Kleine Expeditionen zu grossen Bergen Porträt einer aussergewöhnlichen Alpinistin

Nives Meroi ist die erfolgreichste Höhenbergsteigerin Italiens. Selbst sieht sie sich indes nie als Heldin. Von ihren Kleinstexpeditionen, die sie gemeinsam mit ihrem Mann Romano Benet durchführt, bringt sie vor allem eines mit nach Hause: Geschichten, zu denen das Scheitern ebenso wie das Glück gehört.

An einem Tag im Mai 2009 ist Nives Meroi mit ihrem Mann Romano Benet unterwegs am 8586 Meter hohen Kangchendzönga. Das italienische Paar steigt auf Richtung Lager 3. Jeder in seinem Tempo. Auf elf Achttausendern sind sie gemeinsam gestanden. Immer zusammen, in Kleinstexpeditionen. Doch an diesem Tag im Mai geschieht etwas, das Nives noch nie erlebt hat: Sie erreicht als Erste das Höhenlager, ihr Mann ist irgendwo weit hinter ihr. Sie ahnt zum ersten Mal, dass etwas mit ihm nicht stimmt. So gut wie vielleicht keine andere Seilschaft im Höhenbergsteigen kennen Nives und Romano einander. Seit Ende der 1970er-Jahre sind sie ein Paar und darüber hinaus ein perfektes Team am Berg.

 

Bergsteigen, ein Spiel

Dabei teilen sie eine gewichtige Ansicht: Für beide ist der Alpinismus mehr als Gipfelerfolge. Sie mögen die versteckten Winkel der Welt, das Abenteuer. «Un gioco» sei das Bergsteigen, sagt Nives: ein Spiel. Sie tritt an die Gipfel heran, als gäbe es weder etwas zu gewinnen noch etwas zu verlieren, sondern nur etwas zu erleben. Auch im Mai 2009, am Kangchendzönga, zögert sie nicht, umzukehren, als es Romano immer schlechter geht. Sie selbst würde den Gipfel wahrscheinlich schaffen – doch allein will sie nicht auf ihrem zwölften Achttausender stehen.

 

Schwere Krankheit

Zurück in Italien erhält Romano eine erschütternde Diagnose: Knochenmarkaplasie. Eine schwere und seltene Krankheit, bei der das Knochenmark kein Blut mehr produziert. Ein Schicksal, das nichts mit dem Höhenbergsteigen zu tun hat, sondern jeden treffen kann. Es folgen Wochen und Monate in Spitälern, die das Paar heute als «ihren 15. Achttausender» bezeichnet. Und eine Zeit, in der Nives die Chance ziehen lässt, als erste Frau auf allen Achttausendern gestanden zu haben. Zwei Jahre später wird die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner die Ehre erlangen respektive ein Jahr zuvor die Südkoreanerin Oh Eun-sun, deren Besteigung des Kangchendzönga jedoch als umstritten gilt.

 

Erfolg und Misserfolg

Gehadert mit sich hat die Italienerin deswegen nie. Denn von einem ist sie überzeugt: Das Scheitern gehört zum Bergsteigen wie zum Leben auch. Erfolg und Misserfolg, Mut und Angst, Gutes und Schlechtes – alles bilde ein grosses Ganzes, sagt sie. «Wir als Menschen sind die Synthese davon.» Der Titel ihrer aktuellen Präsentation spiegelt diese Philosophie wider: «Io sono le montagne che non ho scalato.» Auf Deutsch: «Ich bin die Berge, auf die ich nicht gestiegen bin.»

Vielleicht ist es deshalb umso berührender, die Bilder ihrer Erfolge zu sehen. Bilder jener Momente, in denen das italienische Paar allen davonlief, an den Höhenlagern vorbeizog, auf einem weiteren Achttausender stand. Wie am Everest, wo sie auf dem Gipfel in die Kamera lachten, als wären sie auf einem Viertausender irgendwo in den Alpen. Doch selbst nach erfolgreichen Expeditionen wie dieser werden weder Nives noch Romano zu den Hauptakteuren ihrer Erzählungen. Vielmehr bringen sie dann poetische Geschichten aus dem Himalaya mit nach Hause. Geschichten von Sternen und Wind, von knirschendem Geröll, von winzigen Menschen an grossen Bergen.

 

Verlaufen und doch glücklich

Auch «ihren 15. Achttausender» haben sie mittlerweile bestiegen. In den weltweiten Datenbanken fand sich ein passender Knochenmarkspender für Romano. Im Frühjahr 2012 war die Seilschaft Meroi-Benet denn auch wieder unterwegs am Kangchendzönga. Den Gipfel indes erreichten sie auch diesmal nicht. Sie hatten nachts versehentlich die falsche Route erwischt und fanden sich fern des Ziels, als es dämmerte. Doch im Grunde war ihnen das egal. Sie genossen es, an diesem mächtigen Berg unterwegs zu sein. Denn das Schönste an einer Expedition, so Nives, sei nie der Gipfel. Das Schönste seien die kleinen, leisen Momente am Berg. «Wenn du dort oben um dich schaust und für einen kurzen, friedvollen Augenblick das Gefühl hast, Teil von diesem grossen Ganzen zu sein.»

Erste am Seil

In Erste am Seil zeichnen die Autorinnen mit 26 Porträts von Frauen aus aller Welt – Nives Meroi ist eine davon – die Geschichte des Frauenalpinismus nach. Hintergrundtexte vermitteln zudem einen Überblick über das Frauenbergsteigen von 1800 bis heute.

Caroline Fink, Karin Steinbach: Erste am Seil – Pionierinnen in Fels und Eis, Tyrolia, Innsbruck 2013, ISBN 978-3-7022-3252-8, Fr. 37.90

Nives Meroi

Nives Meroi wurde 1961 in der Nähe von Bergamo (IT) geboren. Als Jugendliche begann sie mit dem Bergsteigen und lernte ihren Mann und Seilpartner Romano Benet kennen. Seit Mitte der 1990er-Jahre reist das Paar in Kleinstexpeditionen zu Achttausendern. Von 1995 bis 2009 bestieg Nives Meroi ohne zusätzlichen Sauerstoff elf Achttausender. Im Jahr 2010 erhielt sie den Verdienstorden der italienischen Republik für ihre «aussergewöhnlichen Leistungen als Frau im lange Zeit männlich dominierten Höhenbergsteigen». Sie lebt in Fusine Laghi und betreibt mit ihrem Mann ein Bergsportgeschäft. Mehr unter www.nivesmeroi.it

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