In seltsamen Tessiner Gneiswelten | Schweizer Alpen-Club SAC

In seltsamen Tessiner Gneiswelten Basòdino (3273 m)

Unter Tessiner Gneis können sich wohl viele etwas vorstellen. Doch dahinter versteckt sich eine grosse Gesteinsvielfalt. Am Basòdino treffen wir auf eine höchst exotische Variante.

Der Basòdino ist zwar vor allem ein Skiberg, aber man kann mit den Ski nicht bis zum Gipfel steigen, sondern kraxelt vom Skidepot über felsiges Gelände hoch. Und diese Felsen bestehen aus dem seltsamen Gestein, das ich hier vorstellen möchte. Im Sommer trifft man es auch schon weiter unten auf den Gletscherschliffplatten an.

Die Felsen mögen auf den ersten Blick typisch erscheinen: ziemlich hell, grau, blockig bis grobplattig – eben ein Tessiner Gneis, also ein hoch metamorphes Gestein (siehe Foto). An sich richtig! Wenn du genauer hinschaust, wirst du aber schnell erkennen, dass das kein normaler Gneis ist. Es scheint eher eine Art zusammengeworfenes Durcheinander zu sein: Zentimeter- bis dezimetergrosse, meist helle, seltener dunkle Gesteinsstücke schwimmen in einer grauen körnigen Matrix. Sie können rundlich, kantig oder gar wie ein geplättetes Stück Teig aussehen (siehe Foto).

Willst du vergleichbare Gesteine ohne eine so starke metamorphe Überprägung sehen, wirst du in den Glarner Alpen fündig, im Weltnaturerbe Tektonikarena Sardona. Dort sind solche Gesteine nicht grau, sondern rotbraun. Das ist ihre ursprüngliche Färbung, die mit der Metamorphose im Tessin verloren gegangen ist. Sie gehören zu einer Gesteinsabfolge namens Verrucano. Diese wurde in der Permzeit vor 250 bis 280 Millionen Jahren in kontinentalen Grabensenken mit randlichen Vulkanen gebildet. Man findet darin Vulkangesteine, vor allem aber Sedimentablagerungen aus dem Umfeld der Vulkane. Bei Vulkanausbrüchen wird viel loses Material ausgeworfen, das sich bei den begleitenden heftigen Regenfällen verflüssigt und in Form von Schlammströmen ins Umland hinabsaust. Das ergibt chaotische, konglomeratähnliche Ablagerungen. Die Gerölle stammen aus dem damaligen Untergrund, durch den sich die Vulkanschlote geschnitten haben. Es sind vor allem helle Granite.

Nahe beim rumpelnden Vulkan

Die Konglomeratgneise gerieten im Zuge der Alpenbildung in Tiefen von 20 bis 25 Kilometern, wo Temperaturen um 600 °C und Drucke um 7000 Bar herrschten. Die damals darüberliegenden Gesteinsdecken wurden bei der Anhebung der Tessiner Berge allesamt abgetragen, und ihre Gerölle finden wir heute in den Molasseablagerungen im Mittelland und unter der Poebene.

Die Basòdino-Gneise gehören zur Lebendun-Decke, die sich vom Gebiet der Capanna Cristallina CAS über den Basòdino ins Val Formazza bis gegen den Simplonpass hinzieht. Um die Gesteine zu betrachten, musst du deshalb nicht auf den Basòdino steigen, auch südwestlich der Cristallinahütte stehen sie an. Stell dir die damalige Landschaft vor, wenn du diese Gneisfelsen unter deinen Händen hast: das trockenheisse Wüstenklima, in der Nähe des Äquators gelegen, und vielleicht in 30 Kilometern Entfernung ein aktiver, rumpelnder Vulkan.

Geologisch spannende Berge der Schweizer Alpen

Die Geologie der Alpen ist furchtbar kompliziert, die Vielfalt an Gesteinen fast unendlich. Doch es gibt viele bekannte Berge, die auch für den Geolaien spannende und spektakuläre geologische Phänomene bieten, die gut zu erkennen und einfach zu verstehen sind. Davon erzählt diese Serie vom bekannten «Vermittlungsgeologen» und Bergführer Jürg Meyer (www.rundumberge.ch).

Praxistipp Gesteine bestimmen→ Taschenmesser

Ein Taschenmesser dürften wohl alle Berggängerinnen und Berggänger dabeihaben. Es ist eine der genialsten Erfindungen, nützlich für die Verpflegung, für Reparaturen, für die erste Hilfe – und für die Gesteinsuntersuchung! Man kann damit die Konsistenz von Gesteinsbestandteilen – deren Härte und deren Spaltbarkeit – prüfen, Verwitterungspatina wegkratzen, Einzelbestandteile herauslösen usw. – alles Dinge, die für eine sorgfältige Untersuchung und Ansprache von Gesteinen wesentlich sein können.

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