Im Bann der Unendlichen Geschichte Nina Caprez und Babsi Zangerl im Rätikon

Das Frauenduo knackte im September 2015 eine der schwersten Mehrseillängenrouten im Rätikon. Für Nina Caprez, die wohl stärkste Schweizer Kletterin, beginnt damit eine neue Ära.

Es war Barbara Zangerl, die zuerst auf die Unendliche Geschichte aufmerksam wurde: «Wir filmten mit Beat im Silbergeier für einen Film über die Alpine Trilogie. Beat gab ein Interview zum Silbergeier und generell zum Klettern im Rätikon, und irgendwann erzählte er auch von der Unendlichen Geschichte. Er sagte, er wisse nicht, warum sie nur eine Wiederholung hat, wo doch die Route und die Wand selbst einfach wunderschön seien», erzählt die Österreicherin, «es stimmt, die Wand schaut unglaublich aus. Ich beschloss, dort wenigstens einmal einzusteigen.» Gesagt, getan, und sie steckte Nina Caprez mit ihrem Projekt an.

Die Unendliche Geschichte (8b+) an der Siebten Kirchlispitze wurde 1990 von Beat Kammerlander eröffnet. Dann brauchte der Österreicher ein Jahr für die Erstbegehung: «Das war definitiv ein Meilenstein in meiner Kletterkarriere. Ich konnte die einzelnen Sequenzen klettern, aber ich war nicht stark genug, um sie am Stück zu durchsteigen. Dann trainierte ich wie nie zuvor, ein ganzes Jahr lang und spezifisch für dieses Projekt.» Dem Italiener Pietro dal Pra gelang die erste Wiederholung der Route, notabene erst 14 Jahre später. Geschichten von langen Run-outs in kompakten Platten schreckten viele weitere Kletterer ab. Nina sagt rückblickend: «Es ist immer noch unglaublich pure Kletterei. Kein Chalk, keine Tickmarks und dieser besondere, sehr boulderlastige Stil, bei dem du dich selbst in 6b-Seillängen schwertust.»

Immer noch ein letztes Mal

Als Caprez und Zangerl das erste Mal unter der Siebten Kirchlispitze standen, hatten sie sich vorgenommen, bis zur ersten Schlüsselseillänge (8b) zu klettern. «Wir verbrachten ungefähr zwei Stunden in den ersten drei Metern dieser Seillänge und versuchten alle möglichen Methoden, meist ohne Erfolg», erinnert sich Barbara Zangerl, «wir hatten keinerlei Info, wie das gehen soll. Aber eins meiner Mottos ist: Je weniger Informationen, desto grösser das Abenteuer. Ich finde das cool, muss aber zugeben, dass es manchmal nicht sehr hilfreich ist. Nachdem wir drei Mal in der Route waren, dachten wir schon: Vielleicht sollten wir aufgeben. Aber jedes Mal sagten wir uns: einmal noch, ein letztes Mal.» Schliesslich knackten sie die Seillänge. In der 8b+-Seillänge wechselten sich Caprez und Zangerl gar fünf Mal im Vorstieg ab, wobei jede versuchte, einen Bohrhaken weiterzukommen oder wenigstens die nächsten Griffe zu finden.Schliesslich machte sich der gemeinsame Einsatz bezahlt, unterstützt durch einige Tipps von Kammerlander. Nach zehn Tagen waren beide in der Lage, die Seillängen einzeln rotpunkt zu klettern. «Aus verschiedenen Gründen hatten wir eine dreiwöchige Pause. Dann rief mich Babsi an, sie sei bereit, es wieder zu versuchen», sagt Nina Caprez. Schliesslich beschlossen sie, dass jede einzeln die komplette Route in einem Zug rotpunkt versuchen würde.

Zwei Hälften einer Mission

Der Morgen des 8. September 2015 war feuchtkalt. Caprez sollte als Erste klettern: «Ich war echt im Stress. Beinahe hätte ich zu Babsi gesagt: Geh du, ich kann nicht. Aber dann berührte ich die ersten Griffe, und die ganze Welt um mich herum verschwand. Ich war total fokussiert aufs Klettern. Und mental zu allem bereit: stürzen, Züge gerade noch halten, egal. Ich fühlte mich in meinem Element.» Das sah auch Barbara Zangerl: «Nina zuzuschauen, war ein tolles Erlebnis. Ich konnte sehen, dass sie anfangs ein bisschen unsicher war, aber als sie loskletterte, änderte sich ihre Verfassung. Obwohl sie in den 7b+- und 7c+-Seillängen vor den Schlüsselseillängen schon stürzte, blieb sie cool und motiviert», erzählt Zangerl. Das Nächste, woran Caprez sich erinnert, ist der Ausstieg. Der Druck lastete nun auf Zangerl, das Spiel begann von Neuem. Nur dass am Tag darauf Wolken verhinderten, dass der Einstieg der Route richtig abtrocknete. «Ich beschloss, trotzdem einzusteigen», erzählt Zangerl. «In der 6b+-Seillänge nahm ich einen anderen Untergriff als sonst, und beide Füsse rutschten auf der nassen Platte weg. Irgendwie erwischte ich genau im richtigen Moment den nächsten Griff. Das war wohl der Moment, wo ich in der Route am meisten Glück hatte. Für mich selbst überraschend konnte ich dann alle anderen Längen auf Anhieb klettern. So ist das Klettern im Rätikon: Die schlimmsten Momente hast du oft in vermeintlich leichten Passagen.»

Das Erlebnis macht Gewinner

Die Wiederholungen der Unendlichen Geschichte markieren einen wichtigen Moment in der Geschichte des Kletterns im Rätikon. Wobei das, so Caprez, den beiden Frauen nicht das Wichtigste war: «Am Ende geht es nicht darum, ob du eine Route durchstiegen hast oder nicht. Es ist das Erlebnis, das zählt und das dich zu einem Gewinner macht.» Die Unendliche Geschichte sei das Ergebnis einer langen Periode, während der sie ihr Leben neu definiert habe. Denn in den letzten zwei Jahren sei sie immer mehr zur Maschine geworden: «Ich trainierte viel, ging viel zum Sportklettern, wollte immer noch härter klettern.» Letzten November brauchte sie dann eine Pause.

Diese habe sie zu den Wurzeln ihres Kletterns zurück geführt, so Caprez: «Ich erinnerte mich, warum ich klettere und was ich wirklich brauche, um gut zu klettern. Und ganz ehrlich, ich brauche all das Training und die Campusboard-Übungen nicht.» Ihr sei eine grosse Motivation, die sich aus einer ebenso grossen Lebensfreude, aus der Freude an Partnern und Freundschaften speise, lieber. «Diese Dinge haben die Kraft, mich verrückte Dinge schaffen zu lassen.»

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