Leben in Gelb Der Everest des Pascal Bourquin

Der Jurassier ist auf einer verrückten Mission: Er will die 65 813 Kilometer des Schweizer Wanderwegnetzes ab­laufen. Er will das Projekt 2041 abschliessen. Die Schweiz ­feiert dann 750 Jahre Eidgenossenschaft und Pascal Bourquin wird 75 Jahre alt sein.

Der Mann ist beeindruckend: fast zwei Meter gross, Hände wie Schaufeln und eine Stimme, die über die ganze heimatliche Jurakette zu hören sein dürfte. Der 50-jährige Pascal Bourquin ist ein Spitzenbergsteiger, obschon er das nie direkt zugeben würde. Im letzten Jahrzehnt beendete er zweimal den Ultra Trail du Mont-Blanc und einmal die Petite Trotte à Léon (290 km mit mehr als 26 000 Höhenmetern). Zudem bewältigte er mit Séverine Pont Combe die Patrouille des Glaciers und steckte seinen Pickel auf dem Mont Blanc, dem Matterhorn, der Dent Blanche, dem Aconcagua und vielen anderen ein. Es war in den Anden, auf 6000 Metern, als sich Pascal Bourquin vor ein paar Jahren jene Frage stellte, die sein Leben verändern sollte.

Eine einzigartige Leistung

«Ich bin ehemaliger Spitzensportler. Ich liebe die Herausforderung, die Leistung», gesteht Pascal Bourquin. «Eines Tages stellte ich mir die Frage, ob ich den Everest besteigen soll. Kann ich das überhaupt? Habe ich Lust darauf, mit allem, was dazu gehört: Investition von Zeit und Geld, lange Tage des Wartens im Basislager ...» Am Tisch eines Restaurants in Moutier sitzend, durchsucht Pascal Bourquin mit seinem Handy das Internet. Er findet ein Foto, auf dem man Dutzende Bergsteiger sieht, die Schlange stehen, bis sie an den Fixseilen aufsteigen können. «Nach gründlicher Überlegung kam ich zum Schluss, dass ich mir das nicht antun muss. Ich habe mir stattdessen einen auf mich zugeschneiderten Everest vorgenommen. Eine einzigartige Leistung, einen Exploit nicht in Bezug auf die Höhe, sondern auf die Dauer.»

8000 Kilometer in drei Jahren

Der Everest des Pascal Bourquin, das sind die «gelben Wege». 65 000 Kilometer. Der Jurassier legt am 1. Dezember 2013 los. Er gibt sich etwas weniger als 30 Jahre, um sie alle abzulaufen. Ein gigantisches Projekt, in dem nicht improvisiert werden kann. «Ich plane meine Etappen nach verschiedenen Kriterien wie dem Wetter, dem Familienleben, der Vielfalt der Landschaften und meinen persönlichen Vorlieben», erklärt Pascal Bourquin und verrät, dass er die Wanderwege des Schweizer Mittellands an das Ende seines Abenteuers verschiebt. «Ich werde dann 75 Jahre alt sein! Ich weiss nicht, ob ich dann noch in der Lage sein werde, Etappen von mehr als 30 Kilometern und 2000 Höhenmetern zu absolvieren.»

In drei Jahren hat er bereits 8000 Kilometer gemacht, also etwa 12% des Wanderwegnetzes. Und wenn man ihn fragt, ob ihm die restlichen 88% Angst machen, ist die Antwort schonungslos: «Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dieses Projekt zu Ende führe, hängt davon ab, wie viele Kilometer ich hinter mich bringe. Wenn ich die Hälfte gemacht habe, weiss ich, ob ich eine Chance habe, fertig zu werden.» Während seiner Odyssee kann er sich auf drei feste Pfeiler stützen: «Meine Frau und meine zwei Töchter, ohne die das Projekt nicht möglich wäre. Mein Bruder gehört auch dazu, der sich um die körperliche und physiologische Seite kümmert, und die Chiropraktiker!» Pascal lacht laut heraus. «Nein. Im Ernst: Man muss sich bewusst sein, dass es eine harte Sache ist! Klar, ich spaziere auf Wanderwegen, aber das ist ein Spaziergang mit Wettkampfcharakter! Und dann alles andere, was dazukommt: Ich arbeite 80% als Journalist und Kameramann beim Westschweizer Fernsehen und verbringe ebenso viel Zeit in öffentlichen Verkehrsmitteln auf der Fahrt zwischen den Etappen wie auf den Wanderwegen selber!» Zusammenfassend kann man sagen: Das Wander­leben von Pascal Bourquin besteht im Durchschnitt aus zwei Tagen à 15 Stunden pro Woche, (fast) das ganze Jahr über.

Wanderer 2.0

Am Anfang war der Wanderer aus dem Jura noch ganz allein, aber mittlerweile hat er zahlreiche Begleiter. Sehr zahlreiche sogar. Er hat 7000 Likes auf seiner Facebook-Seite «La Vie en ­Jaune». Seine Fotos sind sehr erfolgreich auf Instagram. Die Leute erkennen ihn auf dem Gotthard ebenso wie im Val d’Anniviers. Im vergangenen Mai kamen mehr als 100 Leute zu einem Brunch mit ihm und wanderten aus Anlass des «Fête des 10% de la Vie en Jaune» nach La Neuveville. «Tatsächlich ist es ein Projekt eines ganz gewöhnlichen Menschen, der etwas Aussergewöhnliches macht. Ich glaube, dass das, was ich mache und zeige, jedermann in seinem eigenen Massstab nachleben kann. Und das spricht die Leute an», analysiert Pascal Bourquin. Seine Bekanntheit managt er wie ein Firmenchef: Sponsoren, Vorträge und seine hohe Präsenz auf den sozialen Medien sind Teil seines Alltags geworden. «Das treibt mich an, motiviert mich! Das hilft mir vorwärtszukommen! Ich bin ultravernetzt, das stimmt, aber ich mag das. Ich bin so etwas wie der Wanderer 2.0!»

Weinen vor Glück

Ein Wanderer einer ganz neuen Art, leicht und schnell, der Trailschuhe lieber hat als Wanderschuhe, aber der keineswegs das Entscheidende verdrängt. «Wenn man die Ausmasse des Projekts betrachtet, dann bin ich ein Spitzensportler. Aber im Alltag, wenn ich wandere und gegen Mittag zu einer Hütte komme, dann verschmähe ich auf keinen Fall einen Teller Rösti!» Eine letzte Frage: warum? «Meine Hauptmotivation ist die Suche nach Emotionen. Ich kann nicht nur vor dem Fernseher sitzen. Was ich liebe, das ist das Entdecken von neuen Orten, neuem Licht, von Leuten, Fauna und Flora – alles zusammen!» Pascal Bourquin redet sich ins Feuer: «Anfang Jahr sah ich, wie sich der Nebel an der Grimsel im Tal ausbreitete, das war pure Magie! Ich habe fast geweint vor Glück …» Was zweifellos auch jeder Bergsteiger auf dem Everest tun würde.

1,5 Mal um die Erde

Das Schweizer Wanderwegnetz, das Pascal Bourquin abwandern will, besteht aus drei Wegtypen: Wanderwegen (gelb, 63%), Bergwanderwegen (weiss-rot-weiss, 36%) und Alpinwanderwegen (weiss-blau-weiss, 1%). Alle Wanderwege aneinandergehängt ergeben eine Strecke, die eineinhalb Mal um die Erde reicht.

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