Madagaskar – ein entschwindendes Eldorado der Naturforscher

DER LEMUREN

Madagaskar – ein entschwindendes Eldorado der Naturforscher

as im Jahr 1771 der Franzose Philippe de Commerson schrieb, trifft auch heute noch zu: « Madagaskar ist das gelobte Land der Naturforscher. » Im Südosten der Insel, 50 km von der Stadt Ambalavao entfernt, liegt das 300 km 2 umfassende Naturreservat Andringitra ( Réserve Naturelle Intégrale Andringitra ) ( vgl. Fig. 1 S. 26 ). Dieses Gebirgsmassiv mit dem zweithöchsten Berg Madagaskars, dem Pic Boby ( 2658 m ), war bis 1998 nur für Wissenschaftler zugänglich. Es besteht aus einer Hochsavanne auf durchschnittlich 2100 m Höhe, einem dichten Regenwald an der Ostseite und einer Felswüste mit einzigartigen Landschaften in den höher gelegenen Regionen. Seit 1999 ist dieses Gebiet als Nationalpark nun auch für Touristen geöffnet. Auf Grund seiner Höhe ist das Andringitra-Gebiet eine Wetter- und Wasserscheide, die den Wasserhaushalt der östlich und westlich gelegenen Gebiete beeinflusst, denn viele Wasserläufe haben ihren Ursprung in diesem durch ein starkes Relief gekennzeichneten Gebirgsgürtel. So ist dieses Hochgebirge die einzige Wasserquelle für die trockene Savanne. Neben dem topografischen Einfluss bestimmen auch interne Gesteinsstrukturen den Grund-wasserfluss und die Entwicklung der oberflächlichen Drainage-Systeme.

Superkontinent

Kontinente und Ozeane haben während der 4,5 Milliarden Jahre langen Erdgeschichte ihre Position auf dem Globus nur selten beibehalten: Sie schlossen sich zu neuen Krustenblöcken zusammen und brachen anschliessend wieder auseinander, um sich in der Folge wieder neu zu gruppieren. Vor ca. 650–550 Millionen Jahren, im späten Präkambrium und frühen Paläozoikum, bildete sich ein grosser Kontinent, « Gondwana » ( vgl. Fig. 2 S. 27 ). Dieser Superkontinent umfasste die Landmassen von Südamerika, Afrika, die Arabische Halbinsel, Madagaskar, Indien, Sri Lanka, Australien und die Antarktis. Während einer geologisch gesehen kurzen Zeitspanne ( vor ca. 320–240 Millionen Jahren ) verband sich « Gondwana » mit « Laurasia », einem weiteren Gross-

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T E X T Dr. Djordje Grujic, Halifax, Kanada

F O T O S Djordje Grujic, Jürgen Bäuerle

Ivangomena-Felsen am Westrand des Andohariana-Plateaus. Die Berge erreichen eine durchschnittliche Höhe von 2500–2550 m. Im unteren Teil, in kleinen Kavernen und « tavoni », begruben die Ureinwohner ihre Toten; noch heute respektieren die Dorfbewohner « die Ahnen »; im Vordergrund ein kleiner Hügel aus Granitblöcken, ein so genannter « nubbin ».

Foto: Djordje Grujic DIE ALPEN 7/2001 DIE ALPEN 7/2001

kontinent, um den globalen Superkontinent « Pangäa » zu bilden, der von dem Weltmeer « Panthalassa » umgeben war. Madagaskar besass innerhalb von Gondwana eine zentrale Position und spielt daher eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, die Verbindungen der Kontinental-fragmente um den Indischen Ozean zu rekonstruieren. Noch immer herrschen Meinungsverschiedenheiten über den genauen Aufbau Gondwanas, vor allem bei der Frage nach den wechselseitigen Positionen von Madagaskar und Indien. Die jüngsten Versuche, die relative Lage Madagaskars innerhalb Gondwanas zu bestimmen, basieren hauptsächlich auf der Auswertung magnetischer Anomalien am Ozeanboden. An den mittelozeanischen Rücken bewegen sich ozeanische Platten auseinander. Dieser Prozess wird von intensivem Vulkanismus begleitet. Da dies ein kontinuierlicher Prozess ist,sind die vulkanischen Gesteine entlang der Rücken die jüngsten, während die an den äusseren Begrenzungen der Ozeane die ältesten sind.

