Mit Disziplin gegen die Gefahr der Wiederholung Routine am Berg: Chancen und Gefahren

Routine hält den Kopf frei, Routine macht unkonzentriert. Bergführer, die Hunderte Male mit Gästen den gleichen Gipfel erklimmen, wissen um die Vorteile und Risiken von zahlreichen Wiederholungen. Vier Routiniers erzählen, wie sie damit umgehen.

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Routine steht für mich in Verbindung mit Erfahrung. Sie kommt mir in Stresssituationen entgegen, aber ich muss trotzdem ständig wachsam bleiben.

128-mal ist Franz Berger aus Lauterbrunnen schon auf dem Gipfel der Jungfrau gestanden, über 200-mal hat er Gäste auf den Mönch geführt. Der 55-jährige Bergführer kennt auf beiden Klassikern die besonderen Stellen und weiss, wo das Seil auch mal durchhängen darf. Er weiss aber auch, dass die Routine Sicherheit vortäuschen kann. «Deshalb versuche ich, dem Berg immer wieder wie beim ersten Mal zu begegnen», sagt er. Keine einfache Aufgabe. Denn wir neigen zur Erwartung, dass etwas, das zehnmal gleich abgelaufen ist, sich auch beim elften Mal so zuträgt. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch sinnvoll beziehungsweise unumgänglich. Niemand kann acht oder mehr Stunden ohne Unterbruch aufmerksam sein. Ohne das Vermögen, bestimmte Handlungen zu automatisieren, wären wir gar nicht handlungsfähig. Routine entlastet das Gehirn. Am Berg zeigt sich jedoch auch, wie gefährlich es werden kann, wenn man überrascht wird. Es kommt nicht von ungefähr, dass Routine zu jenen Begriffen gehört, die positive und negative Assoziationen wecken: Sie kann ebenso für Erfahrung und Souveränität stehen wie für Überdruss und Nachlässigkeit.

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Routine kann gefährlich sein, aber es braicht noch viele andere Faktoren, um daraus eine gefährliche Gewohnheit werden zu lassen. An all diesen Puzzleteilen müssen wir tagtäglich arbeiten.

Der Achtlosigkeit vorbeugen

Wie gehen erfahrene Bergführer mit der zweifachen Wirkung von Routine um? Franz Berger versucht, den Respekt vor dem Berg bewusst zu bewahren. Dabei hilft ihm ein Ritual: «Schon seit meiner Zeit als Aspirant nehme ich mir immer am Abend vor und nach jeder Tour die Zeit, sie noch einmal durchzugehen.» Dabei versuche er, Fehler oder Fallen zu entdecken, Entscheidungen zu hinterfragen und mögliche Alternativen und ihre Auswirkungen zu prüfen. So lerne er, seine Entscheidungen kritisch einzuordnen, Achtlosigkeit vorzubeugen und sich nicht zu überschätzen.

Auch Egon Feller legt grossen Wert auf die mentale Vorbereitung. Der 58-jährige Lötschentaler Bergführer hat bisher 95-mal mit Gästen den Bietschhorngipfel erreicht und an diesem Berg – wie auch am Matterhorn, das er schon 135-mal erklommen hat – zünftig Erfahrung gesammelt. Vor einer Tour legt er die einzelnen Abschnitte und besondere Stellen in Gedanken zurück, manchmal sogar mehrmals. Diese Vorbereitung schärfe nicht nur die Sinne, sie erhöhe gleichzeitig Vorfreude und Motivation. Vor einem falschen Sicherheitsgefühl schütze zudem die Tatsache, dass einige Dinge eben doch immer anders seien: das Wetter, die Gäste, die gewählte Route. «Obwohl ich in etwa weiss, was mich erwartet, ist es jedes Mal eine neue, eine andere Unternehmung», sagt Egon Feller. Die Erfahrung als Summe von guten und weniger guten Erlebnissen erleichtere ihm die Arbeit, habe ihn aber auch Bescheidenheit gelehrt. «Die Gefahr, mich zu überschätzen, war in jungen Jahren um einiges grösser als heute.»

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Es muss alles stimmen: das Wetter, das Material und der Kopf. Er muss frei sein. Probleme mit an den Berg zu nehmen, kann zu Konzentrationsschwächen führen.

700-mal am Riffelhorn

«Ich war bisher über 700-mal am gleichen Berg.» Das kann neben dem Zermatter Bergführer Martin Lehner wohl kaum jemand von sich behaupten. Das Riffelhorn sei immer unglaublich, aber jedes Mal wieder anders – jedes Mal, wenn er dort Routen einrichte, filme oder fotografiere und wenn er mit Freunden unterwegs sei oder mit Gästen auf Probetour für das Matterhorn. «Routine kann da oben kaum aufkommen», sagt er. Komplett sei die Gefahr von «Gewohnheitsfehlern» jedoch nicht auszuschliessen: «Ich habe schliesslich auch schon erfahrene Berufskollegen am Berg verloren.» Es könne eben schon passieren, dass man einmal einen Haken auslasse oder dass ein Gast den Bergführer nicht gut sichere. Martin Lehner kennt die Gefahr von unbewussten Automatismen. «Es kann immer etwas Unvorhergesehenes passieren. Das Verinnerlichen dieser Binsenwahrheit muss ich jeden Tag üben. Nur dann wächst daraus die richtige Einstellung», sagt er. «Wenn du denkst, an einer bestimmten Stelle könne nichts passieren, wird es gefährlich.»

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Mit viel Erfahrung und Routine wird das Risiko nicht kleiner. Berge unterscheiden nicht zwischen erfahrenen und weniger erfahrenen Bergsteigern. Nur die Fehler sind entscheidend.

Mechanismen bewusst einsetzen

Mehr als 400-mal ist Kurt Lauber, Bergführer, Retter und ehemaliger Hüttenwart der Hörnlihütte, auf dem Matterhorn gestanden. Erfahrung sei am Berg etwas sehr Wertvolles, auf das man meist unbewusst zurückgreife, meint er. «Vor Routine hatte ich aber immer schon Respekt. Sie kann einem Sicherheit vortäuschen und einen in die Irre führen, sogar bei Rettungen.» Mechanismen seien schön und gut, aber in der Natur, wo nichts statisch sei und sich alles laufend verändere, seien sie nur hilfreich, wenn sie mit Bedacht eingesetzt würden. Die Natur dürfe nie unterschätzt werden, auch vermeintlich einfachste Situationen nicht. «Es ist wichtig, Routine bewusst zu nutzen und gleichzeitig jeden Handgriff zu hinterfragen. Das erfordere besonders bei eingeschliffenen Abläufen Wachsamkeit», sagt Kurt Lauber. Er erinnert sich an eine Situation, bei der er aus «gedankenloser Routine» beim Abseilen fast einen Fehler begangen hat. «Schliesslich habe ich die Technik doch noch einmal überprüft und den Fehler bemerkt.» Die Erinnerung an den Beinaheunfall habe ihn sich selbst gegenüber noch strenger gemacht. «Es ist auch eine Frage der Disziplin», sagt Kurt Lauber. «Dass man meist nicht allein unterwegs ist, hilft, diese aufrechtzuerhalten.»

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