Klassenlagerstimmung Wandern mit Flüchtlingen als Integrationshilfe

Taugen die Berge zur Integration von Flüchtlingen? Wandern und klettern wird in Ländern wie Norwegen, Österreich und Deutschland systematisch zur Integrationsförderung genutzt – in der Schweiz ist das eine exotische Idee.

Wie wichtig ist es für einen Flüchtling aus Eritrea oder Sy­rien, zu wissen, was ein Murmeltier ist, ein Enzian oder Hüttenfinken? Monica Ehrenzeller zippt sich Hosenbeine an ihre Shorts. Es wird kühler vor der Geltenhütte auf 2000 Metern über Meer. «Hören Sie das Pfeifen?», fragt sie und deutet mit einer Kopfbewegung hinüber zu den grün-golden schimmernden Bergwiesen, in das Durcheinander von Steinen und Geröllbrocken, die aussehen wie zufällig ausgeleert. Neben ihr auf der niedrigen Steinmauer sitzen für eine SAC-Hütte eher untypische Gäste. Bereket Amanuel, Samson Teweldeberhan, Lobsang Donmetsang, Ghebremichael Issak und Beniam Tafese gehören zu einer Gruppe von Flüchtlingen, die im Rahmen von co-opera, einem Integrationsprogramm des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks Bern, einen Ausflug in die Berge unternehmen. Sie stammen aus Eritrea, Syrien, Tibet, Äthiopien und Sri Lanka. Niemand erkennt das muntere Pfeifen der kleinen Bergbewohner, das so manche Bergwanderung in den Schweizer Alpen begleitet. «Enzian gibt es bei uns auch», sagt Tashi Gurutsong, eine Frau aus Tibet. «Alles erinnert mich an zu Hause, die Berge, der Schnee, die Blumen. Es ist wunderschön.»

Einfache Wanderung fordert heraus

Nicht für alle der zwölf Frauen und Männer, die den steilen Anstieg vom Lauenensee in die Geltenhütte in Angriff genommen haben, war die körperliche Betätigung in den Bergen gleich vertraut wie für die Tibeter – diese gingen beim Aufstieg mit schnellen Schritten voraus. Die ausdauernden, teilweise sportlich ambitionierten Läufer aus Äthiopien und Eritrea hielten locker mit, andere Teilnehmer mussten sich mühsam jeden Meter erkämpfen, dem steil ansteigenden Pfad entlang, durch rauschende Bergbäche und über Schneefelder. Batoul Al Nhalawi, eine junge Frau aus Syrien, war beispielsweise noch nie in ihrem Leben in den Bergen. Überhaupt ist sie noch nie so weit zu Fuss gegangen, weil da, wo sie herkommt, schlicht niemand so etwas macht. Ihre Leistung ist vielleicht so einzuschätzen, wie wenn eine durchschnittliche Schweizer Wanderin sich zufällig in der Eiger-Nordwand versuchen würde. «Mir tun die Beine weh», sagt sie nach ihrer sportlichen Bestleistung mit einem Lächeln, «aber ich bin sehr glücklich, dass ich hochgekommen bin.»

Die Bergwanderung ist Teil einer Projektwoche, die co-opera zweimal im Jahr als Abwechslung zum normalen Alltag anbietet – eine Art Schulreise also. Die co-opera-Kurse richten sich an vorläufig aufgenommene und anerkannte Flüchtlinge und dienen der beruflichen Integration sowie der Verbesserung der Sprachkenntnisse. Eine Bergwanderung anzubieten, war die Idee der Abteilungsleiterin Monica Ehrenzeller sowie der beiden Kursleiter Walter Lüthi und Res Menzi. Teil davon war die zweitägige Wanderung zur Geltenhütte und zurück. Vom Interesse war das Leitertrio überwältigt. «Wir hatten keine Ahnung, was unsere ‹Schüler› von der Idee halten», sagt Lüthi. «Bald merkten wir, dass wir gar nicht alle mitnehmen konnten, die gerne beim Wandern mitgemacht hätten.» Monica Ehrenzeller, selber begeisterte Berggängerin, erklärt: «Mir geben die Berge so viel, ich dachte mir: Weshalb soll es für diese Menschen anders sein?» Tatsächlich kommen viele der Flüchtlinge kaum aus ihrem üblichen Umfeld heraus. Auch wenn die meisten selbstständig wohnen und bereits seit mehreren Jahren in der Schweiz sind, ist ihr Ak­tions­radius vor allem aus finanziellen Gründen stark eingeschränkt. Die Schweizer Berge sind für alle von ihnen ein völlig unbekanntes Territorium, eine Welt, die sie sich bislang nicht haben vorstellen können.

