Messlatte für Bergsteiger? Mt. Everest 2001

Robert Bösch begleitete im Frühjahr 2001 Evelyne Binsack bei ihrer Besteigung des Mount Everest über den Nordgrat. Sein Auftrag war, diese Expedition als Fotograf für die Schweizer Illustrierte und den Sponsor von Evelyne Binsack zu fotografieren und fürs Schweizer Fernsehen zu filmen. Evelyne Binsack und Robert Bösch schlossen sich der international zusammengesetzten Expedition des in Chamonix lebenden Neuseeländers Russell Brice an. Im nachfolgenden Beitrag reflektiert Robert Bösch als Fotograf und Beobachter seine persönlichen Erlebnisse und Eindrücke an diesem « Modeberg ».

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach der Erstbegehung des Mount Everest ist es allmählich an der Zeit, sich von der Vorstellung zu lösen, eine Besteigung des höchsten Gipfels sei grundsätzlich eine absolute alpinistische Höchstleistung. Wohl mag es für viele eine aussergewöhnliche persönliche Bestleistung sein. Nur in den seltensten Fällen erreicht aber eine solche auch allgemein gültiges Spitzensportniveau. 80 Jahre nach dem sensationellen Versuch am Nordgrat von Mallory und Irvine, die aus heutiger Sicht mit primitivster Ausrüstung und geringem Wissen über die Höhenproblematik unterwegs waren, 60 Jahre nach der Erstbegehung und 25 Jahre nach der ersten Besteigung ohne künstlichen Sauerstoff sollte man allmählich erkennen, dass eine Besteigung unter Zuhilfenahme sämtlicher zur Verfügung stehender Hilfsmittel anders bewertet werden muss als eine Expedition in der Pionierzeit des Achttausender-Bergsteigens oder als heutige Besteigungen, bei denen sich die Teilnehmer/innen bewusst auf einen möglichst auf das Notwendigste reduzierten Stil beschränken.

Der Everest hat sich zu einem eigentlichen Geheimtipp zur Aufwertung des Sozialprestiges entwickelt. Denn in einer breiten Öffentlichkeit steht er nach wie vor als Beweis höchsten alpinistischen Könnens und ausserordentlicher Leistungsfähigkeit. Doch dem ist ( meist ) nicht mehr so. Auf den beiden Normalrouten von Süden und Norden erwarten den Bergsteiger keine grösseren technischen Schwierigkeiten. Wohl sind der Khumbu-Eisfall im Süden und der Nordgrat zwischen dem First und Second Step als schwierige Passagen zu bewerten. Doch werden sowohl der Eisfall als auch die Passagen am Nordgrat von den Sherpas und unter Umständen von einigen Bergsteigern mit Fixseilen ausgerüstet. Der Second Step wäre ohne die Fixseile und die Aluleiter, die die Chinesen im Jahre 1960 montierten, ein wirklich sehr hartes Stück Kletterei. Entschärft sind denn beide Aufstiege auch von « Bergsteigern » zu bewältigen, die noch kaum einmal Steigeisen an den Füssen hatten. Was auf den abschüssigen Felsbändern, die es am Nordgrat zu traversieren gilt, bei einigen auch zu etwas unangenehmen Momenten führen kann. Eine Besteigung des höchsten Berges ist grundsätzlich kein Zuckerschlecken, trotzdem aber auch für nicht unbedingt topfitte Personen möglich. Denn die Infrastruktur, die zum Teil am Berg geboten wird, ist unübertrefflich: Zelte, Schlafsäcke, Matten, Kochmaterial, Sauerstoffflaschen und Fixseile – alles wird in anstrengender Knochenarbeit von den Sherpas hinaufgeschafft. Im heute praktizierten Expeditionsstil wird denn der Berg auch für Anfänger, Nicht-Bergsteiger, mässig trainierte und knapp höhentaugliche Everest-Aspiranten machbarsofern alles rund läuft. Dennoch unterschätzen viele Bestei-gungsanwärter die Gefahren an diesem Berg, sofern sie überhaupt eine Einschätzung vornehmen. Auch wenn die technischen Schwierigkeiten auf den beiden Normalrouten unerheblich sind – immer vorausgesetzt, die Fixseile sind installiert –, so birgt die gewaltige Höhe ein enormes Gefahrenpotenzial. Nicht vergleichbar mit den Viertausendern der Alpen: Dufourspitze oder Montblanc, die auf viele Bergsteiger auf Grund ihrer Höhe eine Anziehungskraft ausüben, sind nicht anspruchsvoller als ihre etwas weniger hohen Nachbarn.

