Mit Kindern bergauf. Motivation ist fast alles

Mit Kindern bergauf

Um Kinder auf Wanderungen zu motivieren, braucht es manchmal herzlich wenig. Ein simples Stück Holz und ein Stückchen Schnur beispielsweise halfen Mario den Berg hinauf.

Die Hitze macht uns allen zu schaffen. Je stärker der Weg ansteigt, desto mehr kommen wir ins Schwitzen. Eine grosse Strecke liegt noch vor uns. Wie lässt sich diese mit den Kindern schaffen? Immer wieder geben wir ihnen das Ziel vor: Nur noch bis zur Brücke durchhalten, dann ist es nicht mehr weit. Doch genügt das, um sie zu motivieren?

Ein rettendes Stück Holz Wie es genau geschah, weiss ich nicht mehr. Jedenfalls hat Mario einen Stecken in der Hand und kramt plötzlich ein Stück Schnur aus der Hosentasche. « Kannst du mir das zusammenbinden ?», fragt er. Fachmännisch knote ich einen Mastwurf um das längliche Hölzchen. Und schon hat er einen Traktor, den er fortan hinter sich durch den Staub zieht, Motorengeräusche imitierend. Bei grösseren Tritten muss er erst Gänge schalten. Klemmt der Stecken, geht es zwei Schritte zurück.

Dank Marios Fantasie erreichen wir die Brücke. Den Wasserfall im Blick verkünden beide Kinder, dass sie unbedingt noch bis oben zur Bruchkante des Wasserfalls wollen. Der Anblick des fallenden Vorhangs hat offenbar beide fasziniert. Mario merkt gar nicht, wie er mit seinem improvisierten Spielzeug jede Hürde nimmt und die steilen Stufen ohne jegliches Jammern hinter sich bringt. Die feine Gischtdusche kurz nach der Brücke macht den Aufstieg kühl und angenehm. Oberhalb des Wasserfalls sind Müdigkeit und Anstrengung vergessen, die Kinder schaudert es beim Blick in die Tiefe. Ein bisschen stolz sind sie auf ihre grosse Leistung. Weit unten erkennt man die Brücke, wo wir vor gut einer Stunde gestanden sind. Mit neu erwachtem Entdeckergeist streifen sie um die Bäume, dem Ufer des Flusses entlang weiter hinauf, wo auf riesigen, leicht geneigten und geschliffenen Platten ein von der Natur geschaffenes Spielfeld auf sie wartet.

Der wandernde « Märlionkel » Das Mittagsgüpfi in der Pilatuskette ist vom luzernischen Eigental her eine anspruchsvolle mehrstündige Tour, dies auf einem Weg, der permanent ansteigt, bis man die Krete erreicht. Für Kinder ungeeignet, müsste man meinen. In der Gruppe sieht dies jedoch anders aus. Kinder vergessen oft, was sie leisten, wenn sie mit Gleichaltrigen zusammen sind. Diese Tatsache nutzend, schaffen wir an einem sonnigen Herbsttag ein gutes Drittel der etwa 700 Höhenmeter. Die Grösseren steigen schneller voran,

« Steimandli » bauen. Die kleine Aktivität zwischendurch gibt neue Energien.

Für Mario reichen ein Stück Schnur und ein Hölzchen, um sich einen imaginären Traktor zusammenzusetzen, der ihn den Berg hinauf begleitet.

DIE ALPEN 5/2004

die Gruppe zieht sich in die Länge, ich bleibe mit der sechsjährigen Olivia zurück. Das « ich mag nicht mehr » ist schon mehrmals über ihre Lippen gekommen und hat meine Motivationskünste arg strapaziert. Das Ziel ist noch zu weit weg, um bereits Anziehungskraft ausüben zu können. Im Wald finde ich immer wieder etwas, womit ihr Interesse geweckt werden kann: Himbeeren an den Stauden nach der nächsten Biegung pflücken, einen Wegweiser studieren, einen Schmetterling erhaschen, ein weiteres Spinnennetz oder einen grossen Käfer suchen. Aber jetzt braucht es neue Ideen, denn aus dem Wald geht es in steile Grashänge, Felswände säumen den Weg. Schliesslich fragt Olivia nach einer Geschichte. Irgendein Märchen hätte den Zweck sicher auch erfüllt. Ich entscheide mich jedoch für eine Fantasiege-schichte, in der Pilze zu Helden, Marder zu Bösewichten und hohle Bäume zu Futterspeichern werden. Als schliesslich eine kurze Passage zu klettern ist, vergisst Olivia ihre müden Beine und überholt mich. Weiter oben gibt es dann noch Steinböcke zu beobachten, und schliesslich ist der Gipfel nicht mehr weit. Olivia steht sogar vor mir beim Gipfelkreuz.

