Lawinenunfälle mit mehreren Verschütteten. Lösungsansatz: Mikrosuchstreifen

Lawinenunfälle mit mehreren Verschütteten 1

Bei Lawinenunfällen mit ganzverschütteten Personen, die nicht durch sichtbare Teile geortet werden können, muss in der Kameradenrettung die Suche mit LVS vorgenommen werden. Bei diesem Wettlauf gegen die Zeit kann die Suchtechnik entscheidend sein. Erläutert wird hier das praktische Vorgehen der Mikrosuchstreifen als systematische Suchhilfe bei mehreren, nahe zusammen-liegenden Verschütteten.

Eine Analyse von 466 durch Skifahrer ausgelösten Lawinen in der Schweiz in den Wintern 1970/71 bis 1998/99, welche 698 Skifahrer komplett verschüttet haben, zeigt eine erstaunlich hohe Anzahl Fälle mit mehreren Verschütteten.

1 Der folgende Beitrag ist eine stark gekürzte und vereinfachte Fassung einer Präsentation am International Snow Science Workshop 2002. Die ungekürzte Fassung kann unter www.genswein.com kostenlos bezogen werden.

Die Untersuchungen konzentrierten sich auf Verschüttete, die nicht durch sichtbare Teile geortet werden konnten und somit das Kriterium für die LVS-Suche klar erfüllen.

Werden alle Lawinenereignisse herbeigezogen, ist der Anteil jener Lawinen, die mehrere Personen so verschütten, dass sie nicht durch sichtbare Teile aufgefunden werden, sehr klein. Wenn aber eine LVS-Suche notwendig wird – da die Verschütteten nicht sichtbar sind –, dann ist der Anteil der Mehrfachverschüttung bedeutend höher als bis anhin angenommen. Für Lawinenunfälle bei Tourenaktivitäten mit Verschütteten, die nicht durch sichtbare Teile geortet werden können, liegt der Anteil mit mehreren Verschütteten bei 35%. Verglichen mit der Gruppe der Variantenfahrer ist die Gruppe der Tourenfahrer bedeutend öfter von Unfällen mit mehreren Verschütteten betroffen. Dies liegt hauptsächlich daran, dass sich Skitourenfahrer öfter als Variantenfahrer in ungünstig grossen Gruppen bewegen.

Der überraschend hohe Anteil von mehreren Verschütteten muss bei der LVS-Ausbildung, bei LVS-Tests, bei der zukünftigen Entwicklung von LVS sowie bei spezialisierten Trainingsmitteln berücksichtigt werden.

Suchstrategien für mehrere Verschüttete Die LVS-Suche nach mehreren Verschütteten stellt sowohl Laien als auch professionelle Retter immer wieder vor eine schwierige Aufgabe.. " " .Verschiedene Hersteller empfehlen unterschiedliche LVS-technologiespezifische Suchverfahren, was ausbildungstechnisch anspruchsvoll und zeitaufwändig ist. Das hier vorgestellte Suchverfahren beinhaltet einerseits die konsequente Analyse der Verschüttetensituation und andererseits eine systematische Vorgehensweise, die situations- und geräte-unabhängig immer gleich angewendet werden kann.

Systematische Situationsanalyse Ein zentraler Punkt bei der Suche nach mehreren Verschütteten ist die Erfassung der Gesamtsituation mit der zentralen Frage: « Wie viele Verschüttete befinden sich in welchem Radius ?» Da diese Information jeweils nur relativ zu einem geografischen Standort ihre Gültigkeit hat, ist diese Evaluation ein fortlaufender Prozess.