Paradoxerweise hat das Desaster vom Frühjahr 1996, von Jon Krakauer mit einem spannenden Buch einer breiten Öffentlichkeit dargelegt – und so in goldene Münze umgewandelt, in interessierten Kreisen dazu beigetragen, den Everest als Berg für jedermann/-frau darzustellen, ein eiserner Wille und der Glauben an sich vorausgesetzt. Da diese Verknüpfung von Werten wie Wille, Selbstvertrauen und Durchhaltevermögen dem Zeitgeist entspricht, erstaunt es auch kaum, dass sich Managerkurse geradezu um solche Themen reissen. Dabei darf an einem allzu einfachen Erfahrungstransfer von Bergsteigen zur Unternehmensführung mit Recht gezweifelt werden.

Gleichzeitig wird übersehen, dass diese hochgehaltenen Werte gerade am Everest nicht von zentraler Bedeutung sind: Das Nadelöhr für eine erfolgreiche Everestbesteigung liegt vielmehr bei den erheblichen finanziellen Aufwendungen und der Möglichkeit, sich für zwei Monate aus dem Berufs- und evtl. Familienleben auszuklinken. Könnte man den Everest in kürzerer Zeit und billiger besteigen, wären sicher schon bedeutend mehr Schweizer und Schweizerinnen auf diesem Gipfel gestanden. Es erstaunt deshalb kaum, dass sich an diesem Berg kaum die Elite der jungen Topalpinisten findet, sondern eher gut betuchte Herren und Damen mittleren und höheren Alters – neben einigen gesponserten Bergsteigern.

Ebenso wenig braucht es diesen eisernen Willen, wenn man in einer Gruppe eingebettet wochenlang im Basecamp wartet, bis die Sherpas in der Höhe alles eingerichtet und gesichert haben. Ich denke, es würde mehr Überwindung brauchen, einfach abzuhauen, insbesondere dann, wenn zu Hause die Medien jede Handlung am Berg mitverfolgen. Ich glaube auch, dass für viele die Belastung durch die drohenden Gefahren am Berg kaum ins Gewicht fällt. Sie sehen sie gar nicht oder verlassen sich auf die vorhandene Infrastruktur. Man vertraut dem Führer oder Sherpa, denkt keinen Moment daran, dass auch diese in der Höhe versagen könnten und man dann plötzlich auf sich selbst angewiesen wäre. Was für etliche, die beispielsweise noch nie selbstständig abgeseilt haben, eine ziemliche Horrorvorstellung sein müsste. Deshalb: besser sich damit nicht auseinander setzen.

Man kann das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Am Matterhorn hängen seit vielen Jahren an den schwierigsten Passagen Fixseile, die den Berg massiv entschärfen. Wer hätte zur Zeit der Erstbegeher vermutet, dass das Matterhorn einst von Massen erstürmt und von Nicht-bergsteigern bestiegen werden sollte? Nur glaubt heute niemand mehr, dass eine Matterhornbesteigung automatisch auch der Beweis einer alpinistischen Spitzenleistung ist. Auch der Everest wird immer einfacher, sicherer. Sofern man bereit ist, sämtliche zur Verfügung stehenden Hilfsmittel zu verwenden. Der von Reinhold Messner postulierte Stil des « by fair means » – was an den Achttausendern heissen würde, auf Flaschensauerstoff zu verzichten und in einem möglichst alpinen Stil vorzugehen – wäre wohl der wünschenswerte Approach. Am Everest würde es ganz schnell sehr ruhig – und der Berg zu dem, was er verdient hätte zu sein: ein Gipfel nur für die Besten der Höhenbergsteiger. Doch wer nimmt die Fixseile vom Hörnligrat?

Als Organisator garantiert Russell Brice bestmöglichen Komfort und höchste Erfolgschancen. Es gibt kaum jemanden, der den Berg auf der Nordseite so gut kennt wie er. In jungen Jahren selber ein « wilder Hund », der gerade am Everest einige haarsträubende Unternehmungen überlebte, hat er sich in den letzten Jahren auf die Organisation kommerzieller Expeditionen spezialisiert. Man mag solchen Achttausender-Anbietern gegenüber unterschiedliche Haltungen einnehmen, doch sein Umgang mit den Sherpas, die Seriosität der Planung und der Organisation stehen über allen Zweifeln. Nicht umsonst sind seine Arbeitsplätze bei den Sherpas so beliebt: Gute Entlöhnung und faire, gleichberechtigte Behandlung sind bei Russell Brice selbstverständlich.

