Im Rock auf den Mont Blanc Der Versuch einer Winterbesteigung mit historischer Ausrüstung

Vier Alpinisten und eine Extrembergsteigerin wollen zusammen auf den Mont Blanc – wie anno dazumal, als Isabella Straton und ihren Begleitern die erste Begehung im Winter gelang. Eine Hommage an die Pioniere vor 150 Jahren.

Winter 1876. Bei klirrender Kälte steht eine Frau seit einer Dreiviertelstunde im eisigen Nordwind und reibt sich ihre Hände mit Schnee und Brandy ein, um wieder Gefühl in den Fingern zu erlangen. Sie trägt einen langen Rock und ist mit einem Hanfseil mit ihren drei Bergführern verbunden. Ihr Name: Isabella Straton.

Etwa zehn Jahre nach der Erstbesteigung des Matterhorns waren fast alle grossen Besteigungen im Alpenraum gemacht. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen entstand die Idee, die grossen Berge auch im Winter zu besteigen. Der Mont Blanc war in allen Köpfen. Isabella Straton war eine der ersten Frauen, die ohne Begleitung eines mit ihnen verwandten Mannes in die Berge gingen. Ihr Credo als Mitglied der jungen Feminismusbewegung: «What a man can do a woman can do too.» Als ich die Geschichte über die erste Winterbesteigung des Mont Blanc las, fragte ich mich, wie es vor fast 150 Jahren wohl gewesen sein muss, im Winter in den Bergen zu klettern – mit der Ausrüstung, die es damals gab. Doch ich hatte nicht den Hauch einer Vorstellung davon, was das wirklich bedeutet hatte.

Anspruchsvoller als gedacht

Die beiden Bergführer Martin Reber und Michi Wärthl, der Alpinist Luka Lindic, die Extrembergsteigerin Ines Papert und ich haben aus Neugier das Credo von Isabella Straton etwas uminterpretiert: Was man vor 150 Jahren konnte, das können wir heute auch. Dabei ging es uns aber nicht darum, einfach ein Kostüm über unsere Ausrüstung zu ziehen, sondern so originalgetreu wie möglich unterwegs zu sein.

Ein paar Wochen später waren wir in Saxeten am Morgenberghorn das erste Mal mit genagelten Schuhen und Schneeschuhen aus Holz und Hanfschnüren unterwegs. Der Wald war tief verschneit, und auch an diesem Tag schneite es dicke Flocken aus einem grauen Himmel. Was ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang werden sollte, endete darin, dass wir die meiste Zeit damit verbrachten, herauszufinden, wie man die Schneeschuhe mit den Hanfschnüren an den Füssen befestigt. Nur um kurz darauf festzustellen, dass unser System komplett versagte, sobald es ein paar Meter abwärtsging. Dankbar über das Feuer in der Hütte, die wir bald aufsuchten, wärmten wir unsere Füsse vor dem Ofen wieder auf. Da realisierten wir zum ersten Mal, dass das Vorhaben deutlich anspruchsvoller werden würde, als wir es uns vorgestellt hatten.

Der Kampf mit der Ausrüstung

Als Isabella Straton, ihr Führer Jean-Estéril Charlet und ihre Begleiter im Januar 1876 in Chamonix aufbrachen, waren bereits mehrere Teams am Winteraufstieg gescheitert. Nachdem die Gruppe das Grand Plateau auf fast 4000 Metern erreicht hatte, stürzte einer der Träger in eine Gletscherspalte. Mit den Nerven am Ende, stieg dieser noch am gleichen Tag nach Chamonix ab, während die restlichen Bergsteiger auf der Grands-Mulets-Hütte blieben, um am nächsten Tag einen zweiten Versuch zu starten.

Da wir so authentisch wie möglich unterwegs sein wollten, war klar, dass auch wir die 2000 Höhenmeter zur Hütte ohne Seilbahnunterstützung zurücklegen würden. Wir rechneten damit, die Grands-Mulets-Hütte am frühen Nachmittag zu erreichen, und witzelten darüber, was wir den Rest des Tages dort oben machen sollten. Doch während des Aufstiegs hatten wir weit mehr mit der Ausrüstung zu kämpfen als mit der Route. Teile versagten und mussten notdürftig repariert werden. Die dünnen Träger der Rucksäcke schnitten in die Schulter, die schweren Schuhe hingen wie Blei an den Füssen, und auch der kleinste Luftzug drang durch die Kleider. Anfänglich amüsierte es uns Männer, unserer Frau im Team beim umständlichen Bergsteigen im Rock zuzuschauen. Doch unsere Belustigung wich schnell der Erkenntnis, um wie viel mühsamer für uns das Spuren für die «Dame» im tiefen Schnee mit den kleinen Schneeschuhen ist, die kaum Halt geben. Ziemlich entkräftet erreichten wir im letzten Tageslicht die Hütte.

Etwas leichtfertig und ohne genauer darüber nachzudenken, hatten alle Beteiligten schnell zugesagt, bei der Geschichte mit dabei zu sein. Doch je näher der Zeitpunkt der Besteigung gekommen war, desto mehr hatten wir gemerkt, auf was für ein Abenteuer wir uns da eingelassen hatten. Schon bei der ersten Vorbereitungstour war uns bewusst geworden, dass wir in den dünnen Lederschuhen schnell Gefahr liefen, Erfrierungen zu erleiden. So hatten wir uns entschlossen, Heizsocken zu tragen. Niemand von uns war bereit, Erfrierungen in Kauf zu nehmen.

500 Meter über der Hütte ist Schluss

Als wir am nächsten Morgen in die Nacht hinaustraten, war kein Luftzug zu spüren. Der Himmel war klar, und der Vollmond beschien eine Schneeschuhspur, die auf wundersame Weise über Nacht von zwei absteigenden Alpinisten entstanden war. Sie wies uns den Weg durch die Spalten. Doch keine 500 Höhenmeter über der Hütte endete unser Aufstieg: Unsere Zehen waren bereits gefühllos vor Kälte, und uns fehlte die Bereitschaft, die restlichen 1000 Höhenmeter in Angriff zu nehmen.

Als Isabella Straton wieder Gefühl in ihren Fingern zurückerlangt hatte, setzten sie und ihr Team den Aufstieg fort, um gegen 15 Uhr als Erste den Gipfel des Mont Blanc im Winter zu erreichen. «Ich hatte den Aufstieg bereits dreimal im Sommer gemacht, aber erst am 31. Januar 1876 habe ich ihn in Vollendung erlebt», schrieb Isabella Straton später. Uns hingegen ist mit jedem Schritt am Mont Blanc bewusster geworden, dass unsere bergsteigerischen Fähigkeiten in historischer Ausrüstung eine völlig untergeordnete Rolle spielen und das Winterbergsteigen vor 150 Jahren noch ganz andere Qualitäten forderte. Und so haben wir auf dieser Tour mehr über uns selbst gelernt als über das Bergsteigen vor 150 Jahren.

Film zum Projekt

Über den Versuch, den Mont Blanc im Winter mit historischer Ausrüstung zu besteigen, ist ein 18 Minuten langer Film entstanden, der dieses Jahr auf ausgewählten Bergfilmfestivals zu sehen sein wird.

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