Beim Betrachten der Fig. 1 sieht man den Retter bei der Annäherung an drei Verschüttete. Der Dreifachton gibt Auskunft über die Anzahl der Verschütteten und die Distanzanzeige bzw. die Einstellung der Lautstärkestufe bei reinen Ana-loggeräten einen groben Hinweis auf den Radius, in dem sich diese Verschütteten befinden. Nähert sich der Retter dem Verschütteten 1, so wird er am Schluss nur noch einen « Beep»-Ton hören ( vgl. Fig. 2 ). Er weiss nun, dass sich in unmittelbarer Umgebung dieses Ver-

Beep Beep 3 Verschüttete befinden sich im Radius von etwa 10 m. Um zum nächstliegenden zu gelangen muss ich geradeaus gehen.

10 Beep Beep Im Umkreis von etwa 2 m befindet sich nur ein einziger Verschütteter.

1.8 Beep 2.0 Im Umkreis von etwa 2 m befinden sich 2 Verschüttete.

Beep Fig. 1 Fig. 2 Fig. 3 V 1 V 3 V 2 V 1 V 1 V 2 V 2 V 3 V 3 DIE ALPEN 12/2002

schütteten keine weiteren Verschütteten befinden. Anders verhält es sich bei der Ortung der Verschütteten 2 und 3 ( vgl. Fig. 3 ). Obwohl nur noch eine kleine Distanz angegeben wird, bzw. eine sehr kleine Empfindlichkeit eingestellt ist, sind immer noch zwei Beeptöne zu hören. Der Retter weiss nun, dass sich zwei Verschüttete unmittelbar in seiner Umgebung befinden müssen.

Problemanalyse Liegen die Verschütteten in verschiedenen Suchstreifen, werden sie vom LVS jeweils nicht gleichzeitig empfangen. In dieser Situation besteht zwar auf dem Lawinenfeld eine Mehrfachverschüttung, in Bezug auf das Vorgehen mit dem LVS handelt es sich jedoch um mehrere Einfachverschüttungen. Liegen zwei Verschüttete innerhalb der Emp-fangsreichweite ziemlich weit auseinander, ist die Situation relativ leicht zu lösen. Das Hauptproblem liegt eindeutig in der Situation, in der mehrere nahe beieinander liegende Verschüttete zu lokalisieren sind ( Fig. 4 und 5 ).

Systematische Suchhilfe Mikrosuchstreifen sind eine systematische Suchhilfe bei mehreren nahe zu-sammenliegenden Verschütteten. Praktisches Vorgehen: Der Retter analysiert wie üblich die Anzahl der Verschütteten in einem bestimmten Radius. Je mehr Verschüttete vorhanden sind und je kleiner die Fläche, in der sie sich befinden, desto kleinere Mikrosuchstreifen sind zu wählen – das Suchmuster wird demzufolge feinmaschiger ( vgl. Fig. 6 ).

Die gewöhnliche Mikrosuchstreifen-breite liegt zwischen 2 und 5 m. Während der Suche auf den Suchstreifen wird das LVS oberflächennah immer in derselben Position gehalten. Dabei wird die Veränderung der Lautstärke bzw. der Distanzanzeige stets genau analysiert. Die eigentliche Ortung erfolgt durch klassisches Einkreuzen im orthogonalen Suchsystem. Auch hier soll die Geräte-orientierung strikte beibehalten werden. Die Grösse der Fläche, die mit dem Mikrosuchstreifenmuster abgesucht wird, bestimmt sich wie folgt: Nehmen die Distanzanzeigen nur noch zu bzw. die Lautstärke der Analogtöne nur noch ab, so hat der Retter das Ende der abzu-suchenden Fläche erreicht.

Ist eine Richtungsanzeige vorhanden, so soll sie in dieser Suchphase komplett ignoriert werden. Mehrere nahe beieinander liegende Verschüttete produzieren Feldlinienmuster, die das Folgen einer einzelnen Feldlinie verunmöglichen. In Situationen mit mehreren Verschütteten hüte man sich, vom systematischen Ansatz abzuweichen und sich durch « offensichtliche » Zielangaben oder Eindrücke ablenken zu lassen. Bei mehreren nahe zusammenliegenden Verschütteten ist die Situation derart komplex und verwirrend, dass solche Ausbruchversuche meistens in Verwirrung und unnötigem Zeitverlust enden.