Blick vom Pic Boby ( 2658 m ) auf die Savanne im Westen Die Strasse von Ambalavao nach Antanifotsy ist voller Löcher, sodass auf der Fahrt sämtliche Knochen gut durchgeschüttelt werden. Bei starkem Regen ist die Strasse nur zu Fuss oder mit von Zebus gezogenen Karren passierbar.

Fo to s:

Djo rd je Gru jic

Letztere kennzeichnen den Ort und die Zeit der ersten Öffnung des Ozeans durch die Trennung von vorher verbundenen Kontinenten ( vgl. Fig. 3 S. 27 ).

Die Bildung Gondwanas – mit besonderem Augenmerk auf Madagaskar

Der breit gefächerte Begriff der Pan-Afrikanischen Gebirgsbildung ( Orogenese ) umfasst tektonische und magmatische Ereignisse auf den Südkontinenten, die während eines längeren Zeitraums zwischen etwa 850 und 550 Millionen Jahren stattfanden. Das Ergebnis dieser Orogenese war die Entstehung Gondwanas. Über eine Distanz von fast 7000 km über Arabien, den Sudan, Äthiopien, Mozambique bis zum Dronning Maud Land in der Ostantarktis erstreckte sich einer der grössten Gebirgsgürtel der Welt, der Mozambique-Gürtel. Heute können wir nur noch die « Wurzel » dieses Gebirgszugs sehen, die Gesteine, die während der Gebirgsbildung den mittleren bis unteren Teil der kontinentalen Kruste ausmachten. Ob dieser Gebirgsgürtel durch Kollision von zwei verschiedenen Blöcken, die Ost- und West-Gond-wana bildeten, oder durch Akkretion ( Amalgamation = Verschmelzung ) einer Reihe mikrokontinentaler Blöcke entstand, ist Thema einer leidenschaftlichen Debatte. Interessant zu erwähnen ist, dass dieses gebirgsbildende Ereignis etwa zur gleichen Zeit stattfand wie die Evolution und Diversifikation mehrzelligen Lebens. Dies ist auch die Periode, in der die ganze Erde über Millionen von Jahren unter einer dicken Eisschicht erstarrte – die so genannte « Schneeball-Erde»-Hypothese.

Auseinanderbrechen Gondwanas und seine Folgen

Direkt nach den letzten tektonischen Bewegungen in Gondwana am Ende des Karbons ( vor ca. 290 Millionen Jahren ) kam es zum Auseinanderbrechen ( Breakup ) von Gondwana; gleichzeitig entstanden grosse Riftsysteme. Diese wurden von mächtigen Fluss-, See- und Glazial-Sedimenten gefüllt. Am Höhepunkt dieser durch Extension bestimmten Phase bildeten sich ausgedehnte regionale Senken, die von Vulkanismus in weiten Teilen des

Berg Andriamitsioka ( « Tor des Südens » ) in der Nähe des Dorfes Zazafutsy, westlich des Andringitra-Massivs; charakteristisch für dieses Gebiet sind ähnliche granitische Massive, das Nebengestein besteht aus leichter zu erodierenden Schiefern.

DIE ALPEN 7/2001

südlichen Afrikas begleitet wurden. Im Norden befanden sich schmale marine Korridore mit Barriere-Riffen, die saline Lagunen voneinander abtrennten. Mit der Zeit nahm die vulkanische Aktivität ab, weitere Absenkung ( Subsidenz ) und ein Vorrücken des Meeres ( Transgression ) führten zu einem marinen Seeweg, der den Afrikanischen Block vom Indo-Madagaskar-Block abtrennte. Am Ende des Jura ( vor 150–140 Millionen Jahren ) führte eine weit reichende Transgression über den östlichen Rand von Afrika und den westlichen Rand von Madagaskar zur Ablagerung von marinen Tongesteinen und Kalken über älteren kontinentalen Sedimenten oder metamorphen Gesteinen. Dies markiert den Beginn der Meeresbodenspreizung ( Seafloor-spreading ) zwischen Afrika und Madagaskar-Seychellen-Indien und der Bildung des West-Somalia- und Mozambique-Beckens. Im West-Somalia-Becken begann die Spreizung vor ungefähr 150 Millionen Jahren und kam vor ca. 130 Millionen Jahren zum Stillstand. Seit diesem Zeitpunkt hat Madagaskar seine relative Lage zu Afrika nicht weiter verändert. 1

