Mit der Familie über die Alpen

Die Fahrt in den Süden über die Schweizer Alpen legt man im Auto – ohne Stau – locker in zwei, drei Stunden zurück. Erleben kann man dabei graue Autobahnkilometer, farbige Blechkarossen und flüchtige Anblicke von Berghängen aus der Froschperspektive. Bei einer Alpenüberquerung mit der Familie zu Fuss, kombiniert mit öV, wird dies zu einem siebentägigen, schwergewichtigen Unternehmen mit kindergerechter Routenwahl.

Erster Höhepunkt: Steine apportierender Hund Mitnehmen wollen wir nicht viel: Ersatzwäsche, Regenkleider, Proviant für max. zwei Tage – und doch gibt dies mit zwei kleinen « Vielfrassen » schon ganz schön schwere Rucksäcke.. " " .Von Schwan-

Im ersten Steilaufstieg durch das Jetzloch Richtung Panixerpass mit Blick Richtung Rotstock ( Crap Tgietschen ) Fo to :F eli x O rt lie b DIE ALPEN 9/2001

den ( GL ) bringt uns der Autobus zur Abzweigung Obererbs. Ab jetzt heisst es auf Schusters Rappen weiter. Schon bald bestaunen die Buben die wuchtigen Panzer auf dem Schiessplatz von Wichlen. Der erste Steilaufstieg erfolgt im Schatten der Vorab-Westwand über die Jet-zalp, dann gehts weiter über Altschneeresten am Häxenseeli vorbei. Vater und Sohn David eilen voraus, da die Plätze in der Panixer-Hütte beschränkt sind. Trotz unseren Befürchtungen besteht in der Schutzhütte weder Mangel an Platz noch an Wolldecken. Hund « Aladin » der drei anderen Gäste hats den Kindern angetan: Sie werfen ihm den ganzen Nachmittag Steine. Und am Abend kreiert Vater Felix aus den mitgeschleppten Lebensmitteln für alle das Nachtessen.

Von Suworow, Regen und Badefreuden Der blaue Himmel vom Vortag ist verschwunden, Regentropfen fallen, Unbehagen kommt auf. Wir warten, bis sich die schlimmsten Regenwolken über dem Hausstock verzogen haben. Der Abstieg ins Bündnerland erfolgt über verschiedene Vegetationsstufen und bietet gleichzeitig einen Ausflug in die Geschichte: Auf den Spuren des russischen Generals Suworow, der vor 200 Jahren mit 9000 Mann unter widrigen Umständen über den Pass flüchtete und das damals 100 Einwohner zählende Dorf Panix belagerte, spriessen viele Geschichten. Die Häuser des Dorfes sind bereits von der Alp Ranasca-Dadens aus zu sehen. Am Ziel zieht es uns in die einzige Gaststube, der vorhandene Billardtisch wird von den Kindern in Beschlag genommen und lässt die müden Beine vergessen.

Am andern Tag – zum Glück kein Wandertag – regnet es in Strömen. Per Postauto reisen wir nach Vals – mit dem Versprechen, in der Felsentherme zu baden. Nur haben an diesem verregneten Ferientag viele andere Feriengäste die gleiche Idee, sodass es zu einer unüber-schaubaren Warteschlange vor dem Eingang kommt. Wir vertreiben uns die Zeit mit Einkäufen im Dorf und einem Besuch bei Bekannten.

Da wir uns den ersehnten Badebesuch

Bei der Panixerpass-Hütte; Panorama vom Chalchhorn zum Vorab Aufstieg über die Altschneeresten bei den « Gurglen » kurz vor dem Erreichen des « Häxenseeli » Fo to s: Feli x O rt lie b DIE ALPEN 9/2001

nicht entgehen lassen wollen, stellen wir unsere Ferienplanung kurzerhand um und bleiben einen Tag länger in Vals. Wir sind alle begeistert von der speziellen Architektur des Bades.

Ziegen und Postauto Der Wanderbus bringt uns auf die Ziegenalp von Peil, wo interessierte Touristen das Alpleben und die Ziegenkäse-Herstellung kennen lernen.. " " .Wir hingegen geniessen die einsamen Grashänge im Aufstieg zum Valserberg, später werden sie von den Geröllfeldern des Valser-horns abgelöst. Die zahlreichen Bunker aus dem 2.Weltkrieg nahe der Passhöhe beflügeln das Tempo und die Fantasie der Kinder, sie wollen das Gelände rund um die Schutzbauten erkunden. Auf der Passhöhe des Valserbergs, 2504 m ü. M., ist es windig und kalt, zu ungemütlich für eine Rast.

Nach einem kurzen Abstieg entdecken wir unser nächstes Ziel, die Siedlung Hinterrhein. Aber noch liegen 800 Höhenmeter Abstieg vor uns, bis wir am frühen Nachmittag unsere Rucksäcke neben den Dorfbrunnen abstellen können. Später können wir die heimkehrenden Ziegen beobachten, wie sie selbstständig ihre Ställe finden. Wir selber logieren in einem alten malerischen Haus und versorgen uns im Dorflädeli mit unserem Wunschessen.

