Hotelträume und Hotelpaläste der Belle Epoque. Hotels am Rhonegletscher

Hotels am Rhonegletscher

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden am Furkapass vier bedeutende Hotelbauten: das Hotel in Gletsch, das Belvédère am Rhonegletscher sowie die Hotels Furka und Furkablick auf der Passhöhe. Mit ihrer kargen Architektur bildeten sie als « touristische Zweckbauten » einen markanten Gegensatz zu den zeitgenössischen pompösen Belle-Epoque-Hotels am Seeufer.

Die Gebirgshotels am Furkapass stehen beispielhaft für die Entstehung und Entwicklung der Gebirgshotellerie an einer Passroute im späten 19. Jahrhundert, dem Höhepunkt des Kutschenzeitalters. Der Pionierbau am Knotenpunkt in Gletsch entwickelte sich zwischen 1830 und 1900 vom kleinen Steinhaus zu einer monumentalen Anlage mit über hundert Betten. Trotzdem blieb seine Erscheinung viel karger als die reich geschmückten Historismusfassaden, die gleichzeitig in den Fremdenorten an den Schweizer Seen entstanden. Zusammen mit den anderen Hotels am Furkapass charakterisiert das Hotel in Gletsch den touristischen Zweckbau im Gebirge aus dem 19. Jahrhundert. Während sich in den Hotels der Belle Epoque am Seeufer der pompöse Märchenzauber der Hotel-welt innen und aussen widerspiegelt, findet sich dieser am Gletscherrand höchstens beim Interieur, im Speisesaal oder in den Gemeinschaftsräumen, manchmal auch noch in der Hotelhalle.

Das Hotel im Talgrund von Gletsch Der Weg vom Wallis über den Furkapass ins Urnerland fand seit dem Mittelalter als einzige West-Ost-Verbindung in den Schweizer Alpen immer wieder Erwähnung. Der wohl berühmteste Reisende war Johann Wolfgang Goethe, der den bereits verschneiten Furkapass am 12. November 1779 überquerte. Gasthäuser waren auf dieser Bergstrecke, wie überall im Schweizer Gebirge, bis ins frühe 19. Jahrhundert kaum vorhanden. Das kurz vor 1835 durch den Einheimischen Josef Anton Zeiter am Fuss des Rhonegletschers eröffnete Wirtshaus mit 12 Betten gehörte zu den Pionierbe-trieben im gesamten alpinen Raum.

Das Hotel Glacier du Rhône in Gletsch am Ende des 19. Jahrhunderts. Nahe des mächtigen Rhonegletschers und an einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt gelegen, wurde es zu einem grossen Komplex ausgebaut. Hôtel Glacier du Rhone in Gletsch heute. Erwähnt wurde bereits 1835 ein Wirtshaus in Gletsch, das 1857 in den Besitz der Hotelier-Dynastie Seiler kam. Diese erbaute an dessen Stelle das Hotel Glacier du Rhône.

1882 eröffnete Josef Seiler, der langjährige Eigentümer des Hotels Glacier du Rhône, 500 m höher, in einer Kurve der Furkapassstrasse, das Hotel Belvédère. Seine Attraktion war der direkt daneben liegende Rhonegletscher.

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Ar chi v Rol an d Fl üc kige r Fo to :Sc hr ey er out doo rpho tog ra ph y 1 In einer lockeren Folge werden einige dieser Bauten vorgestellt, die für den Alpinismus bedeutsam waren.