Die Spreizung zwischen Madagaskar und Seychellen-Indien und die damit verbundene Öffnung des Masca-rene- und Madagaskar-Beckens begann vor ca. 90–85 Millionen Jahren. Begleitet wurde die Anfangsphase von grossräumigem Vulkanismus entlang der Ostküste Madagaskars. Damit begann die Norddrift der Indischen Halbinsel mit einer Geschwindigkeit von bis zu 20 cm pro Jahr. Schliesslich kam es vor 50–45 Millionen Jahren zur Kollision mit Eurasien und zur Auftürmung des Himalaya. 2

Pseudokarst

Naturschauspiel Erosion

Ein Naturschauspiel besonderer Art sind die Erosionserscheinungen im granitischen Gestein Madagaskars, wie man sie normalerweise nur in Kalk vorfindet. Die Gra-nitdome und Felsen im Andringitra-Massiv sind von tiefen Kanälen durchzogen, die schon aus grosser Entfernung zu erkennen sind. Mehrere hundert Meter ragen tief zerklüftete Felswände in den Himmel. Oft liegen einzelne, kubikmetergrosse Blöcke herum, die durch eine so genannte Wollsackverwitterung eine nahezu runde Form angenommen haben. Wenn man einige der wenigen Pässe erklimmt, hat man freien Blick auf die Einmaligkeit dieser Steinwüste mit Karren, Schratten, Trittkarren, Ka-

1 Diese und die spätere Geschichte des Indischen Ozeans ist sehr gut auf der Webseite http://Kartoweb.itc.nl/gondwana/ animiert dargestellt. 2 Vgl. ALPEN 8/1999 und http://www.geologie.uni-freiburg.de/projekte/ bhutan/

nälen und anderen typischen Karsterscheinungen. Manche Felsen sehen aus wie von Bildhauerhand geschaffene Skulpturen: Stiefel, Tiere, Gesichter, ein Thron.

Im Andringitra-Massiv sind physikalische ( mechanische ) und chemische Verwitterungsvorgänge für die be-

Antsiranana Antsiranana

Toamasina Toamasina

Antananarivo Antananarivo

Mahajanga Mahajanga

Antsirabe Antsirabe

Ambositra Ambositra

Ambalavao Ambalavao

Pic Boby Pic Boby Ihosy Ihosy

Toliara Toliara

Toalanaro Toalanaro

25 °

20 °

15¡ 45¡ 50 °

0 ° 10 ° 20 ° 30 ° 40 ° 30 ° 50 ° ETHIOPIA SUDAN SOMALIA KENYA TANZANIA ZAIRE UGAND A MOZAMBIQUE SOUTH AFRICA BOTSWANA ZIMBABWE ZAMBIA 1000 km Fig. 1 Reliefkarte von Madagaskar mit Hauptstrassen und Städten. Die topografischen Daten sind vom DEM ( Digital Elevation Model ) des US Geological Survey und im Web verfügbar unter http://edcwww.cr.usgs.gov/lan ddaac/gtopo30/gtopo3O.html ( Text weiter auf S. 32 ) DIE ALPEN 7/2001

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9.7

33.0 47.9

67.7

12O.4 131.9 147.7

18O.0 2O.1

4O.1

83.5

126.7 139.6 154.3

55.9

Afrika

Ost Antarktika

Madagaskar

Südamerika Australien

Indien

Mozambique Belt

Fig. 2: Superkontinent Gondwana Konstellation des Superkonti-nents Gondwana vor ungefähr 500 Millionen Jahren. Madagaskar war zu dieser Zeit im Zentrum des Kontinents zwischen den Gebieten des heutigen Kenya-Somalia im Westen und Indien im Osten. Die orogenen Zonen ( reliefartig markiert ) entwickelten sich in einer langen Periode vor 800 Mio. bis 500 Mio. Jahren. Der Mozambique-Gürtel ist der grösste von ihnen und wahrscheinlich auch der grösste orogene Gürtel der Erdgeschichte. Heute sind nur noch die « Wurzeln » dieses riesigen Gebirgszuges an der Oberfläche zu sehen.

