Meditatives Blütenzupfen für Schleckmäuler | Schweizer Alpen-Club SAC

Meditatives Blütenzupfen für Schleckmäuler

Die Blütenblätter des Löwenzahns abzuzupfen, nimmt viel Zeit in Anspruch. Doch weil der echte, von fleissigen Bienen hergestellte Honig teuer war, stellte der mit Löwenzahnblüten aromatisierte Zuckergelee eine willkommene Alternative als Brotaufstrich dar.

In den Alpenregionen nennt man sie Flur-Port (romanisch), Cayon (Evolène), Radicc (Valchiavenna), Schwiimeie (Vispertäler), Rämschfädärä (Goms) oder Ziggorie (Hinterrhein). Allein in der Deutschschweizer Mundart existieren über 60 Bezeichnungen für den Löwenzahn. Pflanzennamen gelten denn auch als ein Paradebeispiel, um die Vielfalt der Dialekte aufzuzeigen.

Nicht nur in der Sprache, sondern auch in der Küche zeigt sich die Blume mit ihren gelben, puschelähnlichen Blüten von einer besonders vielfältigen Seite. In den Nachkriegsjahren wurden die getrockneten und gerösteten Wurzeln der Pflanze beispielsweise als Kaffee-Ersatz verwendet.

Lecker mit Fett und Zitrone

Auch im italienischen Chiavennatal landete der Löwenzahn in verschiedenen Formen auf dem Teller. So eignen sich die jungen Löwenzahnblättchen als frühlingshafter Salat. Im alpinen Bergtal weiss man aber auch aus den älteren und zäheren Blättern ein schmackhaftes Mahl zuzubereiten: Entweder werden die Blätter in Butter, teilweise mit Eiern, gebraten, oder sie werden gekocht und mit Öl und Zitrone oder mit Öl und Reibkäse angemacht. Die älteren Bewohnerinnen und Bewohner befürchten allerdings, dass die Bräuche verloren gehen, da sich die jüngere Generation nicht mehr fürs Wildpflanzensammeln interessiere.

Den Löwenzahnhonig kennt man in allen Sprachregionen der Schweiz seit mehreren Generationen, wie der Plattform «Kulinarisches Erbe der Schweiz» zu entnehmen ist. Eine ältere Emmentalerin, deren Mutter hin und wieder Löwenzahnhonig einkochte, erzählte demnach: «Der Vater und wir Kinder konnten uns nie dafür begeistern. Diesen Löwenzahnhonig mochten wir nicht – er schmeckte nach Armut.»

Hoch oben blüht der Alpen-Löwenzahn

Vielfältig sind schliesslich auch die schier unzähligen Arten des Löwenzahns. Über 400 soll es geben, die von den Tropen bis zur Arktis vorkommen, von tiefen Lagen bis auf die Spitzen alpiner Gipfel. So trifft man in den Bergen, etwa in Schneetälern oder auf Moränen, auch den Alpen-Löwenzahn an (Taraxum alpinum), der dort zwischen Juni und September blüht.

Der Geschmack der Alpen

Kurze Vegetationszeiten, spärliches Land für den Ackerbau und verstreute Siedlungen prägten früher den Speiseplan der Menschen in den Alpen. Dieses kulinarische Erbe ist heute wegen der Entvölkerung der Alpen und wegen der Globalisierung gefährdet. Es zeichnet sich durch eine Mischung aus regional vorhandenen Rohstoffen, spezifischen Zubereitungsarten, Haltbarmachungsmethoden und rituellen Bräuchen aus. In dieser Serie machen wir Lust auf inzwischen fast vergessene Speisen.

Feedback