Manuel Genswein, Meilen a Stephan Harvey, SLF

Ampli

Zeit Ampli

Zeit

Beep Beep Beep Mehr als 3 Verschüttete befinden sich im Radius von etwa 12 m. Ich wähle ein ganz enges Suchraster.

12 Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Beep Fig. 4 Mehrere Sender werden mehr oder weniger gleich stark empfangen. Damit fehlen eindeutige Kriterien, um die Signale eines bestimmten Senders von den anderen sauber zu trennen. Fig. 5 Ein Sender ist im Verhältnis zu den anderen viel lauter. Damit ist es wesentlich einfacher, dieses Signal von den anderen zu isolieren und die bewusste Suche nach einem bestimmten Verschütteten aufzunehmen.

Fig. 6 DIE ALPEN 12/2002

er Grabhügel des Königs Antiochos I. von Kommagene liegt auf über 2000 m Höhe am Rand des Himmels, dort, wo die Wolken beginnen.

Traumlandschaft in Anatolien

Denke ich an den Nemrut zurück, sehe ich, wie die grosse Scheibe des Vollmonds der Landschaft blasse Formen verleiht. Der Zauber dieser Stätte ist unbeschreiblich – eine unwirklich scheinende Traumlandschaft von einmaliger Ausstrahlung. Ich befinde mich im südöstlichen Anatolien ( dem türkischen Kurdistan ), der Region, die sich vom Berg Ararat an der Grenze zwischen Türkei, Iran und den Staaten der früheren Sowjetunion bis zu den Ebenen des früheren Mesopotamiens ausdehnt, von der Bergkette des Taurus bis zur irakischen Hochebene. Der Berg Nemrut liegt im Herzen Kurdistans, dem Land der Kurden. Seit vier Jahrtausenden wird es von diesem ursprünglich indoeuropäischen Volk bewohnt, das der indoiranischen Sprachgruppe angehört und im 7. Jahrhundert nach Christus zum Islam sunnitischer Ausprägung bekehrt wurde. Bis heute hat es seine Sprache sowie seine kulturellen und sozialen Traditionen stolz bewahrt.

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T E X T / F O TO S Alessandra Meniconzi, Bidognio

Fo to :A le ss an dr a M eni con zi DIE ALPEN 12/2002

Der Nemrut im Herzen Kurdistans

Kurdistan, aufgeteilt zwischen der Türkei, Iran, Irak, Syrien und Armenien, ist reich an archäologischen Zeugnissen. Meine Reise in kurdische Gebiete hat aber ein bestimmtes Ziel,das man als achtes Weltwunder bezeichnen könnte: jenes erstaunliche Grabmal, das in den letzten 50 Jahren vor Beginn der christlichen Zeitrechnung von Antiochos I.erbaut wurde.. " " .Antiochos I.war der machtbe-sessene König von Kommagene, dem Pufferstaat zwischen Römischem und Persischem Reich. Die Kultstätte wurde auf dem höchsten Punkt des imposanten Bergs Nemrut errichtet. Der Zugang ist nicht einfach, man benötigt mit dem Rad mehrere Stunden auf einer Strasse, die bis auf 2150 m ansteigt. Der Berg steht in einem Nationalpark, der auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgeführt ist.

Labyrinth von Bergen und Tälern

Wir entschliessen uns, von Siverek aufzubrechen, einem 80 km vom Eingang des Nationalparks entfernten Städtchen. Frühmorgens fahren wir los, in der Hoffnung, so der Sommerhitze zu entgehen. Doch schon in den ersten Morgenstunden macht sich die starke Einstrahlung bemerkbar. Wir nähern uns dem Berg mit unseren Fahrrädern: ein ständiges Auf und Ab, zunächst noch auf einer ausgezeichneten, asphaltierten und wenig befahrenen Strasse. Schweissgebadet erreichen wir nach zwei Stunden den durch den Atatürk-Staudamm gebildeten

Schon fast im Himmel, auf einer Höhe von über 2000 Metern, auf dem Gipfel des Nemrut, steht das Grabmal mit dem Kopf von Antiochos I., dem König von Kommagene.