Unterdessen versammelt sich die Gruppe an den Tischen im Esssaal der Geltenhütte. Jemand schöpft Suppe aus der dampfenden Schüssel. Die Hüttenwartin Marianne Stalder, die mit ihrem Mann Ueli seit Jahren den Betrieb führt, erzählt den Gästen aus ihrem Alltag in den Bergen. Am Tisch herrscht die gleiche fröhliche Klassenlagerstimmung wie schon den ganzen Tag über. Am Bach unter den tosenden Wasserfällen sind die jungen Männer auf jeden Felsen gekraxelt, um für ein Foto zu posieren, tollten durch die Wiese und bewarfen sich mit Schneebällen, die sie aus einem Rest Schnee zusammenkratzten.

Selten so fröhlich und unbeschwert

«Wir haben so viel Spass», sagen viele der Teilnehmer, wenn man sie danach fragt, was sie denn nun das Beste an diesen Tagen fänden. Eine unbeschwerte Zeit geniessen zu können, persönliche Herausforderungen zu meistern und neue Gebiete zu entdecken, hat nicht nur für uns Normalbürger und Freizeitkünstler seinen Reiz. «Wie soll ich es erklären?», Ghebremichael Issak aus Eritrea sucht nach Worten. «Es ist schwierig, meine Deutschkenntnisse reichen nicht aus … Es waren goldene Tage.» Beniam Tafese aus Äthiopien sagt: «Manchmal bin ich müde, manchmal traurig, manchmal glücklich. Hier auf der Hütte fühle ich mich wirklich frei.» Fener Abdullah, ein 24-jähriger Syrier, stimmt ihm zu: «Ich bin seit drei Jahren in der Schweiz, das waren die besten zwei Tage dieser ganzen Zeit, weil ich keinen Stress gehabt habe.» Abdullah spricht gut Deutsch, wechselt zwischendurch sogar ins Berndeutsche. Demnächst wird er eine Lehre als Zimmermann beginnen und scheidet damit sozusagen als Erfolgsgeschichte aus dem Programm aus. Trotzdem verdrängt auch bei ihm ein nachdenklicher Ausdruck schnell den Schalk auf dem Gesicht. «Wenn meine Familie das nur sehen könnte», sagt er draussen vor der Hütte, «wir gingen früher oft hinaus in die Natur, am liebsten alle zusammen zum Picknicken. Aber seit fünf Jahren traut sich kaum einer mehr auf die Strasse, nicht einmal zum Broteinkaufen.»

Ausflüge in die Berge, so scheint es, fördern die Integration. Wäre es darum Aufgabe eines Alpenvereins, Flüchtlingen Erlebnisse in den Bergen zu ermöglichen und so aktiv etwas zur Integration beizutragen?