Am andern Morgen ruft das Horn die Ziegen zusammen, die alsbald auf die Weide trotten. Wir besteigen das Postauto Richtung Misox, durch den San-Ber-nardino-Tunnel ins Valle Mesolcina. In Soazza erwartet uns das Taxi, das uns auf der nicht enden wollenden Bergstrasse auf die Alp de Bec bringt. Von hier steigen wir durch lichten Lärchenwald auf den Passo de Buffalora. Durch die vorangegangenen Gewittertage ist jeder Weg ein Bach, und jeder Bach kann auch

Kunst und Kult auf dem Panixerpass Im Aufstieg von Peil über Walletsch zum Valserberg; Blick talauswärts Richtung Vals, in der Ferne die Dörfer « Morissen », « Vella » und « Degen » im Lumnez Siedlung auf der Alp Peil DIE ALPEN 9/2001

der Weg sein. Sämi entdeckt sein Talent zum begeisterten Bachspringer.

Nach der Überschreitung der Passhöhe erreichen wir nach kurzem Abstieg die Buffalora-Hütte inmitten eines traumhaften Naturschutzgebiets, das so viel zu entdecken bietet. Zusammen mit den Alpin-Wanderern des « Sentiero alpino Calanca » werden wir vom Hüttenwart beim Nachtessen mit wunderbaren Bündner-Spezialitäten verwöhnt.

Fahrplantücken Der trübe, nasse Morgen gibt uns Zeit für ein ausgiebiges Frühstück mit selbst-gebackenem Brot, hausgemachter Konfi-türe und verschiedenen Käsesorten. Als es aufhellt, steigen wir über steile Bergflanken ab. Im dichten Wald voller Spinnennetze überlässt David die Führung gerne dem Vater. Ziel ist der Talgrund mit seinen Dörfern, vor allem Rossa, wo wir die eng ineinander verschachtelten Häuser und Gassen bewundern und nach einer Stärkung in der Herberge im Wasserlauf der Calancasca spielen und baden.

Das frühe Aufstehen am nächsten Morgen zeigt nicht die gewünschte Wirkung: Der vorgesehene Bus erscheint nicht – Fahrplan lesen müsste man können! Also gehts zu Fuss talauswärts und dann in Grono auf den Autobus Richtung Bellinzona. Ein Bummel durch die Altstadt und zur Burg hinauf macht deutlich, dass die beschaulichen Wandertage vorbei sind. Der Schnellzug bringt uns auf die Alpennordseite zurück, und nach einem kurzen Aufenthalt am Urnersee führt uns das Postauto über den Klausenpass nach Hause. ZumAuspacken der Rucksäcke gehört die Frage: « So Jungs, was hat euch an dieser Wanderwoche am besten gefallen ?» Die einstimmige Antwort « Der Fernsehabend im Hotelzimmer !» macht einen Moment lang sprachlos!

Unsere Erfahrungen

Auf unserer Alpenquerung haben wir erfahren, dass Kinderkleider und -schuhe nicht so lange dicht halten, wie gerne angenommen wird. Kinder kühlen bei Nässe und Kälte schneller aus als Erwachsene. Die kleinen Läufer merken oft nicht, ob sie zu viel oder zu wenig angezogen haben. Bei grosser Hitze fällt es Kindern schwer, lange Strecken zurückzulegen, sodass es besser ist, frühmorgens unterwegs zu sein. Eine kindergerechte Etappe dauert nur eine halbe bis eine Dreiviertelstunde. Die offiziellen Zeitangaben müssen in der Regel mit

« Schellenursli»-Romantik in Hinterrhein Heisshunger auf heisse Speisen Auf der « Alp de Bec » im Aufstieg zum Buffalora-Pass DIE ALPEN 9/2001

dem Faktor 1,5 multipliziert werden, damit sie dem Schritt der Kinder entsprechen. Und nicht zu vergessen: Snacks und wiederholtes Trinken halten den Blutzucker und damit die Stimmung hoch. Bekanntlich sollten Kinder nicht mehr als 10% ihres Körpergewichts tragen, Lebensmittel sind also gut zu verteilen.

Informationen Panixerpass-Hütte: unbewartete Schutzhütte für Selbstversorger, ca.14 Schlafplätze; Auskunft Verkehrsbüro Elm, Tel. 055/642 60 67

Pigniu/Panix: Studio mit Kochgelegenheit, Tel. 081/941 26 42

Vals:Verkehrsbüro,Tel.081/920 70 70 Hinterrhein: Auskünfte Verkehrsbüro Splügen, Tel. 081/650 90 30

Soazza nach Alp de Bec: Taxi Lele in Grono, Tel. 0800/87 67 67

Buffalora-Hütte: Tel. 091/828 14 67 Rossa: Auskünfte Verkehrsbüro San Bernardino, Tel. 091/832 12 14

Karten: LK 1:50 000 Blatt 247 Sardona, Blatt 257 Safiental, Blatt 267 San Bernardino; LK 1:100 000 Blatt 38 Panixerpass, Blatt 43 Sopra Ceneri a

Ursi und Felix Ortlieb Zweifel, Schwanden Kanadische Wildnis oder Val Calanca?

Ponys begrüssen uns kurz vor der Passhöhe.

Fo to s: Feli x O rt lie b DIE ALPEN 9/2001

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