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See. Langsam bringt uns eine Fähre, bis zum Rand beladen mit Autos, Bussen, kleinen Lastern, Motorrädern, Männern, von schweren schwarzen Tüchern verschleierten Frauen, alten Menschen und lebhaften Kindern ans andere Ufer.

Die Hitze erschlägt uns.. " " .Wir beginnen den anstrengenden, ermüdenden Anstieg – die Strasse schlängelt sich auf weite Strecken über äusserst steile Hänge hoch. Das Gewicht des Gepäcks zwingt uns, die Fahrräder zu stossen. Brüsk führt der Weg von einer Bergflanke zur anderen. Wir gelangen zum letzten Dorf. Von nun an weicht der Asphalt einer schrecklichen Mischung von gröbstem Blockschotter, der uns – zusammen mit der erbarmungslosen Steigung – die letzten Kräfte abfordert. Nach einer Fahrt durch ein Labyrinth von Bergen und Tälern erreichen wir den Gipfel und beschliessen, erschöpft von diesem Tag, bald schlafen zu gehen. Eingemummt in unsere

Fo to s:

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Schlafsäcke, verbringen wir die Nacht unter den Sternen und einem Vollmond, der die grenzenlose Weite dieser Szenerie bescheint.

Tagwache um drei Uhr morgens. Wir lassen die Fahrräder zurück und begehen noch schlaftrunken, einer hinter dem anderen, den steinigen und rutschigen Weg. Die nächtliche Wanderung bringt uns zum Grabmal des Antiochos auf dem Berg Nemrut, das tagsüber oft von vielen Touristen besucht wird.

Kahle Schönheit der Szenerie

In eine unwirkliche Stille eingetaucht, die nur vom Geräusch unserer Schritte durchbrochen wird, geniessen wir die Naturschönheiten, die sich dem Weg entlang offenbaren. Die Finsternis verschluckt die Profile der Berge vollständig. Mit Mühe machen wir den Taurus aus, jene wunderbare Bergkrone mit ihrer Myriade von Brauntönen, die sich, so weit das Auge reicht, ausdehnt. Kalk-und Schiefergesteine, die sich auf einem tiefen Meeresboden gebildet hatten, wurden im Lauf der Zeit in die Höhe gedrückt, bis sie zu Bergketten wurden. Mittendrin erhebt sich der einsame Nemrut in diesem atemberaubenden Labyrinth von Bergen, die sanft von seinen Füssen abfallen. Kahle, trockene Erde, trostloses und in seiner unbegrenzten Weite doch so berührendes Panorama...

Der Nemrut Dag, der zum Massiv des Anti-Taurus gehört, ist mit seinen 2150 Metern die höchste Erhebung

Die Kurden sind von alters her in erster Linie Hirten.

Ein Labyrinth von braunroten Bergen und wilden Tälern verbarrikadiert den Zugang zum Nemrut, mit seinen 2150 Metern der höchste Berg Nordanato-liens.

Der Liebreiz der kargen Landschaft kann die Armut der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung nicht überdecken.

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des nördlichen Mesopotamiens und liegt im Tal des Euphrat.. " " .Es ist ein äusserst bewegendes Gefühl,an diesem Ort nackter Schönheit zu stehen und die Sonne über dem biblischen Euphrat aufgehen zu sehen,der langsam durch die unendliche Ebene fliesst; zu sehen, wie das Amphitheater der blossen, im Nichts stehenden Berge von tausend Variationen von Lilatönen beleuchtet wird, ein suggestiver, begeisternder und atemberaubender Moment.

