Keine «neuartigen Schäden» im Bergwald. «Nur» statistisch krank

Keine « neuartigen Schäden » im Bergwald

Das vor zwei Jahrzehnten prophezeite Waldsterben ist ausgeblieben. Trotzdem wird von vielen Seiten der Zustand des Waldes und insbesondere des Bergwaldes immer noch als Besorgnis erregend dargestellt. Forstwissenschafter der Technischen Universität München haben diese Sicht der Dinge grundlegend in Zweifel gezogen.

Jeden Sommer treten in ganz Europa Scharen von Forstleuten in Aktion, um den Zustand der Wälder zu erfassen. In 30 Ländern 4 werden an rund 5700 Stellen insgesamt etwa 130 000 Bäume in Augenschein genommen. Die Prüfer vergleichen dabei die Belaubung bzw. Benadelung der Baumkronen mit der Abbildung eines Idealbaumes und ordnen den Probebaum daraufhin einer von fünf Schadstufen zu – von « keine Schäden » ( bis zu 10% weniger Nadeln oder Blätter ) bis zu « abgestorben ». Ab einer « Kronenverlichtung » von 25% gilt ein Baum als « deutlich geschädigt ».

Monitoringsystem für Wälder Dieses Monitoringsystem für Wälder hat allerdings einen Schönheitsfehler: Für den ausgewiesenen Zweck, die Wirkung von Luftverunreinigungen nachzuweisen ( Stichwort « saurer Regen » ), ist es weitgehend unbrauchbar. Lediglich bei massiven Belastungen wie seinerzeit im Erzgebirge, als Schwaden von Schwefel-dioxid aus den tschechischen Braun-kohlekraftwerken den Bäumen den Garaus machten, besteht ein solcher Zu-

1 Hans Dieter Sauer ist Geophysiker und Fach-journalist für Energie und Umwelt. Er hat u.a. in der NZZ-Rubrik « Wissenschaft und Technik » publiziert, so den Beitrag « Ende einer Fiktion, Luftschadstoffe führen nicht zu Schäden im Bergwald » ( vgl. NZZ Nr. 247, 24. Okt 2001, S.69 ) 2 Vgl. WSL-Jahresbericht 2000, S.23, und DIE ALPEN 3/98, S. 46 3 Vgl. die aktuelle Stellungnahme des WSL in dieser Ausgabe S. 55 4 38 Länder sind Mitglied der entsprechenden Vereinbarung.

Fo to s: Ro be rt B ös ch DIE ALPEN 11/2002

sammenhang. Ansonsten kann die Belaubung bzw. Benadelung eines Baumes aus den verschiedensten Gründen vom Idealzustand abweichen, ohne dass dies etwas mit Luftschadstoffen zu tun haben muss.

