Kletterpassfahrt über den Susten

« Halt auf Verlangen » wäre in einem Postauto voller Kletterbegeisterter am Sustenpass eine langwierige Sache. Es gibt nur wenige Übergänge in den Alpen, die eine vergleichbare Vielfalt von Klettermöglichkeiten auf so engem Raum bieten wie an der Strasse zwischen Innertkirchen und Wassen. Eine Auswahl.

« Das neuzeitliche Posthorn ruft. Einsteigen! Schon schaukelt die gelbe Kutsche am Gemeindehaus vorüber... Auf hoch-gewölbter Brücke gewinnen wir das rechte Aareufer, biegen beim Hotel ‹Hof› ( in Innertkirchen ) vom bisherigen Weg ab und rollen nun auf der neuen Sustenstrasse. » 1 Mit diesen Worten schickt der Autor des 1948 erschienenen kleinen Buches der Schweizerischen Alpenpost die Leserschaft auf die Pass-fahrt. Das Büchlein, herausgegeben zur Eröffnung der Strasse, freut sich über die technische Meisterleistung und Bedeutung des Sustens. Irgendwo auf der Passstrasse steht auf einem Felsen « In schwieriger Zeit dem Frieden geweiht », was sich auf die Zeit zwischen 1938 und 1945 bezieht, als der Susten vom Saumweg zur automobiltauglichen Strasse ausgebaut wurde – der « monumentale Schlussstein » für den alpinen Strassenbau, der die inneralpine Transversale zwischen Genfersee und Chur über Col des Mosses, Meiringen, Wassen, Schöllenen und Oberalppass vervollständigt.

Nächster Halt Tälli Wäre die « gelbe Kutsche » voll von Bergsteigern, würde bald klar, dass diese Strasse auch auf der europäischen Klet-

1 Die Angaben zur Geschichte und der Postautofahrt stammen aus Sustenpassstrasse, Schweizerische Alpenposten, PTT-Bern, 1948. Leihgabe aus Antiquariat von Piz Buch und Berg, Zürich, Tel. 01 240 49 49, www.pizbube.ch

terlandkarte eine Region von internationaler Bedeutung erschliesst. Bereits auf den ersten Kilometern, kurz nach dem Ort Fuhren, würde die Glocke beim Chauffeur zum ersten Mal klingeln.. " " .Von hier führt ein kleines Strässchen und anschliessend ein Wanderweg an der Tällihütte vorbei hoch zur Südwand des Tällistocks. Diese Kalkmauer ist rund 400 Meter hoch und sehr steil. So steil, dass ein Kletterer einer in der elften Seillänge des Klassikers Inwyler-Bielmeier ( 15 Seillängen, 6/A0 oder 7- ) entglittenen Trinkflasche nachschauen konnte, wie sie ohne die Wand zu berühren weit ausserhalb des Einstiegs aufschlug! Die besagte Route übrigens, die vor einigen Jahren vor allem an den Standplätzen mit Muniringen nachgerüstet wurde, gilt auch heute noch als eines der schönsten Ziele aus der Zeit des Prä-Plaisirkletterns.

Wer es gemütlicher mag, aber trotzdem durch diese eindrückliche Mauer steigen möchte, kann einen Kilometer weiter rechts eine Alternative benutzen: 1300 Meter Drahtseil, 78 Meter Eisenleitern sowie 550 Eisenstifte wurden in Fronarbeit vom Bergführerverein Haslital in der Wand der Gadmerflüe befestigt. Über den Tälli, den seit 1990 bestehenden, ersten schweizerischen Klettersteig, stiegen bis heute weit mehr als 15000 Personen zum Gipfel. Solche « Vie ferrate » werden aber nicht von allen gleich geschätzt. Kritiker bemängeln, dass diese Klettersteige – wie sie in der Schweiz immer häufiger anzutreffen sind – bisher von der Masse gemiedene, wilde Felspartien erschliessen und Wild und Vögel verdrängen. Die Tour von der gemütlichen Tällihütte über den ausgesetzten Steig und hinunter zum romantischen Engstlensee ist tatsächlich einzigartig. Auf dem Gipfel ist die Bergsteigerseele gespalten: Ohne Eisenzeug wäre der Weg eine exklusive Kletterpartie, mit Eisenzeug kann man aber eine eindrückliche Wand relativ problemlos durchsteigen und den imposanten Ausblick ohne grossen Stress geniessen.