Fig. 3: Alter des Indischen Ozeanbodens Die Farben zeigen die verschiedenen Altersstufen, von Blau ( ca. 140 Mio. Jahre ) im Somalia-Becken ( im Nordwesten von Madagaskar ), bis Rot, dem jüngsten Gestein, das entlang der Mittelozeanischen Rücken liegt. An diesen Rücken strebt der Ozeanboden kontinuierlich mit einer Geschwindigkeit von mehreren Millimetern pro Jahr auseinander. Als Resultat der sehr dünnen Kruste entlang der Rücken steigt heisses Magma auf, was intensive vulkanische Aktivität zur Folge hat. Während sich die vulkanischen Gesteine verfestigen und abkühlen, werden sie unaufhörlich vom Rücken wegtransportiert, da die neue Magmenintrusion die Rücken weiter auseinander drückt. Dadurch erhält man eine fast symmetrische Altersverteilung der vulkanischen Gesteine beiderseits der Rücken. Indem wir fortschreitend die älteren Gesteine des Ozeanbodens entfernen, können wir den Ozean schrittweise wieder schliessen, um so die Geschichte seiner Öffnung zu rekonstruieren ( vgl. http://Kartoweb.itc.nl/gond-wana/ ). Dadurch können die gegenseitigen Positionen der Kontinentalfragmente vor dem Auseinanderdriften bestimmt werden. Die Daten stammen von einer grösseren Karte, zu finden auf der Webseite des National Geophysical Data Center ( NGDC ) unter http://www.ngdc. noaa.gov/mgg/announcements /announc_ecrustage.html DIE ALPEN 7/2001 Das Andringitra-Massiv besitzt vier Plateaus: das Gipfel-Plateau als höchstes auf ca. 2400 m, Andohariana auf 2050 m, Zamandao auf 1400 m und das tiefste Plateau bei Ambalavao auf ca. 1000 m. Das Zamandao-Plateau ist auf drei Seiten von hohen Gipfeln eingeschlossen; die Nächte sind kalt und morgens ist es oft neblig wie hier bei Ambalamanandray.

Fo to :D jo rd je Gru jic DIE ALPEN 7/2001 Hinter dem Dorf Antanifotsy, kurz vor dem steilen Aufstieg auf das Andohariana-Plateau, durchquert man einen Mimo-senwald.

Stark entwickeltes « etching »; solche Rillen und Karren findet man im subhorizontalen bis leicht geneigten Relief.

Ivangomena-Felsen: tiefe Rinnen und Einschnitte ( cuvettes ) zeigen sich an stark geneigten bis senkrechten Wänden von « castle kopjes ».

Stabilitätsprüfung eines « castle kopjes ». Der Begriff « kopje » stammt aus dem Afrikaans und bedeutet « isolierter Hügel », sodass « castle kopje » eine Beschreibung für solche Hügel ist, deren Gipfel durch Blöcke und Klüfte ein schloss-ähnliches Erscheinungsbild aufweisen.

Fo to :D jo rd je Gru jic Fo to :J ür gen Bä ue rle Fo to :J ür gen Bä ue rle Mäandrierende Rinne im Granit DIE ALPEN 7/2001 Einheimische vor Pseudokarst-kulisse Besonders tiefe « vasque » im Granit; der Boden ist mit Flechten und Moos bewachsen. Es ist schwierig, die Rolle der Flechten, die in den oberen Höhen auftreten, zu beurteilen. Da ihre Hyphen in die Poren eindringen, bereiten sie Wasser einen Weg in das Gestein, hinein. Was die Flechte an chemischen Elementen zum Wachstum benötigt, entzieht sie dem Gestein und fördert dadurch den mechanischen Zerfall. Andererseits scheint der Flechtenbewuchs aber auch eine Weiterentwicklung einiger « vasques » verhindert zu haben.

Fo to :J ür gen Bä ue rle Foto: Jürgen Bäuerle Fo to :J ür gen Bä ue rle Fo to :Sa nn a M rk w ic zk a DIE ALPEN 7/2001

sondere Oberflächenausbildung ausschlaggebend. Bei einer der mechanischenVerwitterungsformen führt während der Wintermonate die Ausdehnung von gefrorenem Porenwasser zu Rissen und schliesslich zum Ausei-nanderbröckeln der Gesteine ( Frostsprengung ). Sie greift vor allem den obersten Teil des Massivs an. Typisches Erscheinungsbild dieser daraus entstandenen Reliefformen sind « Inselberge » und « castle kopjes ». Inselberge sind Einheiten isolierter Anhöhen und Hügel, die sich jäh aus der ebenen Umgebung herausheben. Ein « castle kopje » ist ein Inselberg, dessen äussere Oberflächenform durch das Kluftmuster im Gestein bestimmt wird. Der aus dem Afrikaans stammende Begriff bedeutet so viel wie « isolierter Hügel » und steht für Hügel, deren Gipfel durch Blöcke und Klüfte ein schlossähnliches Erscheinungsbild aufweisen.