Seine Expedition zählt zu den teuersten, dafür wird den Bergsteigern wirklich alles geboten: Den Umständen entsprechend komfortables Leben im Basecamp ( BC ) und im Advanced Basecamp ( ABC ), jeglicher Material-und Fixseiltransport durch Sherpas. Man kann sich voll aufs Akklimatisieren und Erholen konzentrieren und muss nur grad selber auf- und absteigen. Bequem und erfolgsteigernd, aber letztlich nicht sehr befriedigend.

Schon bei jeder alpinistischen Unternehmung sind Vergleiche schwierig, weil Wetter und Verhältnisse extrem unterschiedlich sein können; am Everest wird ein solches Vorgehen definitiv sinnlos. So ist zum Beispiel das Aufstiegstempo am Gipfeltag weniger abhängig von der Leistungsfähigkeit des/der Bergsteigers/in als vom investierten Geld: Je mehr Geld, desto schneller, desto weniger Risiko, desto höhere Erfolgschance. So standen unsMitglieden der teuersten Expedition – im obersten Lager pro Person drei Sauerstoffflaschen für den Gipfelgang zur Verfügung. Russells Erfolgskonzept: Man startet mit voll geöffnetem Ventil. Dadurch hat man wärmer und ist mit grosser Wahrscheinlichkeit schneller als jene mit weniger verfügbarem Sauerstoff – Schnelligkeitsvergleiche werden absurd. Doch nur dank dieser Infrastruktur haben viele überhaupt eine realistische Chance, auf den Gipfel zu kommen. 1 Bei guten Wetterbedingungen kriecht dann eine aufgelockerte Kolonne gipfelwärts, jeder in seinem Tempo, sofern er nicht am kurzen Seil von einem Führer oder Sherpa geführt wird. Die Schwierigkeiten erfordern prinzipiell kein gegenseitiges Sichern, so dass jeder für sich geht. Mag sein, dass der eine oder die andere in dieser unregelmässigen Perlenkette im Alleingang unterwegs ist.

Aber selbst mit der bestmöglichen logistischen Unterstützung ist der Gipfelgang kein Spaziergang. Das Wetterglück ist nach wie vor entscheidend, und nicht jede Expedition hat so perfekte Verhältnisse wie wir im Frühjahr 2001. Dies zeigt sich jeweils direkt in den Gipfelerfolgen. Und auch bei der perfektesten Infrastruktur am Berg muss jeder selber hochgehen; die endlos langen Nächte in den unbequemen Höhenlager selber durchstehen; selber mit den unterschiedlichen Varianten des Unwohlseins als Folge der grossen Höhe zu Rande kommen. Die Schinderei gipfelwärts zehrt bei allen an der Substanz, und die gewaltige, über Wochen aufgebaute Spannung löst sich erst, wenn der letzte Schritt auf den Gipfel gemacht ist. Jedem ist bewusst, dass der wunderschöne Traum vom Gipfel selbst beim erstrebten Ziel in Griffnähe platzen kann. Am Everest ist man erst oben, wenn man den letzten Schritt gemacht hat. Nicht vorher. Das musste ich auf brutale Weise selber erfahren.

Ich fühlte mich während der ganzen Expedition in der Höhe immer gut und leistungsfähig, was mir überhaupt erst erlaubte, meine Film- und Fotoarbeiten befriedigend auszuführen. Doch dies änderte sich von dem Moment an, als wir Sauerstoff benutzten. Als ich kurz nach Mitternacht im obersten Lager auf 8300 m wegging,wurde mein Verdacht vom Vortag, dass mein Sauerstoffgerät nicht richtig funktioniere, schnell zur Gewissheit. In diesem steilen Gelände mit dem vielleicht 14 kg schweren Rucksack ( 3 Sauerstoffflaschen, Kamera und Fotoapparat, Flüssigkeit usw. ) schnappte ich schon nach kurzer Zeit nach Luft wie ein Fisch an Land. Immer wieder riss ich mir in Atemnot die Maske vom Gesicht, um minutenlang in der sauerstoffarmen Luft zu hecheln. Versuche ohne Maske brachten keine Verbesserung – offensichtlich floss doch etwas Sauerstoff durch. Den Gedanken, den schweren Rucksack hinzustellen und ohne Sauerstoff aufzusteigen, verdrängte ich vorerst, war ich doch darauf mental nicht vorbereitet. Also quälte ich mich weiter den Berg hinauf und verausgabte mich dabei zwangsläufig in einem mir unbekannten Ausmass. Bei meinem ersten Versuch am Everest 2 – ohne Sauerstoff – am Westgrat und anschliessend auf der Südcol-Route habe ich nie so gelitten wie diesmal. Erst als ich glücklicherweise mein Gerät mit jenem von Sherpa Karsang tauschen konnte, ging es mir wieder gut. Ich kam zügig voran – was immer das dort oben heisst. Doch nach ein paar Stunden rächte sich der Kräfteverschleiss der ersten Aufstiegsstunden. Der restliche Aufstieg verlangte schliesslich alles von mir, und das Fotografieren und Filmen kostete unsägliche Überwindung.