Für Kletterfreaks: Wendenstöcke Wer auf der Passstrasse während der nächsten Kilometer seine Nase nicht an die Fensterscheibe drückt, kann kein Kletterfreak sein. Denn die weit oberhalb von Gadmen thronenden Wand-fluchten der Wendenstöcke suchen weltweit ihresgleichen. Unter den vielen Routen gelten Caminando ( 20 Seillängen, 7a+ ), Blaue Lagune ( 12 Seillängen, 7b+, expo ) oder der Sonnenkönig ( 20 Seillängen, 6b+ ) als besondere Leckerbissen für ambitionierte Sportkletterer. Der Zustieg und die Absicherung erfordern aber eine

Die Gebirgslandschaft am Sustenpass mit Steinsee, Steingletscher und Sustenhorn, Gwächtenhorn und Mittler Tierberg Fo to :J ür g v on Kä nel

gute Portion alpine Erfahrung und starke Nerven. Nachdrücklich warnt selbst die Postautoschrift vor mangelndem Respekt: « Auch Neuaufstiege lassen sich noch versuchen. Wohlverstanden mit Hammer und Mauerhaken! Beiss dir aber nicht die Zähne aus! Bedenke, dass du nicht der Erste bist, der an diesen Wänden nicht erreichte, was er wollte. » Genuss im Gneis Wer bis jetzt noch nicht ausgestiegen ist, entlarvt sich als Genusskletterer. Von nun an klettert man nicht mehr im steilen Kalk, sondern im Erstfelder Gneis. Seine Oberfläche ist sehr freundlich strukturiert. Die Füsse und Hände finden Halt auf Leistchen, Quarzbändern und an Schuppen. Zentraler Ausgangsort ist das Hotel Steingletscher. Dank der Nähe zum Gletscher, dem Susten- und Gwächtenhorn führt das Berner Amt für J+S von hier aus seit Jahrzehnten seine Bergsteigerkurse durch. Und es waren auch die in diesen Kurswochen engagierten Bergführer, die den neuen Trend realisierten: Jugendliche, die nicht unbedingt jeden Tag auf einen Gipfel stürmen wollten, sondern ebenso vom reinen Felsklettern begeistert waren. Allen voran die beiden Bergführer Daniel Anker und Hansjürg Müller ergriffen die Initiative und richteten am Feierabend mit Bohrmeissel und Haken für ihre Bergzöglinge eine Route nach der anderen ein. Der Jugend- und der Plattenweg ( beide 4/4+ mit 7 Seillängen ) sind die beiden ersten aus dem Jahr 1985 stammenden Klettertouren. In der Zwischenzeit wurden sie neu ausgerüstet. Links und rechts davon sind noch viele ähnlich schwierige Routen dazugekommen. Heute hat man rund um das Hotel Steingletscher die Qual der Wahl unter acht verschiedenen Klettergebieten. Die Palette reicht vom Kinderklettergarten in der Nähe des Gletschers bis hin zu den athletischen Routen am Pfriendler.

Der Glanz der Berner Kletterseite des Passes überstrahlte lange Zeit jenen der Urner Seite – wie früher in andern Gebieten. Gemäss der in der PTT-Schrift festgehaltenen Überlieferung waren die Bewohner des Meientals stets ärmer dran als die Gadmer, vielleicht, weil dieses Tal bedeutend enger und darum klimatisch rauer ist.

Der Tällistock ( 2579,. " " .6 m ) mit seiner absolut senkrechten Südwand. Der « Alpinklassiker », die Inwyler-Bielmeier-Route, führt etwas rechts der Gipfelfalllinie empor.

Von der Tällihütte, Ausgangspunkt für den Tälli-Klettersteig und die Kletterrouten, hat man einen guten Blick auf die beeindruckenden Wandfluchten des Tällistocks und der Gadmerflue.

Fo to :B er nh ar d v an Die ren don ck Fo to :B er nh ar d v an Die ren don ck Foto: Bernhard van Dierendonck DIE ALPEN 6/2002 Mit einer Postautofahrt am Susten lässt sich eine Reihe schönster Klettergebiete besuchen. Klettergarten Hell Sue Heister am « Goldregen-pfeiler », 6a– ( Sektor « Platten », Steingletscher ) Vom Himmelrank am Sustenpass: Blick auf den Sektor « Platten » ( Steingletscher ) Der Tiefblick vom Tälli-Kletter-steig ins Gadmertal ist beeindruckend.

Im Mittelteil des Tälli-Kletter-steigs. Im Hintergrund der Tällistock Fo to :J ür g v on Kä nel Fo to :J ür g v on Kä nel Foto: Jürg von Känel Fo to :B er nh ar d v an Die ren don ck DIE ALPEN 6/2002

A-Post am Brüggli Heute wird die Region von der Freizeitgesellschaft gleichmässig genutzt. Das kleine Strassencafé Sustenbrüggli bei der gleichnamigen Postautohaltestelle war lange nur unter Motorradfahrern bekannt. Selten kehrten hier Wanderer oder Bergsteiger ein. Heute wendet sich das Blatt. Die Motorrad fahrenden Gäste sind in der gemütlichen Holzhütte zwar immer noch in der Überzahl, doch die Kletterer holen mächtig auf. Denn nur wenige Meter hinter dem Lokal, im romantischen Talkessel, liegt eines der schönsten Bouldergebiete der Schweiz. Wer sich für die Kletterprobleme an den nur wenigen Meter hohen Felsenblöcken begeistern kann, findet hier Quergänge an scharfen Quarzleistchen, Sprünge von einem runden Griffchen zum nächsten oder knifflige Plattenstellen unmittelbar über der hochalpinen Wiese.