Chemische Verwitterungsvorgänge

Die chemische Verwitterung hinterlässt im Andringitra-Massiv noch deutlichere Erosionsspuren. Die chemische Korrosion ( etching; etch = ausradieren, ätzen ) bezieht sich auf Prozesse, die durch mit organischen Komponenten angereichertes Wasser ausgelöst werden und zu einer der spektakulärsten und einzigartigen Ausprägung von Granitdenudation in diesem Gebiet führen. Im Allgemeinen ist die Grenze zwischen Boden und Fest-gestein, bzw. die Verwitterungsfront bei granitischen Gesteinen sehr scharf ausgeprägt. Alle aufgerauten Formen haben sich daher unter Bodenbedeckung ( sub-edaphisch ) entwickelt; nach der Abtragung des Bodens hat sich die Verwitterung an der Luft ( subareal ) fortgesetzt. Im Andringitra-Massiv verschwand die Regolith-decke 3 schon vor sehr langer Zeit, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der glazialen und periglazia-len Erosion während der kältesten Periode der Eiszeit.

3 Unter Regolith versteht man eine Schicht aus losem, zerbröckeltem Gesteinsmaterial, das sich wie ein Mantel auf den noch unzersetzten Untergrund legt.. " " .Sie setzt sich aus Bruchstücken sämtlicher Gesteinsarten zusammen und umfasst zusätzlich einen Bodenbelag. Dieser wiederum stellt den obersten biochemischen Verwitterungshorizont des Regoliths dar. 4 Der Syenit ist ein dem Granit sehr ähnliches Gestein. Im Gegensatz zum Granit enthält der Syenit jedoch keinen Quarz.

Kind mit grünem Gemüse ( vari ) auf dem Markt in Ihosy Riambavy, der grösste Bach auf dem Andohariana-Plateau, stürzt an der nördlichen Grenze des Plateaus über mehrere Wasserfälle in die Tiefe. Das kristallklare Wasser wird auf dem Zamandao-Plateau schnell tonig und trüb. Fo to s:

Djo rd je Gru jic DIE ALPEN 7/2001

Auch Regen und der anthropogene Eingriff durch Wald-und Brandrodung mögen den Regolith weggewaschen haben.

Neben den klimatischen Faktoren ( Temperatur, Niederschlag, Wind usw. ) beeinflussen auch die Ge-steinsstruktur und das Gefälle die Entwicklung des Reliefs. Das Massiv besteht aus einer leicht geneigten Granitplatte, die ungefähr einen Kilometer mächtig ist und von zahlreichen vertikalen Klüften in unterschiedlichen Richtungen durchkreuzt wird. Dieser spezielle Granit, von den Geologen als Syenit 4 bezeichnet, ist auf Grund seiner chemischen Zusammensetzung leichter löslich als Granit, das « Etching » hinterlässt entsprechend grössere Spuren.

Verwitterungsformen

Die entstandenen Rillen und Karren bilden eine Art « Pseudokarst », der als sehr ungewöhnliche Verwitterungsform in dieser Ausprägung bisher nur in Teilen Brasiliens beobachtet wurde. Sie sind im Syenit vorwiegend durch Lösungsvorgänge entstanden und nicht durch Abrasion, da keinerlei bedeutende Sandakkumulation im Massiv beobachtet werden konnte. Die Rinnen erstrecken sich auf bis zu 100 m Länge und sind in der Regel einige Zentimeter tief, doch sind auch einige mit 2 bis 3 m Tiefe gefunden worden.

Tiefe Rinnen und Einschnitte ( cuvettes ) zeigen sich an stark geneigten bis vertikalen Wänden und sind im Andringitra-Gebiet die weltweit am besten entwickelte Verwitterungsform dieser Art. Chemische Lösung und mechanische Abrasion scheinen dazu am meisten beigetragen zu haben. « Vasques » sind Becken oder flache Einbuchtungen im Festgestein mit variablem Ausmass und meist ovaler Form. Bei Niederschlag füllen sie sich mit Wasser, das allein durch Verdunstung wieder verschwin-

Aloe andringitrensis, eine von mehreren endemischen Pflanzen, die nur auf der kleinen alpinen Savanne des Andohari-ana-Plateaus zu finden ist.

