Mit Begeisterung auf die ­Gratwanderung

Daniel Marbacher führt ab Mitte Juni 2018 die Geschäftsstelle des SAC.

Die Leidenschaft für die Berge und für den Bergsport hätten ihn dazu bewogen, beim SAC einzusteigen, sagt Daniel Marbacher. «Es ist für mich ein Traumjob, den SAC zusammen mit dem Zentralvorstand und der Geschäftsstelle in die ­Zukunft zu führen und zu repräsentieren.» Marbacher ist sich bewusst, dass die Bedürfnisse der SAC-Mitglieder nicht ­homogen sind und dass es bei gewissen Themen sogar beträchtliche Spannungen geben kann. Andreas Minder hat ihn mit einigen Gegensätzen konfrontiert.

Minder: Was sind die Berge: ­Heiligtum oder Sportgerät?

Marbacher: Für mich sind die Berge beides. Jeder soll diesbezüglich sein Bedürfnis ausleben können. Wer auf dem Eiger meditieren will, soll das machen können. Wer möglichst schnell die Nordwand hinaufwill, soll das tun. Beides soll nebeneinander Platz haben. Das muss kein Widerspruch sein.

Was macht den Bergsport aus: ­Risiko oder Sicherheit?

Was mich stört, ist, dass der Begriff Risiko oft negativ behaftet ist. Bewusst ein höheres Risiko einzugehen und ein Abenteuer zu wagen, kann extrem befreiend sein und Glücks­momente auslösen. Es ermöglicht uns Erlebnisse, die wir sonst nirgends mehr haben können. Ich bin überzeugt, dass Bergsteigern, die bewusst ein höheres Risiko eingehen, eher ­weniger passiert. Sie sind extrem fokussiert und verhalten sich auch sehr geschickt. Die meisten Unfälle geschehen auf einfachen Touren mit Leuten, die sich eines Risikos nicht bewusst sind. Hier muss der SAC ansetzen, informieren, sensibilisieren und ausbilden, damit die Leute Risiken überhaupt erkennen.

Soll der SAC die Berge schützen oder nutzen?

Es ist eine grosse Herausforderung, die Vorstellungen von Bergregionen und Städtern zusammenzubringen. Aber da ich selber diese Widersprüche verkörpere – ich bin auf dem Land aufgewachsen, bin Bergführer, wohne aber heute in der Stadt –, versuche ich, ein Brückenbauer zu sein. Wichtig ist, dass man zusammen an einen Tisch sitzt. Ich möchte die Leute dazu bringen, Verständnis für ihr Gegenüber zu entwickeln. Wichtig ist mir, dass wir innerhalb des SAC Lösungen finden. Das A und O dazu sehe ich in der internen Kommunikation.

Soll sich der SAC für den freien Zugang oder für Schutzgebiete einsetzen?

Das ist für mich kein Widerspruch. Als Bergführer und Berggänger ist mir der freie Zugang wichtig. Wenn die ganzen Alpen ein Nationalpark wären, könnten wir unsere Leidenschaft nicht mehr ausleben. Schutzgebiete im Hochgebirge kann ich zum Teil nicht nachvollziehen, weil dort der Nutzungsdruck eher klein ist. Wenn es aber gute und nachvollziehbare Gründe für Schutzgebiete gibt, sträube ich mich nicht dagegen. Die intakte Bergwelt ist mir ein Anliegen, und der Nutzungsdruck nimmt zu. Grundsätzlich sinnvoller als Schutzgebiete scheinen mir aber Verhaltens­regeln. Der SAC soll seine Mitglieder sensibilisieren und zu respektvollem Verhalten gegenüber der Natur motivieren.

Schweiss oder Rotoren: Was ist dir lieber?

Persönlich verzichte ich aufs Heliskiing, da das Selberaufsteigen für mich eine grosse Befriedigung ist. Ich bin gegenüber zusätzlichen Landeplätzen und Landeplätzen in Schutzgebieten eher skeptisch. Ein grundsätzliches Flugverbot bringt aber nichts. Wie es gehen kann, zeigt der Kompromissvorschlag mit zeitlichen und saisonalen Einschränkungen, der für den Raum Zermatt erarbeitet worden ist. Leider hat das Bundesamt für Zivilluftfahrt diese Lösung nicht aufgenommen.

Wofür steht der SAC: Staumauern oder unverbaute Landschaft?

Wenn wir unsere Atomkraftwerke abstellen wollen, brauchen wir neue Energiequellen. Eher kritisch stehe ich Wind­kraftwerken gegenüber. Der energetische Mehrwert ist zu klein, um das Landschaftsbild so stark zu beeinträchtigen. Im Vordergrund steht für mich die Wasserkraft. Bestehende Wasserkraftwerke sollten erneuert werden, um mehr Energie zu produzieren. Auch neue Werke schliesse ich nicht aus. Sie sollten aber einen wesentlichen Beitrag zur Energiewende leisten. Das Trift-Projekt der KWO finde ich ein sehr gutes Beispiel.

Was ist wichtiger: Breiten- oder Spitzensport?

Das muss beides Platz haben im SAC. Der Breitensport ist die Basis des SAC – hier muss der Schwerpunkt der Tätig­keit liegen. Der Spitzensport ist aber vor allem für die Jungen wichtig. Er kann auch ein Mittel sein, um sie für den SAC zu gewinnen. So startet ein Jugendlicher zum Beispiel im Leistungssport und betreibt mit zunehmendem Alter immer mehr Breitensport – das alles im SAC.

Soll der SAC wachsen oder schrumpfen?

Der SAC muss nicht per se wachsen. Grösser heisst nicht besser. Ich finde es aber wichtig, dass möglichst viele Leute, die «z Bärg» gehen, auch Mitglied des SAC sind. Dann können wir sie mit unseren Themen erreichen. Es geht aber auch darum, eine starke Stimme für die Interessen der Berggänger zu haben. Der SAC ist einer der grössten Sportverbände der Schweiz, wird aber nicht als solcher wahrgenommen. Dies möchte ich ändern.

Daniel Marbacher persönlich

Der neue SAC-Geschäftsführer hat seine ­berufliche Laufbahn mit ­einer Schuhmacherlehre begonnen. In ­Japan bildete er sich ­weiter. Dann holte er das Gymnasium nach und studierte Geografie, Geschichte und ­Geologie. 2003 machte er das Bergführerpatent, 2013 ein CAS in Betriebswirtschaft. Der heute 44-­Jährige hat als Projektleiter und Fachmann für ­Naturgefahren für Firmen im Kanton Bern gearbeitet. Zuletzt hat er den Fachbereich Umwelt bei den ­hydraulischen Kraftwerken der BKW geleitet. Daneben war er bis 2016 Mitinhaber der Bergschule Bergpunkt und als selbstständiger Bergführer unterwegs.

Im SAC ist Daniel Marbacher seit1992. In der Sektion Entlebuch hat er sich als Tourenleiter, Tourenchef und Vizepräsident engagiert. Skitouren, Hochtouren und Klettern sind seine bevorzugten Disziplinen am Berg. Das Eis reizt ihn heute etwas weniger. Je weniger er in die Berge kommt, desto mehr braucht er die Sonne. Cleanclimbing findet er befreiend, weil er dabei dort durchklettern kann, wo er will, und nicht den Haken folgen muss. Mit seinen drei ­kleinen Kindern trifft man ihn ­vermehrt wieder auf der Piste an, nicht ­selten mit Telemarkski.

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