Mit dem Ballon über die Alpen. Berge von oben

Berge von oben

Mit dem Ballon über die Alpen

Wer als Alpinist in einem Ballon die Alpen überquert, erhält neue Berg-sichten. Die Erinnerungsfahrt in einem Heissluftballon zu Ehren des Schweizer Ballonpioniers Eduard Spelterini startete auf der Kleinen Scheidegg und führte windbedingt ins Rhonetal.

« Gut Land » ruft uns die Bodencrew auf der Kleinen Scheidegg zu. Daniel, unser Pilot, dreht das Gasventil auf. Eine mächtige, sechs Meter hohe Stichflamme fährt in die Hülle. Für einen kurzen Augenblick halte ich den Atem an, dann heben wir ab. Gut Land! Doch wer denkt in der Euphorie der ersten Ballonfahrt mit dem Ziel einer Alpenüberquerung an Land? Ich ganz bestimmt nicht. Aufsteigen will ich, ad-lergleich, zu den höchsten Gipfeln, königlich über Berge, Gletscher und Grate schweben. Ohne Schweiss und Mühe die Augen von höchster Warte aus über meine lieben Berge und Täler schweifen lassen.

Das Phänomen der Perspektive

Begleitet vom gelegentlichen Fauchen der Gasflamme gewinnen wir an Höhe. Die Strahlen der Morgensonne bilden Lichtbahnen durch den herbstlichen Dunst im Grindelwaldtal. Am Mittellegigrat scheiden sich Schatten und Licht. Die mächtige Eiger-Nordwand, die schon vielen Alpinisten zum Verhängnis wurde, gibt sich von hier aus zahm und bescheiden. Vom Bergsteigen her bin ich es gewohnt, dass die Perspektiven je nach Standort erheblich variieren. Aus dem Ballon bemerke ich ein weiteres Phänomen: Die dritte Dimension löst sich beinahe auf. Es entsteht die Illusion einer riesigen Fläche. So als ob man von der Kleinen Scheidegg ebenen Weges zur Grossen Scheidegg hinüber-laufen könnte. Schnell gewinnen wir die Höhe des Jungfraujochs. Eingerahmt von Mönch Grenzenlose Freiheit, die sich im Ballon so unbeschwert anfühlt. Welcher Gegensatz auch zu den finsteren, kalten Nordwänden ( v. l. ) von Jungfrau, Aebeni Flueh, Mittag-, Gross- und Breithorn Irgendwo weit unten liegt der Obersteinberg.

Unter uns die wegen des Steinschlags berüchtigte Nordwand des Breithorns. Im Mittelgrund das Bietschhorn. Und ganz hinten das Weisshorn, das seinen Namen zu Recht trägt Fotos: Christian von Almen und Jungfrau richtet sich der Blick auf die strahlend weisse Fläche des Jungfraufirns. Ein mässiger Ostwind treibt uns entlang der Jungfrau-Nordwand, fast auf gleicher Höhe mit dem Gipfel des grossen Silberhorns. Makellos erhebt sich die formschöne Pyramide vor unseren Augen. Da, wo der Nordgrat in den Firn abtaucht, stehen zwei Bergsteiger und winken uns zu.

Mit den grossen Nordwänden auf Du

Gemächlich fahren wir weiter über den Silberhornsattel, entlang dem Schwarzgrat. Und mit einem Mal schweben wir, losgelöst von den gerade noch Halt bietenden Bergflanken des Schwarzmönchs, frei über dem Nichts. Fast 3000 Meter tiefer liegt der Trümmelbach. Der Blick hinunter ist berauschend. Ich wünschte, der Ballon stünde für eine kleine Ewigkeit still, um all den Eindrücken Herr zu werden. Stattdessen erfasst uns eine leichte Brise. Mit einer Geschwindigkeit von ein paar wenigen Stundenkilometern treiben wir auf den das Tal abschliessenden Bergkranz mit den imposanten Nordwänden von Gletscherhorn, Äbeni Flue, Mittaghorn, Grosshorn und Breithorn zu.

Spelterinis Husarenstück

Wenig später wechseln wir vom kühlen Schatten der grossen Wände hinüber in das besonnte Lötschental. Unter uns die Wetterlücke und das Innere Faflertal. Mitten über der Fafleralp lässt uns eine Windstille in der Luft hängen. Daniel steigt mal höher, mal sinkt er, immer auf der Suche nach Wind. Ich denke an Eduard Spelterinis Alpenflug vom 2O. September 1904. Der Schweizer Ballonpionier und Fotograf startete von der Station Eigergletscher zu seiner hoffnungsvollen Alpenüberquerung. Der Gasballon « Stella » trug ihn zur Jungfrau, dann noch höher bis gegen 6000 Meter und weiter ins Rhonetal, wo er sich vermutlich schon die Walliser Alpen überqueren sah, als ihn der Wind zurück nach Adelboden wehte.. " " .Von seinem Husarenstück brachte er spektakuläre Aufnahmen der Jungfraugruppe mit. Endlich nehmen wir wieder Fahrt auf, in Richtung Bietschhorn, bewundern den schwungvollen Westgrat, werfen einen Blick in die schattige, verschneite Nordwestwand, gleiten über den Schafberg hinweg. Unter unserem « Himmelsbalkon » breitet sich der Bietschgletscher aus. Der Panoramablick kreist von den Lötschentaler zu den Berner Alpen, das Rhonetal hinunter und wieder hoch entlang den imposanten Walliser Viertausendern. Beim Blick gegen Süden erfasst mich etwas Wehmut. Mit dem flauen Wind werden wir nie über die nächste Alpenkette kommen. Wir schaffen es knapp über das Rhonetal.

Die Landung

Nun heisst es Abschied nehmen vom unendlichen Blau des Herbsthimmels, von den Weiten der Horizonte, gespickt mit den unzähligen strahlend weissen Gipfeln, von den Gletscherpässen und grünen Tälern. Rasch gewinnt der Boden an Form und Kontur. Die Rhone, ein grosses Maisfeld, ein wenig Wald, eine braune, trockene Ackerfläche und, damit auch noch für Nervenkitzel gesorgt ist, eine Hochspannungsleitung. Elegant manövriert Daniel an all den Hindernissen vorbei. Gut Land! Ja, wir sind gut gelandet. Überglücklich steige ich mit etwas steifen Beinen aus dem Korb. Welch ein Höhenflug! Auch wenns nicht über beide Alpenketten gereicht hat. a Christian von Almen, Stechelberg Foto: Christian von Almen Der Schatten des Ballons liegt ganz klein auf dem Inneren Talgletscher. Links die Blüemlisalpgruppe, rechts das Tschingelhorn

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