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Stolz erwähnte eine 1837 publizierte Werbeschrift die « auberge récemment batie par Antoine Zeiter ». Dabei unterschied sich das bescheidene zweistöckige Steinhaus mit Satteldach nur unwesentlich von den Alphütten in der Umgebung. 1857 kam das Gasthaus in den Besitz von Notar Franz Seiler, dem Bruder des späteren Zermatter Hotelkönigs Alexander Seiler, der kurz vorher das Hotel Monte Rosa in Zermatt gekauft hatte. Dieser Handwechsel brachte Bewegung in den Hotelbau am Rhonegletscher: Am 22. Juni 1858 genehmigte der Staatsrat des Kantons Wallis « le plan de construction de l' hôtel à Gletsch », und in seiner Ausgabe von 1862 bemerkte der Baedeker: « Neuer Gasthof 1861 an Stelle des früheren Wirthshauses im Gletsch. Gebr. Seiler. » In den 1860er-Jahren führte der Bau der Kutschenstrasse von Brig über die Furka zu neuen, bisher unbekannten Frequenzen. Das Hotel in Gletsch wurde dabei zu einer bedeutenden Pferdewech-selstation zwischen Brig und Andermatt. Die Ära von Josef Seiler am Rhonegletscher 1882 eröffnete der langjährige Eigentümer Josef Seiler fünfhundert Höhenmeter über Gletsch, auf 2270 m, in einer Kurve der Furkapassstrasse und ganz nahe am Rhonegletscher das Hôtel Belvédère; im folgenden Jahr meldete der Baedeker: « An der zweiten Kehre das neue Hotel Belvédère von Herrn Seiler. » Damit konnte Seiler auch jenen Gästen eine Unterkunft anbieten, die an einer Panoramasicht und an der Nähe zum Gletscher interessiert waren.

1895 wurde Gletsch mit der Vollendung der Grimselstrasse zu einem bedeutenden alpinen Knotenpunkt, mit Verbindung nach Brig, Andermatt und Meiringen. Diese Standortgunst nutzte Josef Seiler aus: Bald einmal unterhielt er eine Fuhrhalterei mit bis zu 150 Pferden und mit Stallungen in Andermatt, Airolo, Meiringen und Brig. Unter seiner initiativen Führung erlebte der Hotelbetrieb in Gletsch seine letzte bedeutende Erweiterung: Das bestehende Gebäude wurde um ein Stockwerk erhöht und auf der Ostseite durch einen neuen Trakt mit grossem Speisesaal erweitert. In dieser Zeit erhielt auch die Dependance eine Vergrösserung, und jenseits der Strasse entstand ein stattlicher Hotelgarten. 1907/08 schliesslich erstellte Seiler eine anglikanische Kapelle, ein damals häufi-ges Attribut zu einem grossen Hotel im Gebirge. Auch das Hotel Belvédère erfuhr kurz nach der Jahrhundertwende einen Ausbau, bei dem es die heutige Gestalt mit dem charakteristischen Man-sarddach erhielt.

Eisenbahnstation und Postauto-knotenpunkt Kurz nach der Jahrhundertwende entstanden Projekte zur Erschliessung der Gegend durch die Eisenbahn wie eine Grimselbahn von Meiringen nach

Der Tourismus an der Furkapassstrasse erschien Ende des 19. Jahrhunderts Erfolg versprechend. So wurde das Hotel Furkablick kurz nach der Jahrhundertwende mit einem mächtigen würfelförmigen Kubus erweitert.

Das Hotel Furkablick wurde 1895 erstmals im Baedeker erwähnt. Die Zukunft seiner wechselvollen Geschichte ist unklar: Seit Sommer 2003 ist es geschlossen.

Das Hôtel de la Furca auf dem Furkapass wurde 1867, kurz nach dem Ausbau der Passstrasse, erweitert. Unter seinen prominenten Gästen war auch die englische Königin Victoria. Sein Niedergang zeichnete sich dann aber bereits nach dem Ersten Weltkrieg ab. 1982 wurde es abgebrochen.

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Gletsch, die aber keine Verwirklichung fand. Nach einer langen Vorgeschichte wurde hingegen im Juni 1914, kurz vor Kriegsbeginn, die Eisenbahnlinie von Brig nach Gletsch eingeweiht. Die Weiterführung nach Andermatt und Disentis konnte nach grossen finanziellen Schwierigkeiten erst im Juni 1926 abgeschlossen werden. Zwischen 1930 und 1981 machte der Glacier-Express die Station Gletsch zu einem berühmten und vorzüglich erschlossenen Hotelstandort im Hochgebirge. Bereits in der Sommersaison 1921 war über Grimsel- und Furkapass ein alpiner Postautoverkehr in Betrieb genommen worden, der Gletsch auch zu einer wichtigen alpinen Postauto-station machte.

