Im Dienst der Lawinensicherheit

Franz Baumgartner ist Lawinen­beobachter und steigt jeden Monat zweimal in
die Berge, um ­Hangprofile zu erstellen. Aber auch von überall ­unterwegs ­über­mittelt der ­Bergführer ­wertvolle Informationen zur Lawinensituation.

In gemächlichem Tempo schreitet Franz Baumgartner auf den Ski Richtung Metschhore. Er will nicht ins Schwitzen kommen, denn da oben geht der Wind, und beim Arbeiten bekommt man rasch kalt. Und er braucht Zeit zum Beobachten. Seit er von Frutigen mit dem Auto losgefahren ist, gilt seine Aufmerksamkeit ganz dem Schnee und den möglichen Anzeichen für die Beurteilung der Lawinengefahr. Vom schmalen Strässchen über Achsete ins Skigebiet Elsigen-Metsch beobachtet er die Lawinenzüge beidseits des Engstligentals. Vom Skilift aus sieht er am Wildstrubel eine Schneefahne. «Auf über 3000 Metern wird es zu Triebschneeansammlungen kommen», sagt er. Beim Gehen steckt er dann ab und zu den Skistock verkehrt in den Schnee, um den Aufbau der Schneedecke zu prüfen. Es gibt Wummgeräusche und Bruchstellen im Schnee. «Es ist wichtig, immer die eigene Spur zu ziehen, damit man diese Beobachtungen machen kann», sagt er.

Franz Baumgartner ist Bergführer, Canyoningführer und einer der 210 Lawinenbeobachter, die im Dienst des Instituts für Schnee- und Lawinenforschung SLF Messungen, Einschätzungen und Beobachtungen übermitteln. Im Gegensatz zu den Beobachtern in den Tälern, die täglich Messdaten übermitteln und Flachfeldprofile erstellen, steigt er zweimal pro Monat in die Berge, um ein Hangprofil zu machen. «Das SLF ist froh um die Daten und Rückmeldungen aus dem Gelände, das gibt ihnen gute zusätzliche Informationen», sagt er. Im Hochwinter geht er oft in dieses Gebiet, weil er mit dem Skilift rasch Höhe gewinnen kann. Im Frühling verbindet er die Arbeit manchmal mit einer Skitour in der Region.

Franz Baumgartner hat einen geeigneten Hang gefunden. «Man muss einen aussagekräftigen Ort mit einer eher unterdurchschnittlich mächtigen Schneedecke wählen», sagt er. Eine ungünstige Exposition bezüglich Lawinengefahr, und der Höhenbereich von möglichen Anrissgebieten wird bevorzugt. Im Winter sind dies meistens Schattenhänge, im Frühling auch mal Sonnenhänge. Damit sich die Lawinenbeobachter nicht selbst in Gefahr bringen, sollten die Hänge möglichst kurz sein, gleichmässig um 35 Grad geneigt und nicht in einer Mulde oder im Absturzgelände enden. Weil auch bei einer günstigen Standortwahl oder beim Hin- und Rückweg ein Restrisiko bleibt, ist Franz Baumgartner nie alleine unterwegs. «Manchmal begleitet mich auch eines meiner Kinder», sagt der 49-Jährige.

«Das hilft, die Prognose zu überprüfen»

Mit der Lawinenschaufel gräbt er parallel zum Hang auf einer Breite von zwei Metern senkrecht bis auf den Grund das Profil frei. Mit dem Finger spürt er die Schneeschichten auf, und steckt sie mit Holzstäbchen ab. Dann schätzt er die Feuchtigkeit, misst den Temperaturverlauf der Schneedecke, bestimmt die Härte jeder Schicht und die Grösse und die Form der Schneekörner. Die Daten notiert er alle auf einer wettertauglichen Tafel, die er sich um den Hals gehängt hat. Zu Hause wird er die Daten am Computer übertragen und ans SLF übermitteln. Franz Baumgartner hat aber auch die Möglichkeit, von unterwegs vom Handy aus Beobachtungen zu übermitteln. Ein Teil der Beobachter sind Bergführer und senden Daten, wo immer sie gerade in der Schweiz unterwegs sind. «So erhalten die Lawinenwarner Beobachtungen und Einschätzungen, die die Messstationen nicht liefern können», sagt Franz Baumgartner. Das helfe ihnen auch, die Prognosen zu überprüfen.

Zum Schluss gräbt er den Rutschblock frei, indem er auf beiden Seiten 1,5 Meter hangaufwärts einen Kanal aushebt und den Schneeblock am oberen Ende parallel zum Hang mit einer Säge abtrennt. Vorsichtig steigt er mit den Ski darauf. Bereits beim ersten Wippen bricht der Rutschblock weg. «Die Lawinengefahr ist trotzdem nicht sehr hoch, ein ‹Erheblich› im unteren Bereich», sagt er.

Seit rund 15 Jahren arbeitet Franz Baumgartner in der Lawinenkommission der Gemeinde Frutigen. Mit seinem Kollegen Mario Rubin zusammen ist er dort für die Sicherung der Strassenabschnitte und der Wohnhäuser in den lawinengefährdeten Zonen verantwortlich. «Ich bin den ganzen Winter über ein bisschen angespannt, das hält meine Aufmerksamkeit aufrecht», sagt er. Über diese Aufgabe kam er vor rund zehn Jahren auch zum Engagement für das SLF, wo er alle zwei Jahre Weiterbildungskurse besucht. Er schätzt den Austausch mit den Lawinenwarnern in Davos. «Mir gefällt diese Arbeit sehr, und ich habe viel dazugelernt», sagt er. Es helfe ihm auch bei der Arbeit als Bergführer, weil er dank seinen verschiedenen Aufgaben eine gute Gesamtsicht der Lawinensituation habe.

Am Ende der Arbeit wartet als Belohnung die Abfahrt. Der Schnee ist zwar knapp, aber die Stimmung kurz vor der Dämmerung an den Hängen unterhalb des Metschhore, wo sonst kein Mensch mehr unterwegs ist, lässt nichts zu wünschen übrig.

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