J. Rickli : Elementare Karten- und Terrainlehre

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Es ist eine auffallende Tatsache, daß die Fähigkeit, eine Gegend aus dem Kartenbild sich plastisch vorzustellen, was eben gemeinhin Kartenlesen genannt wird, bei vielen Leuten, auch bei solchen, denen man diese Fähigkeit zutrauen sollte, sehr im argen liegt. Es sei nur an die oft gehörte Klage erinnert, „ die Karte ist nicht richtig ", wenn ein Tourist auf Abwege geraten ist. Ganz sicher 90 % dieser Fälle haben ihre Ursache in dieser mangelnden geistigen Übersetzungsarbeit. Von diesem Gesichtspunkte aus mag das vorliegende Handbuch eines zürcherischen Lehrers gerechtfertigt erscheinen, welches auf breiter Grundlage und von den elementarsten Begriffen ausgehend, eine im ganzen recht brauchbare Anleitung zum Verständnis der Karten, speziell der schweizerischen, gibt.

Als überflüssig, wenigstens für Touristen, erscheinen einige einleitende Kapitel, so das metrische System und die allgemeinen geographischen Kenntnisse der Erdkugel, weil in das Pensum der Sekundärschule gehörend. Auch die kurze Belehrung über das Wesen der Dezimalbrüche möchte man gerne missen, denn wem Dezimalbrüche nicht geläufig sind, wird sich schwerlich für Karten interessieren. Die eigentlichen Kapitel über Karten- und Terrainlehre sind eingehend und folgerichtig entwickelt; nur sollte der Verfasser sich davor hüten, dem Leser allzuviel bloßen Wissensballast zuzumuten. Was nützt es ihm, zu wissen, daß die Mißweisung der Magnetnadel Deklination und in horizontalem Sinne Inklination heißt, zumal der Verfasser beim Hervorsuchen des Deklinationsbetrages sich arg geirrt hat? Nach dem Verfasser soll dieselbe in Bern 14° 35'östlich betragen!

Über das Wesen der Kurven- und Schraffendarstelluug, ihre Vor- und Nachteile referiert der Verfasser recht hübsch und geschickt; es sind dies unstreitig die besten Teile des Büchleins. Über die Felsdarstellung jedoch, welche ja in einzelnen Siegfriedblättern eine so hohe Vollendung erreicht hat, würde man gern mehr erfahren als nur, daß „ die Felsmassen und Felswände, die wegen ihrer Steilheit die Zeichnung der Kurven nicht mehr zulassen, durch schwarze Schraffenausgedrückt und unter Anwendung der schiefen Beleuchtung künstlerisch in ihren Umrissenzur Darstellung gebracht werden ". Nicht die Steilheit des Terrains bedingt die Felszeichnung, sondern eben das Vorhandensein von Fels, gleichgültig, ob steil oder weniger steil, senkrecht oder gar horizontal. Hier sei der Verfasser nur an die vielen Karrenfelder und glazialgeschliffenen Felsgebiete erinnert, welche, trotz ihrer horizontalen Lage, im Siegfriedatlas durch recht ausgesprochene Felszeichnung dargestellt sind.

Es erübrigt noch Stellung zu nehmen gegen die gänzlich mißratene „ Orographische Übersicht der Alpen " und die „ Geologischen Verhältnisse der Schweiz ", Kapitel, die besser weggeblieben wären. Es wimmelt darin nicht nur von falschen oder veralteten Begriffen, wie Firn für Gletscher, oder das Bild des zusammengeschobenen Tisch-tuches für die Tektonik der Alpen, sondern auch von schlechter Nomenklatur, wie Mont Colon, Mont d'Disgrazia, Monte Genere, Bürgestock, Ringlikopf. Recht dürftig ist die Orographie der Tessiner Alpen, welche der Verfasser in eine Nordgruppe ( ennetbirgisch ) und in eine Seegruppe teilt. Von ersterer nennt er nur den Pizzo Campo ( 3075 m ), der Höhenquote nach zu schließen, ist der Campo Tencia gemeint, und den Monte Zucchero. Vom Rosenlauigletscher hat der Verfasser eine um etwa vierzig Jahre veraltete Vorstellung, wenn er ihn als „ in Alpenrosen eingebettet " preist und behauptet, „ das Eis desselben sei von einem wundervollen Ultramarin, nach allen Seiten zerklüftet und durch keine Moränen verunreinigt ".

Wie gesagt, es sind auch gute Teile in dem Büchlein, und zwar sind es gerade die wesentlichen. Sie könnten durch Wegstreichen aller unnötigen und verfehlten Zutaten nur gewinnen.Hans Dübi ( Sektion Bern ).

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