Konkurrenz beim Bergführen Höheres Risiko wegen grosser Gruppen

Schweizer Bergführer beklagen einen Auftragsrückgang. Grund: Ausländische Anbieter organisieren Hochtouren in der Schweiz oft günstiger. Und die Bergführer kritisieren, dass ausländische Führer wegen zu grosser Gruppen höhere Risiken eingehen. Augenschein vor der Einführung des neuen Gesetzes zu Risikosportarten.

Wer einen Bergführer für eine dreitägige Tour über Biancograt, Piz Bernina und Piz Palü sucht, hat die Qual der Wahl: Nicht nur haben viele Anbieter im In- und Ausland die klassische Tour im Programm. Es gibt auch sehr grosse Differenzen beim Preis (vgl. Kasten). erstaunt es kaum, dass die billigsten Angebote aus dem Ausland kommen. Etwa jenes des österreichischen Anbieters Alpin Pichler. Dort kann die Tour in einer Seilschaft mit zwei Gästen für umgerechnet Fr. 605.- pro Person gebucht werden. Wer dagegen mit einem Führer der Bergsteigerschule Pontresina gehen will, bezahlt für das Arrangement Fr. 980.-. Ein bisschen komplizierter und teurer wird die Sache, wenn man mit einem Privatführer unterwegs ist.

Auf www.traumberge.ch bietet Martin Vogel einen Tarif von Fr. 2235.-für drei Tage an. Führt er zwei Gäste, kommen 5% hinzu. Die Tour über den Biancograt schlägt damit pro Person mit rund Fr. 1170.- zu Buche. Er sagt: «Es stimmt, dass dies auf den ersten Blick teuer ist, vor allem wenn man die Tour alleine machen will.» Er habe auch schon erklären müssen, weshalb das so sei, er weise dann etwa auf die persönliche Betreuung hin. «Unsere Gäste, darunter viele aus Deutschland, sind bereit, unsere Tarife zu bezahlen.»

Gian Luck, Präsident des Bündner Bergführerverbands, legt grossen Wert auf die Feststellung, dass sich die Bergführer immer für «offene Grenzen» eingesetzt hätten. «Wir wollen ja auch im Ausland führen, auch der Austausch mit ausländischen Bergführern ist wichtig. Etwa beim Know-how.» Ein ausländischer Bergführer, der mit seinen Gästen im Tal sei, mache auch Werbung fürs Engadin und bringe Geld ins Tal.

Gian Luck beobachtet aber auch, dass «die Zahl der ausländischen Tourenanbieter im Engadin in den letzten Jahren stark zugenommen hat». Von München oder Mailand sei man schnell im alpinen Hochtal. Er schätzt, dass der Anteil der von Ausländern geführten Touren inzwischen rund die Hälfte ausmacht. Dabei würden auch Schweizer vermehrt ausländische Führer buchen. Um Schweizer Gäste anzuwerben, operierten einzelne ausländische Anbieter sogar mit einer Schweizer Adresse. Die Engadiner Bergführer mussten deshalb in den vergangenen Jahren einen «grossen Rückgang der Aufträge» hinnehmen, wie Luck sagt. Er schätzt den Rückgang auf 50%.

In Bezug auf die Ausbildung wird auch von ausländischen Bergführern ein international anerkannter Abschluss verlangt. Der lokale Führer kenne sein Gebiet natürlich wie seine eigene Hosentasche. Dies zeige sich bei zweifelhaften Wetterverhältnissen. «Da wenden sich die ausländischen Führer oft an die Einheimischen», sagt er, unter Bergführern helfe man sich gegenseitig, egal woher einer komme.

Hinzu kommt, dass der Druck auf die ausländischen Führer gross ist, die vereinbarte Tour auch bei ungünstigen Verhältnissen durchzuführen. «Der Druck, auf einen Gipfel zu gehen, ist weit höher, wenn man über Hunderte von Kilometern angereist ist.»

Weit mehr stört sich Luck aber daran, dass ausländische Tourenanbieter oft mit grösseren Gruppen unterwegs sind. Nur so könnten sie den Preis tief halten. Wenn aber jemand ins Rutschen kommt, seien Seilschaften mit vier und mehr Personen ein grosses Risiko. «Da führt man nur noch auf gut Glück», sagt Luck. Um konkurrenzfähig zu bleiben, hätten auch die Engadiner Führer bei einzelnen Touren die Gruppengrösse erhöht, räumt er ein. «Allerdings nur bei guten Verhältnissen. Wir stellen aber auch den Trend in die andere Richtung fest, die Gruppen werden wieder kleiner.» Dies, weil die Gäste mehr Wert auf die Qualität und die indivi­duelle Betreuung legten.

