Kulturelle Wanderungen im Piemont. Alagna, Prismell und Walser

Kulturelle Wanderungen im Piemont

Das von den Walsern besiedelte Prismell liegt südlich des Monte Rosa und wird von der gleichnamigen « Tour » berührt. Einmalig sind im nördlichen Piemont die wuchtige Gebirgslandschaft und der kulturelle Reichtum 1, der von den Prismeller Baumeistern über die Alpen getragen wurde.

Das Valle della Sesia/Seeschertal 2 ist sehr lang. Es windet sich von der Poebene zum Kamm der Penninischen Alpen. Ganz hinten, kurz vor den kolossalen Wandfluchten des Monte Rosa, befindet sich Alagna/ts Land, eine eindrückliche Ansammlung von 29 Weilern. Walser aus den benachbarten Tälern von Ayas, Gressoney und Anzasca haben es vor über 700 Jahren besiedelt. Ihre Spuren sind auch heute noch sehr präsent, vor allem in der originellen Architektur.

« Witte mu hed aswenn g'lebed im Land »

Wir stehen vor dem Walsermuseum 3 in Pedemonte/ts Kantmud und lesen laut diesen Satz, der nahe des Eingangs in ein Brett geschnitzt wurde. Darüber, wie man damals in Alagna gelebt hat, werden wir hier also mehr erfahren. Eine ältere Frau in einer blauweissen Schürze, die eine Plastikflasche mit dem herrlich kühl sprudelnden Brunnenwasser abfüllt, reagiert auf unser Entziffern: « Aha, er redut Titsch we wia », um gleich auf Italienisch zu erklären, dass hier eigentlich nur noch ein paar alte Leute der Walserrede mächtig seien. « Siamo gli ultimi, quando siamo partiti noi... » 4, und ohne den Satz zu beenden, zuckt sie mit den Achseln und geht zu ihrem prächtigen, mit eindrücklichen Leiternlauben umgebenen Haus, vor dem ein müder Hund döst. Hier im Prismell dominiert diese spezielle Architektur. Auf einem Sockel aus Bruchsteinen liegen die zwei bis drei Stockwerke hohen Kantholzblockbauten aus massiver Lärche, die dreiseitig mit weit auskragenden Lauben eingefasst sind. Diese werden durch ein waagrechtes, leiterartiges Lattenwerk begrenzt, das zum Trocknen von Heu und Getreide dient. Auf den eindrücklichen Firstbalken und Dachpfetten ruhen grob behauene Steinziegel. Die Häuser wirken zugleich wuchtig und luftig. In den Weilern sind sie oft sehr eng ineinander verzahnt und verschachtelt.

1 Vgl. ALPEN 3/2005 2 In der Folge sind die Flur- und Dorfnamen, so- fern vorhanden, zweisprachig in Italienisch/Walser-titsch wiedergegeben.

3 Walsermuseum, Pedemonte/ts Kantmud, I-13021 Alagna, Tel. +39 0163 922 935 4 « Wir sind die Letzten, sind wir einmal nicht mehr da... » Wegweiser auf dem Alencoll/ Aalingfurgga. Es ist nicht mehr weit bis ins Prismell. Blick auf die Punta Gnifetti/ Signalkuppe, 4554 m, vom Talboden bei der Alpe Pile hinter Alagna/ts Land Der Alencoll/Aalingfurgga mit dem Rifugio Vigevano Fotos: Bernhar d Rudolf Banzhaf

Kontraste

Ein Rundgang in Alagna/ts Land zeigt uns neben diesen alten, typischen Walser-häusern auch Steinbauten, Hotels aus der Belle Epoque und umfangreiche Investitionen in den Wintertourismus, die sich in einem grossen Parkplatz unterhalb des Dorfkerns und Schneisen zum Alencoll/Aalingfurgga hin manifestieren. Ansonsten macht Alagna auf den Fremden einen ruhigen, etwas verträumten Eindruck. In den lauschigen Gassen weht der Wind einer vergangenen Zeit, die kristallklare Sesia/d Seeschera rauscht, eine Katze schnurrt, ein Kanarienvogel singt seine Melodie. Im negozio, dem Dorfladen, wird über Gott und die Welt geredet. Eine Frau mit Kopftuch giesst die üppigen Hängegeranien am kolossalen Pfarrhaus, daneben im Café Unione trinken die Arbeiter ihr Glas Wein. Knapp ausserhalb des Dorfes springt ein kapitaler Hirsch über die Strasse. Beeindruckend sind die klimatischen Kontraste: Wenn es in Alagna, 1190 m, im Sommer feuchtheiss ist, so weht nur neun Kilometer nördlich auf der Punta Gnifetti, der Signalkuppe, 4554 m, eine eisige Brise um die Capanna Margherita. Das Tal wird optisch von der nahen und etwas düster wirkenden Felspyramide des Monte Tagliaferro, 2964 m, beherrscht.

