Lässt sich der SAC über den Tisch ziehen? SAC-Stellungnahmen zu umstrittenen Projekten

Der SAC macht von seinem Recht als einspracheberechtigte Organisation bei relevanten Themen und Projekten des Berggebiets Gebrauch. (1)  Dabei wird ihm bei Erschliessungs- und Bauprojekten oft vorgeworfen, er sei in seinen Positionen « zu weich » oder er lasse sich sogar über den Tisch ziehen. Die Praxis zeigt, wie komplex die Fälle sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Einschätzungen eines Projekts durch die Lokalsektion/en und den Zentralverband häufig nicht deckungsgleich sind. Oft sind es direkte wirtschaftliche Abhängigkeiten bzw. Ängste, die den Ausschlag eher zugunsten eines Projektes geben – beispielsweise wenn ein Sektionsvorstand ein umstrittenes Projekt einer Gesellschaft, die Arbeitgeber etlicher Vorstandsmitglieder ist, beurteilen muss. Manchmal sind es aber auch unterschiedliche Auffassungen über die Schwere eines Eingriffes oder über die Auslegung der betroffenen Gesetze. Der Zentralverband ist bemüht, dass die schliesslich nach aussen vertretene SAC-Position möglichst auch von den Lokalsektionen unterstützt wird – auch wenn das manchmal nicht möglich ist. Nicht selten ist aber die Lokalsektion damit einverstanden, dass der Zentralverband eine härtere Haltung als sie selber vertritt und sie selbst gar nicht Stellung nehmen muss. Man kann dies als inkon-sequente Leisetreterei anprangern oder aber als helvetischen Pragmatismus einschätzen. Im Folgenden werden die SAC-Positionen zu zwei aktuellen Fällen im Lichte dieser Spannungsfelder beleuchtet.

Im Gegensatz zu allen Umweltverbänden hat der SAC keine Einsprache gegen dieses Projekt eingereicht. Er anerkennt zwar die Problematik des verfassungs-mässigen Moorschutzes, sieht aber den Auslegungsspielraum gegeben. Der SAC beurteilte deshalb einzig die Schwere des Eingriffs in den Naturraum und verglich diesen mit den von den KWO vorgeschlagenen Ersatzmassnahmen. Er beurteilte zwar den Eingriff sowohl in die Moorlandschaft « Sunnig Aar » als auch in das Gletschervorfeld als bedeutend, aber nicht so gross, dass er nicht bewilli-gungsfähig und mit guten Ersatzmass-nahmen kompensierbar wäre. Deshalb forderte er in seiner Stellungnahme 3 gegenüber der KWO und der Bewilli-gungsbehörde, dass die Ersatzmassnah-men gesamthaft und vollständig realisiert werden müssten. In diese Richtung wird auch das weitere Engagement des SAC bei diesem Projekt gehen, denn vor allem in Bezug auf die Qualität und Umsetzung der Ersatzmassnahmen gibt es gewisse Vorbehalte und Zweifel.

In den Gesprächen betonte die Lokalsektion Oberhasli die grosse wirtschaftliche Bedeutung der KWO und des Projekts für die ganze Randregion. Die KWO Das Gebiet nördlich der Britanniahütte ( VS ), wo neue Skilifte geplant sind – und der SAC nicht opponiert Foto: Matthias Gehri/zvg engagiert sich seit einigen Jahren stark im Berg- und Alpintourismus, unter anderem auch bei der Sanierung und Einrichtung von Kletterrouten. Der SAC-Zentralverband sieht durchaus die Gefahren, die mit der fast monopolartigen wirtschaftlichen Stellung der KWO im Oberhasli verbunden sind – öffentlich Kritik an der KWO zu üben, wie das etwa der Hüttenwart der Gelmerhütte tut, erfordert grossen Mut und ist mit Druck und Anfeindungen verbunden. Trotzdem steht der SAC dazu, dass er die KWO als Partner sieht, dem er zwar kritisch « auf die Finger » schaut, mit dem er aber in der Zusammenarbeit für die Region – sowohl für die Bevölkerung als auch für die Natur und Landschaft – mehr erreicht als in der Konfrontation.

Umweltverbände – und auch kritische Clubmitglieder – werfen dem SAC vor, dass sein Ja zum Erschliessungsprojekt des Chessjengletschers mit der Zusage seitens der Saas-Fee-Bahnen zu einer Stromversorgung der Britanniahütte erkauft worden sei – eine attraktive Möglichkeit, um für die hüttenbesitzende Sektion und die Hüttenwartin die um-weltunfreundliche Energieversorgung mit Dieselgeneratoren aufzugeben. Für den Zentralverband ist dieser Aspekt jedoch in keiner Weise ausschlaggebend gewesen: Der Zentralverband hat der Erschliessung des Chessjenkars unter der Bedingung zugestimmt, dass gleichzeitig langfristig und vertraglich festgehalten auf eine Erschliessung des ganzen Gebiets südlich des Grates Allalin–Feekopf– Alphubel verzichtet wird. (4)

Eine solche Regelung ist für den SAC zukunftsträchtig und wird auf gesamtschweizerischer Ebene mit dem Projekt « AlpenLand-schaf(f)t Zukunft » verfolgt: Der Tourismus soll auch weiterhin gewisse Er-schliessungsmöglichkeiten haben, dafür muss er sich langfristig auf Tabugebiete verpflichten.

Es « schleckt keine Geiss » – und auch keine Gämse – weg: Der SAC geht im Bereich Landschaft-, Natur- und Umweltschutz immer wieder Kompromisse ein, die angreifbar sind – und zwar von der Schutz- und der Nutzerseite. Es wäre vermessen zu behaupten, dass sich alle Entscheide des SAC im Rückblick oder in langfristiger Perspektive als vollkommen richtig erwiesen haben oder erweisen werden. Im Spannungsfeld von Nutzen–Schützen einerseits und dem Streben nach einer ausgewogenen, kompromiss-bereiten Haltung andererseits besteht das Risiko, sich durch Sonderinteressen in eine bestimmte Richtung – etwa zu stark nutzungsorientiert – zu bewegen. Insgesamt aber ist diese Art der Beurteilung nichts anderes als praktisch versuchte und gelebte Nachhaltigkeit. Diese beruht ja auf der Maxime, dass bei jeder Beurteilung die ökologischen, ökonomischen sowie gesellschaftlich-sozialen Aspekte gleichberechtigt und gleichwertig betrachtet werden müssen. Deswegen halten wir den Kritikern aus den verschiedenen « Lagern » entgegen: Nicht der SAC muss über die Bücher mit seinem Kurs, sondern jene, die sich einseitig auf eine Ecke des Nachhaltigkeitsdreiecks positionieren, müssen sich fragen, ob sie den Kriterien der Nachhaltigkeit wirklich standhalten!

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