Im Ausland Teil der Verbandsarbeit

Der norwegische Alpenverein Den norske Turistforening (DNT) sieht das so: «Wir verfolgen die Politik, dass in ganz Norwegen niemand weiter als 500 Meter von einem Wanderweg entfernt wohnt», sagt Mette Habberstad, Leiterin Kommunikation beim DNT. «Die Natur muss für alle Menschen zugänglich sein, das gilt auch für Flüchtlinge oder Minoritäten.» Dieser Grundsatz ist in den offiziellen Richtlinien des Verbands festgehalten. Seit Jahren führt der ­norwegische Alpenverein konkrete Projekte durch, beispielsweise für Jugendliche oder Frauen mit Migrationshintergrund. «Das Feedback ist sehr gut», so Habberstad. «Schwierigkeiten haben wir nur, diese Personen überhaupt über die Angebote zu informieren.» Das Problem kennt man beim Deutschen Alpenverein (DAV). Anfang August lancierte der DAV zusammen mit anderen Organisationen ein gros­ses Projekt in der Flüchtlingsarbeit: «Alpen. Leben. Menschen.» Pressesprecher Thomas Bucher erklärt: «Unsere Sektionen zeigen Interesse, Bergsporterlebnisse für Flüchtlinge anzubieten, ihr Problem ist aber, dass sie den Link nicht herstellen können.» Deshalb übernimmt diese Funktion nun der Malteser Hilfsdienst, ein Projektpartner von «Alpen. Leben. Menschen.», dessen Mitarbeiter ohnehin in den Flüchtlingsheimen präsent sind. In einem Positionspapier an die Sektionen schrieb der DAV im Sommer 2015: «Das Präsidium des Deutschen Alpenvereins spricht sich für Toleranz und Offenheit gegenüber allen Menschen aus und sieht den DAV in der gesellschaftlichen Verantwortung, einer Willkommenskultur in Deutschland durch eigenes Handeln Nachdruck zu verleihen.» Sehr gute Erfahrungen hat man in deutschen Sektionen damit gemacht, Kurse für junge Flüchtlinge in Kletterhallen anzubieten.Auch der Österreichische Alpenverein (ÖAV) sieht die Arbeit mit Migranten und Flüchtlingen als gesellschaftlichen Auftrag. Unter dem Titel «miteinander unterwegs» laufen bereits länger verschiedene Projekte. «Unsere Mitmenschen sollen die gemeinsame Heimat kennen und schätzen lernen, um sich hier zu Hause fühlen zu können. Wir wollen auch ihnen ein Naturerlebnis ermöglichen», sagt Projektleiter Jürgen Einwanger.

Der Schweizer Alpen-Club hat sich nach Angaben von Zentralpräsidentin Françoise Jaquet bis jetzt nicht mit der Thematik befasst. «Wir haben im Moment sehr grosse Projekte im Gange wie die Reorganisation der Geschäftsstelle, Suisse Alpine 2020 oder SAC+, die unsere ganze Energie brauchen.» Es gebe zahlreiche Organisationen in der Schweiz, die sich um Flüchtlinge kümmerten. Der SAC werde nach Möglichkeit gerne deren Initiativen unterstützen, falls das gewünscht sei. Jaquet sieht es persönlich nicht unbedingt als eine Aufgabe des SAC, solche Projekte anzustossen. Ob es in den einzelnen Sektionen Aktivitäten in die Richtung gibt, kann sie nicht sagen. Ausgewählte Sektionen winken denn auch ab. Weder bei der Sektion Diablerets noch bei den Sektionen Uto oder Bern sind Projekte bekannt.

Vorgeschmack auf mehr

Integration ist keine leichte Sache, weder im Flachland noch in den Bergen, und sie ist auch schwer messbar. Nach dem Geltenhütten-Abenteuer der Berner Flüchtlinge lässt sich festhalten: Diese Menschen haben in der kurzen Zeit die Schweiz ein gutes Stück besser kennengelernt. Sie machten nicht nur neue persönliche Erfahrungen und hatten eine gute Zeit, sondern befassten sich mit Aspekten des Lebens in den Schweizer Bergen, mit denen sie bisher nie konfrontiert waren. Für die einheimischen Begleiter schliesslich zeigte sich die Heimat aus einer neuen Perspektive. Was macht uns aus? Was ist uns wichtig? Die allermeisten Teilnehmer der Gruppe würden sofort zur nächsten Wanderung aufbrechen, hätten sie denn die Möglichkeit dazu. Ob je einer von ihnen SAC-Mitglied wird, ist schwer zu sagen. Allerdings geht es auch den ausländischen Vereinen nicht in erster Linie darum. Viel eher, so Mette Habberstad aus Norwegen, steige mit positiven Erlebnissen in der Natur auch das Verständnis dafür, wie wichtig es sei, die Natur zu schützen.

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