Michel Darbellay Porträt einer stillen Führerpersönlichkeit

La Fouly, Februar 2002, Rendezvous mit Bergführer Michel Darbellay. Die meisten Leute verbinden mit diesem Namen den ersten Alleingang in der Eigernordwand. Ich habe ihn erst einmal getroffen und weiss von ihm nur, was mir seine Angehörigen erzählt haben: eine äusserst zurückhaltende Persönlichkeit mit einem ausserordentlichen Palmarès.

Das Gespräch startet mit Darbellays Aussage « Ich habe noch einmal darüber nachgedacht und finde es eigentlich keine gute Idee, über mich einen Artikel zu schreiben !» nicht ganz optimal. Die Worte seines Bruders Jacques kommen mir in den Sinn, der mir erklärte, wie Michel eines Tages alle Einladungen ausschlug, nachdem er seiner Meinung nach viel zu lange den Reigen von Konferenzen und Treffen zu seinen Ehren und zur Feier seiner grossen Unternehmungen mitgemacht hatte. « Manchmal, wenn er wieder eine Einladung erhalten hatte, kam er zu mir und bat mich, für ihn einen Brief zu schreiben. Er hatte auf der Rückseite der Einladung die Antwort entworfen. Da standen zwei Bemerkungen: Antwort: Nein, Grund: Gedächtnisverlust. »

Dennoch entwickelt sich bald ein Vertrauensverhältnis zwischen uns, und meine Fragen werden auch beantwortet. « Ich pflege die Erinnerung nicht besonders. Selbst mit meinen Kindern – beide ebenfalls Bergführer – spreche ich kaum darüber. Manchmal eine Anekdote beim Essen, aber das ist schon alles. Man soll nicht zu viel von der Vergangenheit reden, besser den Platz den Jungen überlassen. »

 

Der am 28. August 1934 in Orsière geborene Michel streift schon als kleiner Bub in den Bergen umher. Er tummelt sich in Geröllhalden und steilen Hängen wie andere auf dem Trottoir. Mit zunehmendem Alter kommt die Neugierde auf das Unbekannte. « Man kletterte irgend- etwas, irgendwie. Manchmal war man blockiert, ohne Seil, wie eine Katze zuoberst auf einem Baum und konnte nicht mehr herunter, sodass man um Hilfe rufen musste. »

Der Abenteuergeist führt ihn in den Extremalpinismus. Nachdem er mit 26 Jahren Bergführer geworden ist, geht er berufsmässig in die Berge, aber das Klettern in schwierigen Routen gibt er nie auf. In Begleitung von Kunden eröffnet er zahlreiche Routen im Himalaya, in Alaska, in Afrika, auf Grönland und selbstverständlich auch in den Alpen. Zu jener Zeit, da künstliche Kletterei Teil von langen Unternehmungen ist, zeigt er sich als Pionier, der möglichst schnell vorankommen will. « Es war nicht etwa ein Wettrennen, sondern wir gingen einfach schnell. Wenn man in dieser Umgebung aufgewachsen ist, hat man einen angeborenen Respekt vor den Bergen. Wir biwakierten nicht gern und wollten so schnell wie möglich wieder zurück sein. » So wie in der Matterhorn-Nord-wand, wo Michel und sein Seilkamerad schneller vorankommen als die Seilschaften auf dem Normalweg am Hörnligrat.

 

Wie er in seinen Erinnerungen kramt, erzählt er als Erstes – Ausdruck seiner Bescheidenheit – von einer gescheiterten Erstbegehung: « Ein Jahr nach dem Drama am Frêney-Zentralpfeiler war die Reihe an uns, meinem Bruder Alphonse und mir. Er stürzte, und dann war die Lust einfach weg. » Mit seinen Brüdern Daniel, Alphonse und Laurent – alle drei ebenfalls Bergführer – wandelt Michel mehrmals auf den Spuren von Walter Bonatti.. " " .Am Grand Capucin zum Beispiel und den Drus im Montblancmassiv, wo ihre Vorbereitung ziemlich amateurhaft sind: « Wir hatten eine Anfängerausrüs-tung dabei. Selber gebastelte Strickleitern aus Wäscheleinen zum Beispiel. Wir gingen mit geringen Informationen über die Route an die Arbeit und wollten unbedingt das Zugangscouloir zum Bonatti-Pfeiler, das als gefährlich galt, vermeiden. Dafür mussten wir vier oder fünf Seillängen klettern, die schwieriger waren als der Pfeiler selber. » Er spricht selbstverständlich auch von seiner Ausnahmeleistung am Eiger, wo die Einsamkeit ihn geprägt hat. Oder von der ersten Winterbegehung am Badile, die er als « schrecklich » beurteilt: « Die Bedingungen zwangen uns zu acht Biwaks. Wir mussten zu Techniken Zuflucht nehmen, wie sie im Himalaya üblich sind, wo man manchmal nur 30 oder 40 Meter im Tag vorwärts kommt. Die wahre Hölle! Ich verstehe heute noch nicht, wie man das gemacht und körperlich ausgehalten hat. » Wenige Monate zuvor hat Michel geheiratet. Seine Frau verbringt zum ersten Mal Weihnachten und Neujahr allein zu Hause. « Sie musste sich früh daran gewöhnen, lange allein zu sein, wenn man einen Haushalt mit drei Bergsteigern teilt. »

 

Heute orientiert sich der grosse Alpinist in der Zeitung über die Kletterszene. Er kritisiert die Entwicklung des Kletterns nicht, sondern sagt einfach: « Mir scheint, die Sicherheitstechnik hat sich gewaltig verbessert, aber die objektiven Gefahren der Berge sind die gleichen geblieben. » Obschon er heute weniger in die Berge geht, fehlt es ihm nicht an Projekten. Und er richtet sich immer noch auf die Zukunft aus.

Ich gewinne den Eindruck, ein seltenes Privileg zu geniessen: Der Mann, der sonst so schweigsam ist wie die Granitblöcke, die er in seiner Jugend erkletterte, hat mir einen kleinen Einblick in seine Geschichte als Bergsteiger gewährt und mir ermöglicht, mit seinen Augen seine aussergewöhnlichen Abenteuer mitzuerleben.

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