Klettersteigsets: nichts für Leichtgewichte Wenn die Sicherheitsnorm gefährlich wird

«Benötigen Kinder ein spezielles Klettersteigset?» Es gibt Argumente dafür und dagegen – allerdings ohne seriöse Grundlagen. Nun hat die DAV-Sicherheitsforschung gemessen und eine heftige Debatte ausgelöst.

«Kinder sind keine kleinen Erwachsenen» – das ist eine Aussage, der man immer wieder begegnet: im Verkehr, beim Verbraucherschutz oder in der Medizin, wenn es um die Dosierung von Medikamenten geht. Bei den Normierungsbehörden für Bergsportausrüstung scheint der Fall allerdings ein wenig anders zu liegen. Die einschlägigen Normen für Klettersteigsets scheren alles über einen Kamm. Mit potenziell gravierenden Folgen, wie die DAV-Sicherheitsforschung herausgefunden hat.1 Für Personen mit einem Gewicht von weniger als 50 Kilogramm sind gängige Sets nicht geeignet.

Um es vorwegzunehmen: Bislang gibt es keinen dokumentierten Unfall, bei dem ein Kind an einem Klettersteig verletzt wurde, weil der Fangstoss eines Klettersteigsets zu hoch war. Dokumentiert sind dagegen Verletzungen einer etwa 50 Kilogramm schweren Frau, die von einem harten Fangstoss herrühren. Das mag daran liegen, dass Stürze am Klettersteig selten aus so grosser Höhe erfolgen, dass der Körper mit viel Fallenergie in die Bremse knallt. Zweitens können Stürzende wegen des am Fels entlanglaufenden Drahtseils so oft an die Wand schla- gen, dass ein Teil der Energie abgebaut wird – wobei auch hier mit Verletzungen gerechnet werden muss. Dennoch ereigneten sich 2008/09 ein Viertel aller Unfälle an Klettersteigen bei Stürzen in die Sicherung.

Um die Bremswirkung von Klettersteigbremsen zu testen, wurden schon 2002 sogenannte Normversuche (80 kg Fallmasse, Fallhöhe: 5 m) mit 55 Kilogramm «Eisen» durchgeführt. Die Reibbremsen (damals noch Bremsplatten mit durchgefädeltem Seil) zeigten bei 55 Kilogramm eine höhere Ansprechkraft (6,5 kN entsprechend ca. 650 kg) als beim 80-Kilogramm-Gewicht (4,8 kN). Es brauchte also mehr Belastung, bis die Bremse reagierte.

Will man die Bremsbeschleunigung dieser Stürze berechnen, kommt eine Formel ins Spiel, die man vielleicht im Physikunterricht gehört – aber wohl wieder vergessen – hat: F = m × a, das heisst: Kraft ist Masse mal Beschleunigung. Diese Erkenntnis Newtons lässt sich algebraisch umformen, sodass die Beschleunigung auf einer Seite der Formel allein steht: a = F/m, das ist Beschleunigung gleich Kraft geteilt durch Masse.

Konkret heisst dies: Beginnt eine Klettersteigbremse bei einer Kraft von 4,8 Kilonewton zu bremsen (F = 4,8 kN), so ergibt sich für einen Erwachsenen von 80 Kilogramm eine Beschleunigung von etwa 6 g, was etwa der doppelten Belastung entspricht, die Astronauten beim Start eines Space-Shuttles aushalten müssen.

Wird die Masse nun verkleinert, steigt die Bremsbeschleunigung. Ein Kind von 30 Kilogramm wird bei einer relativ hohen Ansprechkraft von 6,5 Kilonewton eine Beschleunigung von 21 g aushalten müssen, was mehr als der Belastung beim Abschuss des Schleudersitzes aus einem Kampfflugzeug entspricht.

Im Allgemeinen gilt, dass der menschliche Organismus eine Belastung von etwa 6 bis 12 g aushalten kann, ohne schweren Schaden zu nehmen. In Bezug auf Kinder gehen die Meinungen aber auseinander. Ein Mediziner der Safety Commission der UIAA meint, dass Kinder ein wesentlich flexibleres Skelett besitzen und Belastungen besser tolerieren als Erwachsene. Ein Biomechaniker hingegen äusserte mit Verweis auf die Physik Bedenken. 2010 machte sich ein Team um den deutschen Forensiker Prof. Dr. Jochen Buck vom Institut für forensisches Sachverständigenwesen ( IfoSa ) in München auf, diese Frage zu klären. In einer ersten Testreihe wurde einem 15 Kilogramm und einem 48 Kilogramm schweren Dummy ein Beschleunigungsmesser in den Kopf eingebaut. Jeder der Dummys wurde aus fünf Metern Höhe in sein Klettersteigset fallen gelassen. Eine Hochgeschwindigkeitskamera dokumentierte die Sturzverläufe, um die Sturzmechanismen zu erkennen (siehe Bilder). Mittels der gemessenen Beschleunigungen und der Einwirkdauer in der jeweiligen Sturzposition wurden die wahrscheinlichen Verletzungsmuster «herausgelesen».