Fragwürdige Inventur Das Verfahren war in der ersten Hälfte der Achtzigerjahre in Deutschland aus der Taufe gehoben worden, als dort die Furcht vor dem Waldsterben umging und man einen Überblick über die vermeintliche Umweltkatastrophe gewinnen wollte. Wegen der begrenzten Aussagekraft der Erhebungen rieten renommierte Forstwissenschafter dazu, wieder davon abzulassen oder wenigstens die gröbsten Unzulänglichkeiten zu beseitigen. Doch das rief den heftigen Protest der Umweltverbände hervor, die dahinter den Versuch witterten, den Wald « gesundzu-lügen ». In der aufgeheizten Stimmung wollten die Politiker nicht noch weitere Vorwürfe auf sich ziehen und liessen die Inventuren weiterlaufen. Auf Betreiben Deutschlands wurden sie ab 1986 sogar auf das übrige Europa ausgeweitet. Schadenzentrum Alpen? Seitdem haben die Statistiken der Öffentlichkeit Jahr für Jahr das Bild vermittelt, rund ein Viertel der Wälder in Europa sei geschädigt. Besonders schlimm: Die Alpen erscheinen als ein Hauptschadens-gebiet. So zeigten die Schweizer Sanasilva-Inventuren von Anfang an das auffällige Phänomen, dass Kronenverlichtungen von mehr als 25% in den Berggebieten durchweg doppelt so häufig auftreten wie in tieferen Lagen – Besorgnis erregend angesichts der Bedeutung der Wälder für Lawinen- und Erosionsschutz. Eine Studie aus den bayerischen Alpen hat die Dinge nun allerdings in ein neues Licht gerückt. Forstwissenschafter der Technischen Universität München haben östlich der Zugspitze zwischen Alpenrand und österreichischer Grenze einen repräsentativen Querschnitt von verschiedenen Waldtypen und Standorten unter die Lupe genommen. Knapp die Hälfte der Fichten und gut 40% der Buchen wiesen Kronenzustände auf, die nach gängiger Definition als « deutlicher Schaden » interpretiert werden. Es zeigte sich jedoch, dass das Ausmass der Blatt-und Nadeldefizite nichts mit der Belastung durch Luftschadstoffe zu tun hatte, dafür aber eng an die Bodenbeschaffenheit gekoppelt war.. " " .Auf flachen, kalkigen, nährstoffarmen Böden war das Phänomen viel stärker ausgeprägt als auf lehmigen tiefgründigen Böden, obwohl letztere stärker versauert waren und sich in Gebieten mit überdurchschnittlicher Ozonbelastung befanden.

Objektive Interpretation gefragt Daneben spielt besonders bei den Fichten das Alter eine Rolle: je älter ein Baum, desto schütterer seine Benadelung. In der Regel ist das jedoch keine Erkrankung, sondern zeigt, dass sich der Baum seinem Lebensende nähert. Es wäre deshalb abwegig, so die Autoren der Studie, die natürlichen Alterungs- und Abster-beprozesse, die in den Bergwäldern mit ihrem älteren Baumbestand stärker zum Tragen kommen als in anderen Forsten, als « neuartige Schäden » durch Luftver-unreinigungen zu deuten. Die unterschiedliche Vitalität der Bäume lasse sich mit ihrer Nährstoffversorgung, dem Alter, der Witterung und weit verbreiteten Wurzelparasiten erstaunlich gut erklären. Das Muster der Jahrringe lege ausserdem nahe, dass diese Unterschiede bereits seit mindestens 150 Jahren bestünden. Fazit

Heute stellt sich zunehmend die Frage, ob bei den durch die « Waldsterben-Szenarien » ausgelösten Aktivitäten Aufwand und erzielte Erkenntnisse noch in einem einigermassen vernünftigen Verhältnis stehen. Gadmertal mit Gadmerflüe, Sustenpass Die mit dem Schlagwort « Waldsterben » in den 1980er-Jahren auf breiter Basis geweckten Ängste wurden durch die Entwicklung widerlegt. Pontresina mit Piz Palü und Berninagruppe DIE ALPEN 11/2002

der 200 Seiten starken Studie: « Für einen akuten, chronischen oder latenten Krankheitszustand, wie er durch die Interpretation der jährlichen Waldscha-densstatistik nahe gelegt wird, gibt es kaum Anhaltspunkte. »

Die Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft ( WSL ) hat die Aussagen der bayerischen Kollegen im Wesentlichen bestätigt. Auch in der Schweiz hätten Kronenver-lichtungen weitgehend natürliche Ursachen, und Luftschadstoffe spielten dabei – wenn überhaupt – nur eine untergeordnete Rolle. Deshalb werde auch der Begriff Schadstufen seit 1997 in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland nicht mehr verwendet. Daraus dürfe man aber nicht ableiten, so Peter Brang, WSL-Abteilungsleiter im Bereich Wald, Luftschadstoffe seien harmlos.

