Kulturkampf auf der Kuhalp Kolumne

Die Zufahrt zur Wand endet vor zwei Alphütten. Im Führer ist ein Parkplatz eingezeichnet, Autos von Kletterern parken neben den Hütten im Gras. Keine Seele zeigt sich. Nach unserer Tour sitzen zwei Hirten vor der Hütte auf dem Bänklein, Pfeifen im Mund. Ich grüsse und gebe ihnen einen Fünfliber. Einer der beiden lacht: «Du bist der Allererste, der etwas bezahlt fürs Parkieren.» «In der Stadt gibts auch keine Gratisparkplätze», sage ich.

In den Alpen treffen Kulturen aufeinander. Für die einen sind sie Arbeitswelt und Existenzgrundlage, für die andern Freizeitarena – The Playground of Europe nach dem Titel des 1871 erschienenen Alpinklassikers des Briten Leslie Stephen. Ein Wunder der Toleranz eigentlich, dass die Begegnungen zwischen Alphirten und Alpinsportlern zumeist friedlich ablaufen. Klar gibt es hie und da einen Konflikt. Ein Cousin von mir, Besitzer einer eigenen Alp, kam vor Jahren in die Boulevardpresse, als er Gleitschirmflieger mit der Mistgabel aus seinem Reich vertrieb, weil sie den Frieden seiner Kühe störten. Beinahe handgreiflich drohte ein Streit mit einem Älpler zu werden, der einem Freund und mir mit seinem Subaru auf einer einspurigen Bergstrasse von oben entgegenkam und sich weigerte, ein paar Meter rückwärtszufahren.

Zwischen den Menschen, die im Berggebiet eingespannt in einen harten Arbeitsalltag leben, und jenen, die Entspannung und Freiheit suchen, liegen Welten. Schon dem Tödipionier Johannes Hegetschweiler aus Stäfa erschienen 1820 die Sennen auf der Sandalp in «Rauch und Schmutz» wie «Menschen aus einer andern Welt». Für die Gipfelstürmer zeigten sie wenig Verständnis. Die «Eroberung der Alpen» war, wie der Begriff deutlich macht, ein Projekt von Unterländern. Von den 35 Männern, die am 19. April 1863 in Olten den SAC gründeten, kam keiner aus dem Berggebiet.

Heute verteidigen allenfalls noch Herdenschutzhunde und Mutterkühe ihr alpines Territorium. Viele Alpen führen ein gastliches Beizli mit frischer Molke, Käse, Meringues mit Rahm und Kafi fertig. Als wir uns nach langem Aufstieg auf der Auernalp im Glarnerland vor die Hütte setzten, stellte der junge Senn ungefragt zwei Büchsen Bier vor uns hin: «Wer es bis hier herauf schafft, hat eines verdient.» Von Bezahlen wollte er nichts wissen, im Gegenteil. «Nehmt doch noch eins!» Wir verzichteten dankend, es lagen noch 1600 Meter Abstieg vor uns.

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