Was rechnerisch zu erwarten war, bestätigten die Messungen: Je leichter die stürzende Person, desto höher wurden die auftretenden Beschleunigungen. Beim 48-Kilogramm-Dummy wurden Beschleunigungen des Kopfes zwischen dem 13- und 35-Fachen der Erdbeschleunigung gemessen, beim 15-Kilogramm-Kleinkinder-Körper sogar zwischen 43 g und 67 g. Über Zeiträume von wenigen Millisekunden toleriert der menschliche Körper zwar Beschleunigungen von bis zu 30 g. Je nach Konstitution und Dauer der Belastung kommt es aber zu schweren Verletzungen wie Schleudertraumen, Bandscheibenquetschungen, Wirbel- oder gar Genickbrüchen.

Unabhängig von der Anseilmethode wurde bei den Versuchen deutlich, dass vor allem bei waagerechter Sturzposition sehr hohe Beschleunigungen auf die Halswirbelsäule wirken – hier wurden auch die höchsten Werte gemessen.

Kurz gesagt heisst das: Im Klettersteigalltag sind herkömmliche Klettersteigsets für Personen unter 50 Kilogramm nicht geeignet. Je leichter eine Person ist, desto kritischer wird es, weil die Bremsen nicht mehr dämpfen. Denn bei den geringen Gewichten gehen die Reissnähte an der Bremse nicht mehr auf. So war der Bremsweg beim 48-Kilogramm-Dummy mit 16 bis 44 Zentimeter erschreckend gering. Beim 15-Kilogramm-Dummy betrug der Bremsweg sogar weniger als drei Zentimeter! Ohne die Dämpfwirkung der aufreissenden Bremsen werden die Beschleunigungen extrem hoch, und die stürzende Person erleidet einen massiven Fangstoss. Im ungünstigsten Fall kann es allein dadurch zum Genickbruch kommen.

Natürlich haben die Resultate der Tests bei Herstellern und den zuständigen Stellen für die Normierung für Aufregung gesorgt. Die Hersteller stellten sich Ende 2010 auf den Standpunkt, sie würden die Normen für Klettersteigsets erfüllen, ihnen seien die Hände gebunden. Diesen April dann aber zeigten die Hersteller an einer Sitzung der europäischen Normenkommission (CEN) Bereitschaft, die Probleme anzugehen, Andreas Lietha, Leiter Geschäftsbereich Hartwaren von Mammut, sagt: «Bis zur Änderung der europäischen Norm könnten bis zu zwei Jahre vergehen. Ein Antrag, die Aufreisslänge auf 1,75 Meter zu verlängern, liegt auf dem Tisch und sollte beim nächsten Treffen der Kommission verabschiedet werden.»

Eine Änderung auf diese Saison ist also nicht zu erwarten. Dies liegt auch daran, dass die Hersteller – auch wenn sie wollten – keine Sets verkaufen dürfen, die ausserhalb der europäischen Norm liegen, sonst drohen Klagen.

Bewegung scheint es auch auf internationaler Ebene zu geben. «Die Safety Commission des internationalen Bergsportverbands UIAA wird die entsprechende Norm UIAA 128 diesen Monat wahrscheinlich anpassen», sagt UIAA-Geschäftsführer Ingo Nicolay. Die Forderungen der DAV-Sicherheitsforschung sind jedenfalls klar: Entweder müssen gewichtsabhängige Bremsen gebaut werden, oder es müssen wesentlich niedrigere Ansprechwerte vorgeschrieben und dafür ein deutlich längerer Bremsweg zugelassen werden.

 

 

In schwierigen Passagen sichern

Bis der Markt reagiert, hilft bei leichten Personen in schwierigen, steilen Passagen nur eine zusätzliche Seilsicherung, wie sie vom SAC seit Jahren postuliert wird. Dazu werden leichte Personen klassisch nachgesichert. Hierfür reicht ein Gletscherseil (Halbseilstrang, 30 m). In weniger extremen Passagen kann auf die Sicherung verzichtet werden. In diesem Fall sollte ein Erwachsener direkt hinter dem Kind gehen, um dieses zu unterstützen und beim Umhängen helfen zu können. Abgeraten wird vom gleichzeitigen Hochsteigen am langen Seil. Die Gefahr, mitgerissen zu werden, ist hierbei zu gross.

Feedback