Es war das erste Mal in meinem Bergsteigerleben, dass ich mir überlegen musste, aus konditionellen Gründen umzukehren. Und das nur hundert Meter vor dem Eve-rest-Gipfel. Aber ich hatte grossen Respekt vor dem anspruchsvollen Abstieg: Ich musste nicht nur rauf, ich wollte auch wieder runter. Von Evelyne und Sherpa Lobsang, die vom Gipfel zurückkamen, vernahm ich, dass ich höchstens noch eine Stunde entfernt sei. Mein Sauerstoffvorrat war in der Zwischenzeit äusserst knapp geworden, darauf verzichten konnte ich in der momentanen Situation nicht. Da erwies sich Lobsang als Retter: Er gab mir seine Sauerstoffflasche. Ich werde nie vergessen, was die beiden Sherpas für mich getan haben.

Als ich gegen 17 Uhr im Nordcol vorbeikam, erklärte mir Russ, der den Verlauf unserer Expedition mit Funk und Fernglas von hier aus beobachtet hatte, dass drei unserer Gruppe immer noch oberhalb des Third Step seien. Die sich zwangsläufig anbahnende Katastrophe war uns beiden klar. Jaime Vinals war offensichtlich halb blind und dermassen erschöpft, dass er sich nicht dazu bewegen liess, die kurze Felsstufe hinunterzusteigen. Ebenfalls völlig erschöpft war sein Bergführer Andy Lapkass, der bereits zweimal auf dem Gipfel stand, einmal ohne Sauerstoff. Nur Asmus Norreslet, auch er Bergführer, war noch handlungsfähig. Irgendwie schafften sie in den nächsten zwei Stunden den Third Step. An ein weiteres Absteigen war aber offensichtlich nicht mehr zu denken. Nur Asmus wollte noch versuchen, ins Camp IV herunterzukommen. Es ging auch für ihn um Leben und Tod. Im Fernglas beobachteten wir, wie er bis zum Second Step abstieg, dort einige halb volle Sauerstoff-flaschen holte und diese hinauf zu den beiden Erschöpften brachte – eine enorme Leistung –, bevor er sich auf den Abstieg machte. Den beiden andern wartete eine Nacht ungeschützt auf 8700 m. Ich stieg später ins ABC ab im Bewusstsein, dass ich Jaime und Andy nie mehr wiedersehen würde.

Am nächsten Morgen trafen die drei aufsteigenden Amerikaner Dave Hahn, Tap Richards und Jason Tan-guay auf die noch lebenden Andy und Jaime. Die Amerikaner entschlossen sich, auf den Gipfel zu verzichten und bei den beiden zu bleiben, obwohl sie keine grosse Chance für Hilfeleistungen sahen. Dank der Wirkung von starken Medikamenten erholten sich die beiden Erschöpften etwas und konnten schliesslich auf die Beine gebracht werden. Ein unendlich schwieriger Abstieg über die steilen abschüssigen Felsbänder und die beiden Steilstufen begann. Die beiden Sherpas Lobsang und Phurba, die am Vortag auf dem Gipfel gewesen waren und eine weitere Nacht auf 8300 m verbracht hatten, stiegen von Camp IV erneut auf und brachten Sauerstoff. Man muss da oben gewesen sein, um halbwegs einschätzen zu können, welch ein Effort dies war. Es gelang schliesslich den fünf Männern, die beiden Halbtoten herunterzubringen – eine unvorstellbare Leistung. Und ein Beweis dafür, dass selbst am Everest nicht allen der Gipfel über alles geht.

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