Gefährdung durch Überdüngung Im Visier sind vor allem die Stickstoff-einträge, die an vielen Standorten so hoch sind, dass die Bäume « überdüngt » werden und es zu einer unausgewogenen Nährstoffversorgung kommen kann. In der Schweiz haben dabei nicht die Stickoxide in den Autoabgasen das grösste Gewicht, sondern mit einem Anteil von zwei Dritteln Ammoniak aus der Viehhaltung. Da sich Ammoniak nicht weiträumig ausbreitet, ist das Problem aber im Wesentlichen auf den Umkreis intensiver Nutztierhaltung beschränkt. Der eigentliche Alpenraum ist relativ wenig betroffen. Das zeigt auch ein angelau-fenes Messprogramm der WSL. Die höchsten Ammoniakkonzentrationen wurden in Gebieten mit intensiver Nutz-tierhaltung registriert. Dort gilt es nach Einschätzung der WSL, die Emissionen in Zukunft in erster Linie zu verringern.

Irreführende Blickrichtung Auch die Münchner Forstwissenschafter plädieren nachdrücklich für eine vorsor-gende Umweltpolitik. Dabei dürfe man jedoch nicht mit falschen Argumenten operieren. So kann der alleinige Blick in die Baumkronen die Probleme sogar eher verschleiern als aufklären. Bäume können saftig grün aussehen, obwohl sie mit dem Nährstoff Stickstoff überver-sorgt sind und bereits Nitrat aus dem Waldboden ins Grundwasser ausgewaschen wird. Auch eine andere Fehlentwicklung wird von der herkömmlichen Waldzustandserhebung kaum erfasst. Besonders im Gebirgswald können zu hohe Wildbestände dazu führen, dass die Knospen und Triebe von jungen Bäumen verbissen werden und die natürliche Verjüngung ausbleibt. Für die WSL gehört dies – gemeinsam mit dem Borkenkäfer – heute zu den wichtigsten Forstschutzproblemen.

Neuorientierung angesagt Die Waldzustandserhebung in ihrer jetzigen Form liefert kaum Erkenntnisse über den tatsächlichen Zustand des Waldes. Auch bei ihrer Aufgabe würde der Wald noch intensiv genug beobachtet, gibt es doch quer durch Europa Hunderte von Beobachtungsflächen – 17 in der Schweiz –, auf denen langfristig Ökosystem-Forschung betrieben wird. Damit ist die Entwicklung in den Wäl-

Mitteleuropa ist trotzdem nicht zu einer « Säuresteppe » geworden. Selbst im Erzgebirge wachsen den Förstern die Bäume wieder über den Kopf ( 1995 ).

Solche Bilder, die aber auf wenige Regionen wie das Erzgebirge und das östlich angrenzende Isergebirge beschränkt waren, lösten in den 1980er-Jahren die Hysterie von einem um sich greifenden « Waldsterben » aus.

Ein Hirsch hat seine Fegspuren hinterlassen. Dadurch werden auch bereits grössere Bäume noch geschädigt. Durch die Wunden in der Rinde können Parasiten in den Stamm eindringen. Bei Angone, Alp Monte Angone, bei Anzonico in der Leventina Fo to :Ma nf re d Sa ue r Fo to :Ha ns Die te r Sa ue r Fo to :N ino Ku hn DIE ALPEN 11/2002

dern hinreichend unter Kontrolle. Die Schweizer Waldforscher haben im Sanasilva-Bericht 1997, der zugleich eine Zwischenbilanz nach 15 Jahren Waldschadenforschung darstellte, festgehalten: « Wegen der begrenzten Aussagekraft der Kronenverlichtung sind Alternativen zu prüfen. » Das « Jahr der Berge », das nicht zuletzt den Schutz der Bergwelt auf eine wissenschaftlich fundierte Basis stellen soll, wäre ein guter Anlass, damit Ernst zu machen. a

Hans Dieter Sauer, D-Gräfeling

Literatur

« Monitoring von Schäden in Waldökosystemen des bayerischen Alpenraumes ». Bayerisches Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, München ( http://www.bayern.de/stmlu ) Kommentar der WSL zu der Studie: http://www.wsl.ch/forest/risks/ssi/docs/WSL_Ko mmentar_zu_NZZ.pdf « Sanasilva-Bericht 1997 ». Eidgenössische Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft, Birmensdorf.

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