Im Museum fliegen die Späne Das Alpine Museum der Schweiz wird zur Werkstatt

In der «Werkstatt Alpen» geht es lebendig zu und her: Handwerkerinnen und Handwerker aus Bergregionen lassen sich beim Arbeiten über die Schulter blicken. Den Anfang der Ausstellung hat die Geigenbauschule Brienz gemacht.

Geräuschlos öffnet sich die Türe im ersten Stock des Alpinen Museums Bern. Hoppla! Beim Eintreten kommt es fast zur Kollision mit beladenen Sackkarren. Daneben stapelt sich Leder, dessen Geruch sich mit demjenigen von Fichtenholz vermischt. Ist hier das Museumsarchiv? Nein: Videosequenzen auf einem Bildschirm zeigen, dass die Ausstellung Werkstatt Alpen unmittelbar hier startet. Metiers und Produkte aus den Alpen werden vorgestellt – von den Menschen, die dahinterstehen. Bis Mitte Dezember waren dies Lernende der Geigenbauschule Brienz, begleitet von ihrem ehemaligen Schulleiter Hans Rudolf Hösli, der auch Mitinitiant der Ausstellung ist. Nach dem Zusammenhang zwischen den Alpen und dem Geigenbau gefragt, muss er nicht lange nachdenken: «Das Material stammt aus den Alpen.» Das heisst: Der Deckel einer Geige besteht aus dem Holz einer Fichte, die in den kurzen Vegetationsperioden der Berge langsam gewachsen ist und deren Jahresringe deshalb dicht beieinanderliegen; für die restlichen Teile des Instruments wie die Seitenwände (Zargen), den Hals und den Kopf wird Bergahorn verwendet.

Millimeterarbeit mit dem Stemmeisen

Savanna Childers ist gerade in die Bearbeitung eines Geigenhalses und -kopfs aus Bergahorn vertieft. Zuerst wurde das Stück ausgesägt, jetzt gibt die 24-jährige Lernende dem Kopf in feinster Millimeterarbeit mit einem Stemmeisen die kunstvolle Form. Span um Span fällt auf den Tisch. Jeder Bearbeitungsschritt will überlegt sein, damit das Stück zum Schluss seine einzigartige Form aufweist.

Die junge Frau stammt ursprünglich aus den USA. Sie ist in die Schweiz gezogen, wo sie sich nach einem abgebrochenen Studium für den Geigenbau entschieden hat, und lebt jetzt, wie alle Lernenden der Geigenbauschule, in Brienz. «Ich bin in der Prärie aufgewachsen und finde es megaschön, so nahe an den Bergen zu wohnen und zu arbeiten», schwärmt sie und erzählt von einer Exkursion in Habkern auf 1400 Metern, wo eine 250-jährige, 35 Meter hohe Fichte gefällt und in einer Zeremonie aufgesägt wurde, als Eröffnungsakt für die Ausstellung in Bern.

Zur Ausbildung in Brienz gehört nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch musikalische Begabung: Es braucht ein feines, fast absolutes Gehör, um den Klang des Instruments zu überprüfen und allenfalls zu korrigieren. Wie alle anderen spielt auch Savanna Childers Geige. Ein Tag pro Woche gehört an der Schule ganz der Musik. Regelmässig finden zudem Konzerte statt. Das alles gefällt Savanna Childers. «Mit Kopf und Hand inmitten der Berge zu arbeiten, ist wohltuend.»

Urbane Kundschaft darf Hand anlegen

Die Werkstatt Alpen bietet Einblick in die breit gefächerte handwerkliche Produktion aus den Berggebieten. Etwa bei der Schindelmacherin Eva Gredig aus dem Bündner Safiental. In ihrer Werkstatt können sich die Museumsbesucher selbst in der Schindelherstellung üben und einen Teil des Museums einschindeln. Erzählt wird auch die Geschichte des Waadtländer Skibauers Lucas Bessard, der seine meist urbane Kundschaft am Produktionsprozess teilhaben lässt. Zu sehen gibt es zudem bekannte Bergprodukte wie die Kosmetik- und Reinigungsartikel von Soglio aus dem Tessin, die pflanzengefärbte Wolle der Casa della Lana aus dem Verzascatal und Kandahar-Schuhe aus dem Berner Oberland.

Was romantisch erscheint und die Flachländer mit der Sehnsucht nach traditionellen Materialien und Arbeitsprozessen erfüllt, ist in Realität mit mühevoller Arbeit und einem harten Alltag verbunden. Vom Verdienst wird niemand reich. Umso beeindruckender ist der Einblick in die (Berg-)Welt dieser Menschen, die ihr Werkzeug präzise führen und dabei natürliches Selbstbewusstsein ausstrahlen. Tatsache ist jedoch, dass sich die Alpen entvölkern und damit auch die traditionellen Handwerksberufe verschwinden. Wer kennt heute noch Berufe wie Besenbinder, Seifensieder oder Knochenmahler? Ermutigend ist, dass sich trotzdem nach wie vor junge Menschen wie Savanna Childers finden, die vom Aussterben bedrohte Berufe erlernen.

Sieben Stars und eine grosse Vielfalt

Wie ist man im Alpinen Museum auf das Thema Handwerk in den Alpen gekommen? «Wir waren anlässlich ihres 75-Jahre-Jubiläums in Kontakt mit der Geigenschule Brienz und merkten: Das gibt mehr her», erklärt Kuratorin Barbara Keller. Ausschlaggebend sei dann aber die Ausstellung PostAlpin im Ausstellungsraum La Tuor in Samedan gewesen. «Die hat uns inspiriert, und wir haben begonnen, über verschiedene Betriebe zu recherchieren.» Sieben Protagonisten sind jetzt die Stars der Ausstellung, 45 weitere Betriebe und Berufe werden erwähnt. Alle sind aus der Schweiz, und zwar aus allen Bergkantonen; Frauen und Männer sind gleichermassen vertreten. «Die Vielfalt wird sich im Laufe der Ausstellung aufgrund der Besuchereingaben noch vergrössern. Mit der Zeit werden sich im zweiten Stock immer mehr Paletten füllen», sagt Barbara Keller.

Einer der Besucher interessiert sich an diesem Tag in erster Linie für die Ausstellung zum Geigenbau. Mit 20 habe er seine erste Geige erhalten und das Spielen erlernt, erzählt er. Regelmässig zu seinem Instrument greift der 71-Jährige erst wieder, seit er pensioniert ist: «Während zweier Jahre habe ich Stunden genommen und konnte mich so wieder in die Musik vertiefen», sagt er. Inzwischen hat er die Mongolei bereist, wo die weissen Pferdeschwanzhaare herkommen, die für das Bespannen des Geigenbogens verwendet und in alle Welt exportiert werden. Geigenbogenbauer ist übrigens wieder ein eigener Beruf, der nichts mit dem Instrumentenbau zu tun hat. Aber Savanna Childers weiss, dass in Schwanden bei Brienz eine solche Werkstatt existiert, ein Familienbetrieb. Der Besucher schaut ihr bei der Arbeit zu und fährt vorsichtig mit der Hand über das fein bearbeitete Ahornholz, das sich wie Samt anfühlt.

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