Prismeller Baumeister

Das Prismell ist die Wiege einer berühmten Gilde von Baumeistern und Steinmetzen, welche nördlich der Alpen Grosses geleistet haben. Die Isenmann, Bodmer, Giger, Grober, Stainer, Heinz und Rongger waren Prismeller Bauleute. Deren Los war es, apud exteras nationes honesto sudore sibi victum quaerere – sich durch der Hände Arbeit in der Fremde das Brot zu verdienen –, wie Anton Isenmann es in Luzern verkündete. Der wohl berühmteste Prismeller Baumeister war Ulrich Ruffiner, der um 1480 in Rusa/ Fun d'Rufinu im Valle d' Olen oberhalb von Alagna geboren wurde. Ruffiner hat einige der markantesten Bauwerke des Wallis erschaffen, so u.a. die Kirchen von Raron, Ernen, Glis und Leuk, das Alte Stockalperhaus in Brig, das Rathaus in Leuk, das Maison du Diable in Sitten, aber auch Brücken wie die Bogenbrücke – « Schärtbrücke » – über die Binna in Aus- Pedemonte/ts Kantmud: Die Häuser sind eng beieinander, und typische Leiterlauben dominieren die Fassaden.

Ein wunderschönes Ensemble von gepflegten Walserhäusern in Pedemonte/ts Kantmud Pedemonte/ts Kantmud: Das ganze Dorf ist eigentlich ein Freilichtmuseum mit bewohnten und gepflegten Häusern Das Pfarrhaus in Alagna/ts Land: ein wuchtiges Gebäude Ein herrlicher Bergsee auf der Alp Larecchio/Val Vogna unterhalb des Spissiòcoll ( Colle Valdobbia ) serbinn und die Kinbrücke in Stalden. Er war vier Jahrzehnte lang Steinmetzmeis-ter, Ingenieur und Landesbaumeister im Wallis, sein Werkverzeichnis umfasst 35 bedeutende Bauten. Der sehr wohlhabende Ruffiner wird bis 1549 urkundlich erwähnt. Sein Todesjahr ist aber nicht bekannt, wohl aber die tragischen Todes-umstände. Gemäss dem Tagebuch des Basler Stadtarztes Felix Platter ist Ulrich Ruffiner nämlich vom Gliser « kirchthurn zu todt gefallen ».

Wie ein Freilichtmuseum

Westlich von Alagna zweigen zwei Seitentäler ab: das auf den Wintersport ausgerichtete Valle d' Olen/tsar Oltu und das Valle d' Otro/In Olter, das mit seinen wunderschönen Walserweilern In d'Follu, Dorf, Scarpia/Tsar Skorpiu, Ciucche/Fun Tschukke und Weng/Im Wenig an einem prächtigen Sonnenhang überrascht. Südlich von Alagna, bei Riva Valdobbia, zweigt das Val Vogna ab mit einer Strasse bis S. Antonio, wo sich eine schöne Kirche und eine sehr behagliche Pension befinden. Zu Fuss gehts nach Rabernardo, wo Hugo Carmelino, der einzige ständige Bewohner dieses Weilers, allein in seinem mächtigen Walserhaus lebt. Auf den Leitern über drei Stockwerke trocknet er für seine acht Kühe Heu, das er vorher mit der Sense gemäht und auf der Tschiffra, dem Tragkorb, zum Haus getragen hat. Ist das Heu trocken, wirft er es hinunter zum Stadel. Die Zeit scheint hier innezuhalten, obwohl fast alle Häuser sehr schön renoviert sind. Sie dienen als Ferien- und Wochenendbehausungen der nach Novara oder Mailand ausgewanderten Walser.

Tour Monte Rosa mit Alternative

Die Route der Tour Monte Rosa führt zwischen Ayas und Alagna über die Bätt-fòrkò ins Val de Gressoney und den Alencoll ins Valle della Sesia. Wegen der Erschliessung dieser beiden Pässe durch Schneesportpisten und Bahnen bietet sich eine lohnende, leicht südlicher gelegene Alternative an, auf der LK 1: 50 000, Blatt 294 Gressoney nachvollziehbar.