Tagesarbeit im Team Wie schnell ein neues Plaisirklettergebiet entstehen kann, hat im letzten Sommer eine Gruppe von 15 Bergführern, Bergführeraspiranten und -aspirantinnen gezeigt, die sich an einem Sonntagmorgen im Juli im besagten « Sustenbrüggli » getroffen haben. Als Vorbereitung für die darauffolgende Kurswoche wollen sie für ihre Gäste ein Klettergebiet einrichten. Andres Lietha, der Leiter der Gruppe, hat schon vorher eine dafür geeignete Felsgruppe rund hundert Meter über der Passstrasse entdeckt. Der einzige Haken sei der Zustieg – steil und schlammig, aber mit Fixseilen gut einzurichten. Rasch sind Bohrmaschinen, Akkus und Haken in die Rucksäcke verstaut, und einige Stunden später ist der Sustenpass um einen Klettergarten mit mehr als 30 top abgesicherten Routen zwischen 3a und 6b reicher. Plaisirautor Jürg von Känel, der auch mit von der Partie ist, kann bereits am nächsten Tag das ins Reine gezeichnete Topo präsentieren. Im selben Sommer ist etwas weiter oben, am Guferstock, ein weiteres Klettergebiet entdeckt worden ( vgl. S. 21 ). Es ist zwar nicht so « konsumentenfreund-lich » eingerichtet wie unten im Klettergarten. Dafür findet man an diesem sehr sonnigen Ort, wenns unten einmal überfüllt sein sollte, wieder zur Ruhe.

Vom Meien- ins Reusstal Bevor man mit dem Postauto endgültig den Sustenpass verlässt, sollte man auch die Sustli- und die Sewenhütte, beides SAC-Hütten, besuchen. Touren wie die Überschreitung des Trotzigplanggs ( 11 Seillängen, 4b ) oder der imposante Westgratturm am Sewenhorn ( 6 Seillängen, 4b ) sind gut gesicherte Klassiker im vierten Grad und nur zwei von vielen Möglichkeiten.

Und was finden die Pöstler vor mehr als 50 Jahren in Wassen vor? « Etwas verwundert betrachten wir nun diese berühmte Gotthardstrasse. Im Vergleich mit der neuen Sustenstrasse erscheint sie uns veraltet und fadenscheinig. In letzter Rückschau staunen wir die grauen Felswände an; wir fragen uns: Dort herunter kamen wir, aus jener schmalen Lücke, in welcher der Himmel blaut ?» a

Jürg von Känel, Reichenbach

Allgemeine Informationen

Führer von Känel Jürg: Schweiz plaisir Ost. Filidor Verlag, 2001. Mit allen neuen Klettermöglichkeiten. von Känel Jürg: Schweiz extrem Band 1. Filidor Verlag, 2001. Fullin Toni, Banholzer Andy: Clubführer Urner Alpen 3. SAC Verlag, 1999. Bereits etwas weniger aktuell.

Übernachtung/Kaffee/Transport Tällihütte: Tel. 033 975 14 10; bewartet von Juni bis Oktober. Klettersteigausrüstung kann in der Hütte gemietet werden. Die Bergsteigerschule « Castor » organisiert wöchentlich geführte Touren, Anmeldung unter Tel. 033 971 43 18. Camping Gadmen: geöffnet von 15. Mai–15.. " " .Oktober, Tel. 033 975 12 80 oder 033 975 12 30; www.camping-gadmen.ch. Kleiner Klettergarten in der Nähe. Hotel Steingletscher: Thomas und Jacqueline Michel, Tel. 033 975 12 22, geöffnet je nach Schneeverhältnissen ab Ende Juni bis Ende Oktober Sustlihütte SAC: Tel. 041 885 17 57 Sewenhütte SAC: Tel. 041 885 18 72 oder Tel. 041 871 28 19 Restaurant Sustenbrüggli: Agy Epp, Tel. 041 885 10 15 ( ab 15.5.2002 ) Postauto: Regionalzentrum Berner Oberland, Tel. 033 828 88 28 oder www.post.ch Auch das Bouldern braucht im Sustengebiet nicht zu kurz zu kommen. Stefan Lustenberger in einem 7b-Boulder.

Fo to :B er nh ar d v an Die ren don ck

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