Die Hotels auf dem Furkapass Seit 1852 bot auf dem Furkapass ein « Wirthshaus mit etwa 20 Betten », wie der Baedeker schrieb, den müden Reisenden Unterkunft. Es war ein Holzhaus, das der Urner Franz Karl Müller aus seiner Heimat auf die Passhöhe versetzt hatte. Das Gasthaus entsprach offenbar einem Bedürfnis, denn 1867, kurz nach dem Ausbau der Strasse, nannte sich der Betrieb « Hôtel de la Furca » und bot bereits 50 Betten an.. " " .Einen besonders prominenten Gast beherbergte das Passhotel im Sommer 1868: Die englische Königin Victoria hielt sich vier Tage dort auf und stattete auch Gletsch einen Besuch ab. Das zum umfangreichen Gebäude mit mehreren Giebeln ausgebaute Passhotel erlebte aber im und nach dem Ersten Weltkrieg einen steten Abstieg. 1982 wurde das heruntergekommene Hotel schliesslich als Übungsobjekt einer Mili-täreinheit abgebrochen. Einzig eine grosse ebene Fläche als beliebter Autoab-stellplatz erinnert heute noch an den

Panoramaansichten aus einem Werbeprospekt für die Hotels auf der Furka Ill ustr at ion :A rc hi v Rol an d Fl üc kige r DIE ALPEN 12/2003

Standort des ehemaligen stolzen « Hôtel de la Furca ».

Erfolgreicher verlief die Geschichte des benachbarten, direkt an der Passstrasse gelegenen Hotels Furkablick, das im Baedeker von 1895 als Neubau erwähnt wird. Bereits kurz nach der Jahrhundertwende erhielt dieses Haus einen mächtigen würfelförmigen Kubus mit fünf Fensterachsen als Erweiterungsbau auf der Ostseite. Auch dieses Haus erlebte in und nach den beiden Weltkriegen schwierige Zeiten, konnte aber das ganze 2O. Jahrhundert unbeschadet überstehen. 1986 wurde es vom Neuenburger Galeristen Marc Hostettler erworben und durch den holländischen Architekten Rem Kolhaas restauriert und modernisiert. In den folgenden Jahren entstanden im Rahmen von Hostettlers Projekt « FurkArt » zahlreiche Kunstwerke in der kargen, hochalpinen Passlandschaft. Das Projekt ist mittlerweile aber eingeschlafen und der Elan des Initiators und Ho-telbesitzers erlahmt. Seit dem Sommer 2003 sind Hotel und Restaurant Furkablick geschlossen, die Zukunft dieses Berghotels ist ungewiss. a

Dr. Roland Flückiger-Seiler, Bern 2 2 Der Autor dieses Beitrages hat als Leiter des Nationalfondsprojekts « Schweizer Hotelbauten 1830–1920 » die Geschichte der Schweizer Hotelbauten aus dem 19. und dem frühen 2O. Jahrhundert untersucht. Im Verlag Hier + Jetzt, Baden, erschien 2001 das Buch Hotelträume zwischen Gletschern und Palmen mit Texten zur Hotel- und Tou-rismusgeschichte, zum Hotelleben, zu Hotelpio-nieren und -königen sowie den Hotelbauten an Genfersee, Thuner- und Brienzersee und Vierwaldstättersee sowie im Wallis. 2003 erschien im gleichen Verlag der zweite Band: Hotelpaläste zwischen Traum und Wirklichkeit mit Texten über die Architektur der Belle-Epoque-Hotels sowie über Hotel-architekten, Hotelgrundrisse und technische Installationen sowie die Regionen Graubünden, Tessin und Bodensee.

Der Glacier Express machte zwischen 1930 und 1981 die Station Gletsch weltberühmt. Seit der Eröffnung des Furka-Basistunnels haben sich Eisenbahnfreunde dafür eingesetzt, dass die Furka-Bergstrecke im Sommer wieder befahren wird.

Foto: Schreyer outdoorphotography DIE ALPEN 12/2003

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