Val d' Ayas–Val de Gressoney: Von Resy, 2072 m, oder Champoluc, 1568 m, im Val d' Ayas steigt man über Crest zum herrlichen Walserdorf Cuneaz, 2032 m. Nach Lavassey, 2313 m, folgt eine steile Talstufe hinauf zum Péntecoll ( Colle di Hugo Carmelino, der einzige ständige Bewohner von Ra-bernardo/Val Vogna Der Dorfbrunnen in Pedemonte/ts Kantmud in solider Prismeller Steinmetzarbeit Die typische Leiterlaube eines Walser Alphauses auf der Alp Larecchio/Val Vogna Fotos: Bernhar d Rudolf Banzhaf Walsertitsch G'zoltJi 8 Prato Jousi häd g'lebed ainigu in ts Kantmud. Aford Viotti Stutti im kourt, bi sis hus, häd g'spolte holz. Fum da scho ïst er usser cheme brillu Jousi, olte und siache mo: « Du tuast schide, in dam ich muas hia sterbe !» Stutti häd mu untche-de: « Tua nuan ruawig sterbe, in dam gon ich trincke an bacher, ich umongai z'werchu darnoh !» Walserdeutsche Anekdote Prato Giovanni ( Jousi ) hat alleine in Pedemonte gelebt. Eines Tags hat Viotti Giovanni ( Stutti ) im Hof, neben seinem Haus, Holz gespalten. Da ist Jousi, ein alter und kranker Mann, herausgekommen und hat gebrüllt: « Du spaltest Holz, währenddem ich hier sterben muss !» Stutti hat ihm geantwortet: « Stirb nur ruhig, inzwischen gehe ich ein Glas trinken und werde danach weiter arbeiten !» Pintèr ) 5, 2777 m. Abstieg über Alpenzu, Pt. 1779 m, nach Gressoney-St-Jean/ Grussnai, 1385 m. Hotels, Restaurants.

Gressoney–Alagna: Von Gressoney flach nach Verdebiò ( Valdobbia ), 1379 m, danach steil im Lärchenwald hinauf zur Alp Tschalvretzo, 2032 m. Weiter in einem beschaulichen Tal zum Spissiòcoll ( Colle Valdobbia ), 2480 m, wo das Rifugio Ospizio Sottile zur Rast einlädt. Nun hinunter zur wunderschön gelegenen Alp Larecchio, 1900 m, und auf einem Maultierpfad zur Kirche von Peccia, 1529 m, im Val Vogna. Gleich dahinter links auf kleinem Hangweg vorbei an den prächtigen Walserdörfern von Le Piane, 1511 m, Cambiaveto, 1499 m, und Rabernardo, 1453 m, und hinunter zur Strasse bei S. Antonio, 1381 m. Unterkunft im ganzjährig geöffneten, mitt-wochs geschlossenen Rifugio Val Vogna, Fraz. S. Antonio, I-13020 Riva Valdobbia, Tel. +39 0163 91918. 6 a Bernhard Rudolf Banzhaf, Saas Fee 7 5 Die Namen in Klammern entsprechen den Bezeichnungen auf den Wegweisern. 6 Für die übrigen Etappen der Tour Monte Rosa vgl. Banzhaf Bernhard: Alpinwandern Wallis, SAC-Verlag, 2003 7 Der Autor dankt André Zurbriggen, Saas Fee, für die Unterstützung beim Besuch im Prismell.

8 Aus « di Walser zitung », Centro Culturale, Walser Gmai im Land, I-13021 Alagna In Le Piane/Val Vogna weist der etwas ergraute vierbeinige Begleiter den Weg zum nächsten Walserweiler. Auch in Le Piane/Val Vogna sind die grossartigen Walserhäuser eng zusammen gebaut und in sehr gutem Zustand.

Fotos: Bernhar d Rudolf Banzhaf

Bücher/Medien

Libri/Media

Livres /Médias

Cugini Glauco

Kletterführer Ticino e Moesano – Guida d' arrampicata – Topo d' escalade

SAC-Verlag, Bern 2006, ISBN 3-85902-253-9. Fr. 54.–, für SAC-Mitglieder Fr. 44.– Der neue dreisprachige Kletterführer aus dem SAC-Verlag führt zu 83 Klettergebieten im Tessin, Misox und Calancatal. Hatten die Denti della Vecchia schon früh einzelne Bergsteiger angelockt, hielt das moderne Sportklettern auf der Alpensüdseite mit der Eröffnung des Klettergartens Palestra di Roccia in der Nähe des Bahnhofs Bellinzona Einzug. Nach und nach kamen neue Wände dazu, und heute gilt das Tessin samt Misox und Calancatal als Eldorado für Kletterinnen und Kletterer aus ganz Europa.

Feedback