Kunstwerk Kletterroute

In der Abendsonne leuchtet der Felspfeiler rotgelb, mit schwarzen Streifen durchzogen, in der Höhe silbergrau. Geschafft. Welch ein Glücksgefühl! Unzählige Male schon diese Route geklettert, altbekannt und jedes Mal neu. Ein Kunstwerk. Golden Lady.

Es gibt zahllose Kletterrouten und täglich mehr, kein Ende in Sicht, den Überblick haben wir längst verloren. In der Fülle von Routen gibt es einige wenige, auf die der Begriff «Kunstwerk» zutreffen könnte. Kunstkritiker würden ihre Nasen rümpfen ob dieser Anmassung. Doch auch der Extrembergsteiger Robert Jasper sagt: «Für mich sind Kletterrouten eine Art Kunstwerk am Berg.»

«Den Fels lesen» ist ein Begriff, der mir gefällt. Den Mikrokosmos der von der Natur geschaffenen Formen lesen, die unendliche Vielfalt des Gesteins. Ein paar Haken, an passenden Stellen gesetzt, oder mobile Geräte, gut platziert, machen das Felsgebilde zur begehbaren Skulptur. «Einrichten» sagt der Erstbegeher bescheiden – «Intervention» würde es der Künstler nennen. Ein kleiner Eingriff in die natürliche Struktur macht sie zum ästhetischen Erlebnis. Schafft die Bühne für einen harmonischen Bewegungsablauf, den Tanz in der Vertikalen. Die Felsstruktur bestimmt die Choreografie. Als wäre sie vorgesehen in der Natur und wartete nur auf ihre Entdeckung.

Klettern auf einer solchen Route kommt mir vor wie das Betrachten eines Kunstwerks. Jedes Mal wird es zum Erlebnis, erfahre ich mehr von seinem Geheimnis. Ich kehre immer wieder zurück. Es gibt Routen, die ich viele Hundert Male geklettert bin. Sie gehören zu meinem Leben wie die Bilder an den Wänden unserer Wohnung. Ewige Wiederkunft des Gleichen – das wusste auch Nietzsches Zarathustra, ein Bergsteiger übrigens.

Wo Kunst ist, ist Dilettantismus nicht weit. Es sind die unzähligen Routen, die auch noch eingebohrt sein müssen, Meter neben Meter, bis das letzte Stück Fels «erschlossen» ist, obs Freude macht oder nicht. Der Name, unten angeschrieben, fantasielos in einem Lexikon zusammengesucht und ohne Bezug zur Linie. Einfach, weil es mit der Akkubohrmaschine so bequem und schnell geht, fast wie am Fliessband. Dass so keine Kunst entsteht, nur Massenware, liegt auf der Hand.

Feedback