sie avancierte sogar zur Hauptfigur einer in Paris uraufgeführten Oper. 2 Lord Byron bezeichnete die Kleine Scheidegg als « rein und unverdorben », schwärmte von der « Musik der Kuhglocken », und am schneebedeckten Silberhorn sah er « die Wahrheit schimmern. » Aus dem Hotelprospekt, wie er im frühen 2O. Jahrhundert aufgelegt wurde: die Halle des Hotels Rosenlaui mit den fantasievollen Korbstühlen Ebenfalls aus dem Hotelprospekt: das Restaurant des Hotels Rosenlaui Fotos: Hotelarchiv

Rosenlaui an der Grossen Oberlandtour

Das ebenfalls an der Grossen Oberlandtour gelegene Hotel Rosenlaui gehört zu den ältesten Gastwirtschaftsbetrieben im Alpenraum. Bereits 1787 ersuchte der Alphirt Andreas von Bergen aus Meiringen bei der bernischen Regierung um die Konzession für eine Wirtschaft und den Bau eines Badehauses am Schwarzenbach, dessen Wasser seiner Frau Heilung für ihre Beinleiden gebracht hatte. Das Bad erfreute sich bald grosser Beliebtheit. 1844 berichtete der erste Baedeker von einem « guten Wirthshaus » und einem « sehr geschickten Holzschnitzer » in der Rosenlaui. Nach einer Blütezeit im frühen 19. Jahrhundert wurde die ganze Anlage im Frühjahr 1861 Opfer eines Grossfeu-ers. Beim anschliessenden Wiederaufbau entstand das noch heute erhaltene Chalet-gebäude auf der Südseite der Anlage, das später um zwei Seitenflügel erweitert wurde, von denen der linke, das so genannte « Badhaus », 1968 abgebrochen wurde. Der rechte Flügel mit dem grossen Speisesaal ist noch immer im Hotelbetrieb integriert.

Zeuge einer untergehenden Architektur

1905, auf dem Höhepunkt der touristischen Hochblüte der schweizerischen Fremdenorte und mit dem gleichzeitigen Ausbau der Zufahrtsstrasse für Kutschen, wurde das Hotel erweitert. Die wild bewegte Architektur des fünfgeschossigen Hauptgebäudes bildet einen imposanten Mittelpunkt der heutigen Gesamtanlage. Zwei turmartige Eckbauten, mehrere Giebellukarnen und eine « Holzründe » nach dem Vorbild der Berner Bauernhäuser bilden eine äusserst unruhige Fassaden- und Dachlandschaft. Mit ihren Foto: Museum für Kommunikation, Bern Foto: Daniel Anker Bahnknotenpunkt Kleine Scheidegg mit den drei Linien nach Grindelwald, Wengen und aufs Jungfraujoch. Im Vordergrund die beiden historischen Scheidegg-Hotels 1948 erhielt das Hotel Bellevue ein zusätzliches Stockwerk.

Kleine Scheidegg mit dem Hotel Bellevue. Diese Foto wurde nach der Eröffnung der Wengernalpbahn 1893, aber vor dem Bau des Hotel des Alpes 1896 gemacht.

spätklassizistischen Elementen der Fassadengestaltung erinnert dieser Bau an die traditionellen Elemente in der Architektur aus dem 19. Jahrhundert, kurz bevor sie endgültig auf allgemeine Ablehnung stiessen. Die zahlreichen Terrassen zeugen ausserdem vom Bedürfnis nach Sonnenbaden vor dem Hotelzimmer und damit von Veränderungen, die die Hotelarchitektur am Ende des 19. Jahrhunderts erfassten. 1955 erwarb Ernst Kehrli den Hotelbetrieb, schuf darin ein bedeutendes Zentrum für Bergsteiger und verschrieb sich selber unter dem Künstlernamen Ke Rosenlaui intensiv der Kunst. Während der Zeit der « Autonomen Republik Rosenlaui » war der Zeitgeist einer fach-gerechten Erhaltung der historischen Bausubstanz nicht besonders zugeneigt. Immerhin blieb die Anlage aber weitgehend bestehen. Heute ist die nachfolgende Generation als junge dynamische Führung auf gutem Weg, das Blatt zu- gunsten der Erhaltung eines historischen Gastwirtschaftsbetriebes in den Bergen zu wenden. a Dr. Roland Flückiger-Seiler 3 3 Der Verfasser dieses Beitrages ist Autor der beiden Bücher: Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2001, und Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit, Verlag Hier + Jetzt, Baden 2003.

Foto: Daniel Anker Foto: Club Gr and HôtelPalace, Basel Foto: Club Gr and HôtelPalace, Basel Im Jahre 1929 erhielt das Hotel Bellevue auf der Kleinen Scheidegg einen Ausbau für die Wintersaison. Die Aufnahme stammt aus der Zeit kurz vor dem Zweiten Weltkrieg.

Ansichtskarte der Scheidegg-Hotels vor dem Ausbau zum Winterbetrieb 1929, bei dem der charakteristische Vorbau hinzukam

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