900 Höhenmeter bei 36 °C Zum Glück beginnt der Weg zur Kröntenhütte im Erstfeldertal im Schatten des Waldes. Dann aber führt er über sanft geneigte Alpweiden durch die Sonne, um schliesslich in der Stäubenschlucht jäh anzusteigen. Wir haben es gewusst, die

Ausreichende Zwischenverpflegung stärkt und ermuntert zu neuen Taten.

Die kleinen Wunderwerke der Natur am Wegrand suchen und finden lassen, macht auch Kindern grosses Vergnügen.

Pusteblume! Einmal kräftig blasen, und schon fliegen sie weg, all die kleinen weissen Fallschirme.

Wasser fasziniert Kinder immer. Diesmal war es der Wasserfall, der das Interesse der Kinder schon von weitem geweckt hat. Nun sitzen sie in seiner unmittelbaren Nähe und bestaunen den Wasser-vorhang. Vernal Fall, Yosemite N.P. Speziell bei grosser Hitze ist immer wieder ein kurzer Trinkhalt zu empfehlen.

Fo to s: St ef an Tol uss o DIE ALPEN 5/2004

Wie motiviere ich Kinder beim Wandern

– Wichtigster Tipp: Erreichbare Etappen-ziele setzen. Wenn Kinder wissen, wie weit es noch ist bis zur nächsten Verschnaufpause, geht es meist besser. – Das Tempo den Kindern anpassen. Wichtig ist nicht, wer zuerst oben ist, sondern dass alle das Ziel erreichen, jeder so gut, wie ihn die Füsse tragen. – In Gruppen von Gleichaltrigen entsteht meist ein gewisser Ehrgeiz, was die Motivation steigert. – Auf die Kinder hören, sie haben oft selber gute Ideen, um sich beim Gehen auf andere Gedanken zu bringen. – Geschichten erzählen lenkt ab. – Die Kinder etwas am Wegrand suchen lassen, weckt ihre Neugierde und treibt sie voran. Bei hohen Temperaturen einen zusätzlichen Schluck Tee oder Wasser. – Einen Kraftspender aus der Deckeltasche des Rucksacks: Traubenzucker, Getreide-riegel u.ä. – Manchmal hilft es, wenn man dem Vater oder der Mutter die Hand geben darf. – Warum nicht spielerisch? Ein Stück Weg blind sich führen lassen. – Falls nichts mehr geht: Geduld üben. Alles andere wirkt kontraproduktiv.

Prognosen erzählen seit Tagen von der Brutofenhitze des Sommers 2003. Unsere Schritte werden immer schwerer und der noch so leichte Rucksack drückt bei Siebenjährigen erheblich auf die Stimmung. Wasser trinken, im Schatten kurz Pause machen, ein Stück Traubenzucker für mehr Energie – nach jedem der kurzen Halte kommen wir dem Ziel näher.

Der Fuhlensee lädt zum ausgiebigen Bade ein. Nur noch eine halbe Stunde bis zur Kröntenhütte An der Hand von Vater oder Mutter sind steile Passagen leichter zu bewältigen.

DIE ALPEN 5/2004

Wie schnell sich Kinder nach Strapazen erholen, erstaunt immer wieder. Eben noch meinte Olivia, sie könne keinen Schritt mehr tun, und schon rennt sie ein Stück bergan, um etwas zu melden. Beim längeren Stundenhalt erfrischen sich dann alle am Brunnen, Arme versinken im kalten Nass, T-Shirts werden befeuchtet, und einige Kinder tauchen sogar den ganzen Kopf hinein und spritzen wie frisch gebadete Hunde um sich. Aus Spass und Erholung wachsen neue Kräfte. Das nächste Etappenziel erreichen wir fast wie von selbst: Der Fuhlensee lädt zum Bade. Kaum über die Steilstufe zum Moor gelangt, stürzen sich die Ersten ins Wasser und schwimmen um die Wette zum gegenüberliegenden Ufer. Die Jüngeren finden auf Gletscherschliff-platten eine glitschige Rutschbahn und vergnügen sich damit. Tropische Hitze, drückender Rucksack und steiler Aufstieg scheinen vergessen. Früher staunte ich über die Erzählungen erfahrener Bergkollegen, die mit ihren kleinen Kindern Dreitausender bestiegen hatten. Ob alles wahr war? Kindern die Welt der Berge öffnen zu können, ist eine schöne Aufgabe. Manchmal braucht es wenig, gepaart mit ganz viel Fantasie. Und manchmal helfen Anregungen von andern weiter, eben diese Fantasie sprühen zu lassen. Dann geht es fast wie von selbst den Berg hinan. a

Stefan Tolusso, Willisau Das Ziel naht... Endlich ein Brunnen, der willkommene Abkühlung bietet Warum nicht spielerisch unterwegs sein? Mit verbundenen Augen über Stock und Stein wandern schafft erst noch Vertrauen.

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