Im ganzen Alpenraum stellt man eine starke Zunahme von ausländischen Bergführern fest, wie Reinhard Zeitler, Genossenschaftspräsident der Zermatter Bergführer, sagt. «Zu uns kommen nicht nur immer mehr deutsche Führer, sondern auch solche aus England.» Die Konkurrenz habe sich verschärft, doch im Unterschied zu den Engadinern hätten die Zermatter Führer das Volumen halten können. Aber auch ihnen macht der Preisdruck zu schaffen. Zeitler weiss von ausländischen Tourenanbietern, die ihre Gäste für 700 bis 800 Franken aufs Matterhorn nehmen. Der offizielle Tarif beträgt 1100 Franken.

Unter den ausländischen Bergsportschulen bietet der deutsche DAV Summit Club regelmässig Touren in die Schweiz an. Laut Joachim Chwaszcza, Pressesprecher des Summit Club, haben im letzten Jahr 50 Schweizer ein Angebot des deutschen Tourenanbieters in der Schweiz gebucht. Chwaszcza rechnet damit, dass die Zahl der Schweizer Gäste weiter zunimmt. «Bis im Frühjahr dieses Jahres erreichten wir bereits die Hälfte der letztjährigen Schweizer Buchungen.» Kein Wunder, kostet doch beim Summit Club eine sechstägige Tour im Berninagebiet mit allem drum und dran 1390 Euro oder knapp 1700 Franken. Der offizielle Tarif für einen deutschen Führer liegt bei 245 Euro pro Tag.Die Tendenz, dass deutsche Bergsportschulen Schweizer Bergführer preislich unterbieten, ist auch dem Schweizer Bergführerverband (SBV) bekannt. «Mit dem deutschen Tarif kann ein Schweizer nicht leben», sagt Wolfgang Wörnhard, Geschäftsführer des SBV.

Um die Zulassung von Bergführern schweizweit zu vereinheitlichen und ein qualitatives Niveau von Outdoorangeboten zu gewährleisten, tritt ab Januar 2014 ein neues Gesetz über das Bergführerwesen und Anbieter weiterer Risikoaktivitäten in Kraft. Gewerbsmässig Touren anbieten dürfen demnach nur noch Führer, die über einen eidgenössischen Fachausweis verfügen. Für ausländische Führer besteht zudem eine Meldepflicht, wenn sie mehr als zehn Tage pro Jahr in der Schweiz tätig sind.

Zunächst hatte der Bundesrat die Frist auf neunzig Tage angesetzt. Der SBV hatte sich während der Vernehmlassung dafür eingesetzt, dass diese Frist auf zehn Tage reduziert wird. «Wir wollen damit nicht unnötige Hürden aufbauen, sondern die Sicherheit erhöhen», sagt Wörnhard. Entsprechend setzt sich der SBV auch für ein einfaches Meldeverfahren ein. «Wir schlagen eine für alle Kantone einheitliche Internetadresse vor.» Man sei mit allen Beteiligten, also dem Bundesamt für Sport und den Kantonen, in Kontakt, eine Lösung habe sich aber noch nicht ergeben, so der Stand bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe. Obwohl die ausländischen Bergführer oft mit kritischen Augen beobachtet werden, fühlen sie sich in den Schweizer Alpen wohl. Von einem angespannten Verhältnis zu ihren Schweizer Kollegen nehmen sie nichts wahr. Es sei zwar wie überall «ein gewisses Platzhirschdenken» vorhanden, schreibt ein österreichischer Führer, der oft in der Schweiz unterwegs ist. «Doch angefeindet werden wir von Schweizer Bergführern auf keinen Fall.» In Hütten finde «immer ein guter und kollegialer Austausch» statt.

Massive Preisunterschiede

Kosten pro Person für die Dreitagestour Biancograt, Bernina und Palü (Überschreitung, Führer plus 2 Gäste, inkl. Übernachtungen HP):

Preis CHF Anbieter

605.– Alpin Pichler, AT

662.– berg-touren.com, Alpach, AT

812.– Berg auf Berg ab, AT

950.– Alpinschule Alpine Welten, D

962.– Bergsportreisen Karl Hegele, D

980.– Bergsteigerschule Pontresina, CH

990.– Grischunalpin, Malix CH

1112.– x-alptours, AT

1375.– traumberge.ch, stei.li, CH

Verordnung über Risikoaktivitäten gültig ab 2014: www.baspo.admin.ch > Gesetz über Risikosportarten

Gegendarstellung

Falsche Angaben im Artikel "Konkurrenz beim Bergführen", Hans Honold, Geschäftsführer Alpine Welten (D)

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