Das Grabmal von Antiochos I. überrascht uns plötzlich hinter einem konischen Felsvorsprung. Das funkelnde nächtliche Himmelsgewölbe taucht den einzigartigen Grabhügel mit seinen Zwillingstempeln in ein magisches Licht.. " " .Hier befinden sich jene majestätischen,archaischen Statuen, die von fernen Zeiten und dem Ruhm des grossen Herrschers zeugen. Es ist ein einzigartiger Anblick: Die mächtigen Statuen ragen wie stumme Wächter auf, welche die sterblichen Überreste des Königs behüten. Jeder Ort hat seine Faszination, eine natürliche und gleichzeitig eine kulturelle Ausstrahlung. Hier trifft man auf ein Menschenwerk, das im Einklang mit der Schöpfung der Natur spektakulär wirkt.

Die kurdische Bevölkerung unterteilt sich in nomadische, halbnomadische und sesshafte Stämme, die sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land leben. Die Kurden widmen sich hauptsächlich der Schafzucht und der Landwirtschaft.

Schafmilch ist eine ausgezeichnete Proteinquelle.

Fotos: Alessandra Meniconzi DIE ALPEN 12/2002

Ausdruck göttlicher Natur

Antiochos I. glaubte, göttlicher Natur zu sein, und so liess er, um seine Grösse und Macht auszudrücken, sein Grabmal auf dem höchsten Gipfel des Gebietes errichten. Rund um einen künstlichen, 50 Meter hohen Grabhügel wurden drei grosse Terrassen und ein Pantheon riesiger Statuen von Göttern und Helden des Olymps angebracht, mit denen sich der König nach seinem Tod zu vereinen hoffte. « Ich, grosser König Antiochos I., ordnete den Bau dieser Tempel, der Zeremonienstrasse und der Götterthrone an; ihre Fundamente werden nie zerstört werden, und damit beweise ich meinen Glauben an die Götter. Am Ende meines Lebens werde ich hier in die ewige Ruhe eingehen, und mein Geist wird im Himmel mit jenem von Zeus zusammenkommen ». Das Grabmal wurde von seinen Erbauern als « Wohnsitz aller Götter nahe bei den Thronen des Paradieses » bezeichnet. Es war nur bei der lokalen Bevölkerung bekannt, die es als den legendenumwobenen Sitz ihrer antiken Könige verehrte, und wurde erst 1881 von einem ottomanischen Geologen auf der Durchreise entdeckt. Als er während Erkundungen in der Region auf dem Gipfel des Berges anlangte, befand er sich plötzlich vor einer Parade von gigantischen Statuen.

Ein Mausoleum mit 360-Grad-Panorama

Der Nemrut Dag blieb bis zu Beginn der archäologischen Arbeiten voller Rätsel; diese begannen erst 1953 mit der Ausführung des Projekts der American School of Oriental Research. Die Geschichte des Nemrut geht auf das kleine Reich von Kommagene zurück, das den Seleukiden entrissen wurde, als Antiochos I. auf seinen Vater Mitri-date I. Callinicus folgte. Seine Mutter gehörte dem Volksstamm der Parther an; ihr Sohn festigte die Sicherheit seines Reichs mit einem Nichtangriffspakt mit Rom. Sein Machtgebiet, eine Region von grosser strategischer Bedeutung, wurde so zum Pufferstaat gegen die Angriffe der Römer und der Parther. Es gibt nur wenige historische Zeugnisse zum Reich von Antiochos, und man erinnert sich vor allem wegen seines Grabmals an ihn. Der monumentale Komplex gehört zu den am besten erhaltenen und wichtigsten der späten hellenistischen Periode, aber er ist auch der unbekannteste ganz Kleinasiens. Das Mausoleum, das eine Fläche von über 26000 Quadratmeter umfasst, geht auf die Mitte des 1. Jahrhunderts vor Christus zurück und wurde von Antiochos I. erbaut, um eine 360-Grad-Sicht auf die Landschaften zu haben, die sein Reich ausmachten.