Lehmziegelhäuser im Dorf Antanifotsy, wo die Strasse endet. Bis zum Basislager auf dem fast 600 Meter höher gelegenen Andohariana-Plateau gehts noch ca. 4 Stunden zu Fuss.

det. In manchen Fällen bilden sich auf einem leicht geneigten Untergrund zahlreiche und dicht gedrängte Vasques aus, die nur von schmalen, scharfen Stegen voneinander getrennt sind.

Schwierig abzuschätzen ist die Rolle der Flechten, die in den oberen Höhen auftreten. Da ihre « Hyphae » in die Poren eindringen, bereiten sie dem Wasser einen Weg in das Gestein. Zudem entziehen sie dem Gestein jene chemischen Elemente, die sie zum Wachstum benötigen, was den mechanischen Zerfall des Gesteins fördert. Andererseits scheint der Flechtenbewuchs auch eine Weiterentwicklung einiger Vasques verhindert zu haben.

Isolation fördert Endemiten 5

Die Felsstrukturen in Madagaskar entwickelten sich während einer langen Periode zwischen 500 und 600 Millionen Jahren. Die Gesteine, die jetzt an der Oberfläche sind,

5 Unter Endemiten versteht man Pflanzen und Tiere, die in einem begrenzten Lebensraum vorkommen.

waren damals in grosser Tiefe hohen Temperaturen ausgesetzt und deshalb leicht verformbar. Dies führte zu einer Überlagerung verschiedener Deformationsereignisse auf Grund von Spannungen, entstanden bei den Zusammenstössen von Kontinentfragmenten. Trotz der dynamischen Geschichte ist die Topografie auf Madagaskar stabil. Die uralten Berge des Mozambique-Gürtels ( vgl. Fig. 2 S. 27 ) wurden relativ schnell abgetragen; relativ, weil 250 Millionen Jahre nach der Gebirgsbildung die gleichen Gesteine an der Oberfläche sind wie heute. Nur lagen sie damals unter einer Eisschicht, vergleichbar denen in der Antarktis. Nachdem das Eis verschwunden war, fanden keine grösseren Veränderungen mehr statt. Obwohl der Superkontinent zerbrach und Madagaskar eine Insel wurde, scheint sich die Zeit verlangsamt zu haben. Da die Loslösung von Indien gleichbedeutend ist mit 80 Millionen Jahren Isolation, finden sich unter Flora und Fauna eine grosse Zahl von Endemiten, unter denen die Lemuren die berühmtesten und niedlichsten sind. a

Fotos: Djordje Grujic DIE ALPEN 7/2001 Morgenstimmung in der Savanne der Ranotsara-Ebene, südwestlich des Andringitra-Massivs Blick von Ihosy ( gesprochen Iyuschi ), von Westen, auf das Andringitra-Massiv

Literatur

Kröner A.: Proterozoic mobile belts compatible with the plate tectonic concept. Geol. Soc. Am. Mem. 1983; 161, 59–74 Hoffman P. F., Kaufman A.J., Halverson G. P. und Schrag D. P.: A Neoproterozoic Snowball Earth. Science 1998; 281, 1342–1346 Hoffman P. F. und Schrag D. P.: Als die Erde ein Eisklumpen war. Spektrum der Wissenschaft 2000; 58 Markl G., Bäuerle J. und Grujic, D.: Metamorphic evolution of Pan-African granulite facies metapelites from Southern Madagascar. Pre-cambrian Research 2000; 102, 47–68. Stern R. J.: Arc assembly and continental collision in the neoprotero-zoic east african orogen: Implications for the consolidation of Gondwanaland. Annual Review Earth Planetary Science 1994; 22, 319–351. Vidal-Romaní J. R., Ramanohison H. und Rabenandrasana S.: Géomorphologie granitique du Massif de l' Andringitra: Sa relation avec l' évolution de l' île pendant le Cénozoïque. Caderno Lab. Xeolóxico de Laxe Coruña, 1997; 22, 183–208. http://daac.gsfc.nasa.gov/CAMPAIGN_DOCS/OCDST/shuttle_ oceanography_web/oss_12.html http://Kartoweb.itc.nl/gondwana/

DIE ALPEN 7/2001

Von Hütten und Biwaks

Rifugi e bivacchi

Cabanes et bivouacs

Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen

Storia, cultura, letteratura alpina

Histoire, culture et littérature alpines

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