Das Gebiet wird von Kurden bewohnt, einem Volk indo-europäischer Abstammung, das sich im 7. Jahrhundert n. Chr. zum sunniti-schen Islam bekannte.

Die Reliefs stellen die Ahnen des Königs mütterlicher- und väterlicherseits in den Kleidern ihrer Zeit dar. Auf der Rückseite waren die Reliefs angeschrieben, so dass die Personen identifizierbar waren.

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Ale ss an dr a M eni con zi DIE ALPEN 12/2002

Neun Meter hohe Grabstatuen

Drei verschiedene Zugänge verbanden das Land darunter mit dem Kultort, und jeder führte zu einer anderen Terrasse. Die im Westen, Osten und Norden angelegten Terrassen erstrecken sich am Fuss des rund fünfzig Meter hohen, konischen Grabhügels, der aus Felstrümmern aufgebaut wurde. Man nimmt an, dass sich unter den Tausenden von Felsstücken, die ursprünglich 75 Meter hoch aufragten, die Grabkammer mit dem Leichnam und seinem Grabschatz befinden. Auf den zwei Terrassen im Osten und Westen stehen fünf acht bis neun Meter hohe Grabstatuen; allein ihre Köpfe, die heute wegen der zahlreichen Erderschütterungen in diesem Gebiet am Boden liegen, sind gegen zwei Meter hoch. Bevor sie umfielen, befanden sich auf dem Thron neben Antiochos griechisch-römische Götter, persische wie die Fruchtbarkeitsgöttin Commagenia, dann Göttervater Zeus, der Sonnengott Apoll, der Gott der Kraft Herkules, weiter Statuen von Löwen und Adlern als Wächter des Ortes, die Kraft und Unsterblichkeit symbolisieren. Auf der Seite der Tempel standen Mauern mit Reliefs, in die Figuren seiner Vorfahren graviert waren, die Königs-prozessionen des antiken Persiens und Griechenlands, das erste griechische Horoskop in Form eines Löwen – das älteste überhaupt, das man heute kennt.. " " .Auf dem hinteren Teil der Stelen befinden sich Einschriften der Thronfolger der Seleukiden, Makedonier und Perser von Alexander dem Grossen bis zu Darius I. Auf der Rückseite der Throne wiederum ist einer der längsten griechischen Texte eingraviert, welche die an diesem Ort abgehaltenen rituellen Zeremonien erklärt.

Geheimnisvolle Atmosphäre

Der Zauber dieses unvergesslichen Ausflugs endet mit dem Untergehen der Sonne, mit dem magischen Dämmerlicht auf den Statuen. Der Sonnenuntergang verleiht dem Himmel Orangetöne und umhüllt Berge und Felsen. Der Gesang und die Tänze einiger kurdischer Touristen bergen Echos aus der Vergangenheit und lassen eine geheimnisvolle Stimmung aufkommen, die auch das eifrige Kommen und Gehen der Touristen nicht auslöschen kann. Das ganze Grabmal mit seinem metaphysischen Hintergrund atmet eine besondere, geradezu magnetische Atmosphäre. Ein idyllischer Ort mit der Erinnerung an einen unvergesslichen Tag in einer Gegend, die den glücklichen Reisenden vom ersten Augenblick an faszinieren wird. a

Aus dem Italienischen von Christine Kopp, Unterseen

Der Eingang zum Mausoleum von Wachposten bewacht, welche die Aufgabe hatten zu kontrollieren, ob die Besucher mit guten Absichten kamen. Im gegenteiligen Fall wurden sie von Apollo und Herkules mit Tausenden von Pfeilen beschossen.

Diese Löwenstele mit dem Horoskop befindet sich auf der westlichen Terrasse.

Löwe und Adler, Symbole der Kraft und der Unsterblichkeit, wachen über die sterblichen Überreste von König Antiochos I.

DIE ALPEN 12/2002

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

Storia, cultura, letteratura alpina

Histoire, culture et littérature alpines

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